De ecclesia - quae se intellegere debet
Erkenntnis und Interesse
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Die Kirche hat sich zu allen Zeiten als Trägerin der Wahrheit verstehen wollen – wohl nicht als deren Besitzerin, aber zumindest als deren Dienerin. In dieser Haltung liegen Größe und Gefahr zugleich. Denn wo Wahrheit bezeugt wird, stellt sich unweigerlich die Frage nach den Bedingungen eines solchen Zeugnisses. Ist das, was die Kirche lehrt, reine Durchgabe von altem „Wissen”? Oder ist dieses Wissen bereits durchzogen von jenen Kräften, die alles menschliche Erkennen begleiten - Eigeninteresse?
Die Einsicht aus Habermas’ Buch „Erkenntnis und Interesse” zwingt dazu, dieser Frage nicht auszuweichen. Auch die Theologie ist kein interesseloser Raum. Sie lebt – wie jede Form von Erkenntnis – aus Grundbewegungen des menschlichen Geistes, die die Gestalt dieses Geistes prägen. Wer das übersieht, verkennt nicht nur die Grenzen der Theologie, sondern auch ihre eigentliche Berufung.
Zunächst begegnet uns in der Kirche ein Interesse, das man als verständliches Verlangen in Richtung herzustellender Ordnung bezeichnen könnte. Das wäre die Neigung, Überliefertes zu sichern, zu systematisieren und vor Missverständnissen zu schützen. Dogmatik, kirchliches Recht, liturgische Form – all dies steht im Dienst einer Wahrheit, die nicht dem Zufall überlassen werden sollte. Hier gewinnt die Theologie eine fast naturwissenschaftliche Strenge: Begriffe werden geschärft, Aussagen präzisiert, Abweichungen korrigiert. Ohne diese Bewegung würde die Kirche im Ungefähren zerfließen.
Und doch trägt gerade dieser Wunsch und solches Interesse eine latente Versuchung in sich. Die ewige Wahrheit, die bewahrt werden soll, kann in den Bereich des zeitlich Verfügbaren gezogen werden. Was ursprünglich Gabe war, erscheint dann auf einmal als Besitz. Die Ordnung wird zur Absicherung von Eigeninteressen und das Dogma zur exklusiven Grenzmarkierung. An dieser Stelle gerät die Kirche in Gefahr, sich selbst zu verwechseln mit dem, was sie zu bezeugen hat.
Noch ein zweites kritisches Moment tritt hervor: das Interesse am Verstehen. Hier wird Theologie zur Auslegung. Die Schrift wird gelesen, die Tradition bedacht, die Gegenwart befragt. Der Glaube sucht Sprache, die nicht nur korrekt, sondern verstehbar ist. In Predigt, Seelsorge und geistlicher Begleitung zeigt sich diese Bewegung in ihrer lebendigen Gestalt. Wahrheit will nicht nur bewahrt, sondern gehört werden. Doch auch hier ist die Schwierigkeit nicht fern. Wo Verstehen-Können zum Maß gemacht wird, droht die Auflösung. Die Wahrheit verliert ihre Schärfe, sie wird angepasst, geglättet, in den Horizont des jeweils Sagbaren und Verstehbaren eingepasst. Die Kirche spricht dann nicht mehr als Quelle, sondern wird Echo der Zeit, die sie zu deuten vorgibt. Man hört von ihr dann nur das, was in den Räumen der Zeit und den Ohren der Zeitgenossen aufzutauchen fähig und genehm ist.
Es bleibt noch ein drittes Interesse zu bedenken, das beide Bewegungen durchkreuzt und zugleich auf ihren eigentlichen Ursprung verweist: das Interesse an dem, was man Läuterung genannt hat. Die Kirche kann sich nicht mit der Bewahrung und Deutung der Wahrheit begnügen; sie muss sich selbst in das Licht dieser Wahrheit stellen. Theologie wird hier zur Selbstprüfung. Sie fragt nach den verborgenen Motiven, nach den Verstrickungen in Macht, Gewohnheit und Angst. Sie entdeckt, dass auch ihre reinsten Begriffe und Absichten nicht frei sind von Geschichte. In dieser Bewegung gewinnt die Kirche ihre eigentliche Glaubwürdigkeit. Nicht durch Unfehlbarkeit im empirischen Sinn, sondern durch die Bereitschaft, sich richten zu lassen an dem, was sie verkündet. Läuterung ist keine Schwäche der Kirche, sondern der Ort der Begegnung mit ihrer Wahrheit bzw. mit dem, was sie für Wahrheit hält.
Doch damit ist das Letzte noch nicht gesagt. Die Frage muss gestellt werden: Ist nicht auch jede Selbstprüfung nur das Produkt menschlicher Interessen? Wenn das so ist - und alles spricht dafür! - taucht die Frage auf, ob es irgendwo doch einen Punkt gibt, an dem „die Bewegung gegen sich” umkehrt in eine „Bewegung für sich selbst”, der man zugleich nicht mehr misstrauen muss, wie Habermas’ Denkfigur in „Erkenntnis und Interesse” es berechtigt befürchten lässt?
An genau dieser Stelle wird regelmäßig das hervor gezogen, was man mit gewisser Berechtigung den „Joker der Theologie” genannt hat. Das ist eine der Letztbegründungsinstanzen, die natürlich selber einer kritischen Prüfung standhalten müssten, es aber nie tun. Gerade darin liegt die Stärke dieser ausgespielten Karte – und das Misstrauen ihr gegenüber. Ein solcher Joker funktioniert wie folgt: Die institutionell verfasste Kirche lebt nicht aus sich selbst. Sie lebt aus einem Wort, das ihr längst vorausging. Dieses Wort war nicht Ergebnis eines späteren Interesses, sondern dessen vorgängiger Ursprung. Und ist als Wort damit zuerst Gabe und danach zugleich Anspruch. In diesem Wort wird deutlich, dass die Wahrheit, die von der Kirche gesucht wird, selber die Kirche immer schon gefunden hatte – als Anruf.
Von hier aus müssten sich die o.g. drei Interessen neu ordnen lassen. Die Bewahrung muss Treue sein, und nicht zur Kontrolle ausarten. Das Verstehen wird zum Neu-Hinhören, nicht zur Anpassung an schon Verstandenes. Die Läuterung wird zur Umkehr, nicht zur genüsslichen Selbstrelativierung. Diese kritischen Fragen - richtig gestellt - würden Eigeninteressen stören können und zur Unterbrechung jenes Prozesses führen, den Habermas durchschaut hat, dass nämlich Erkenntnis immer auch den eigenen Interessen unterliegt und in der Gefahr schwebt, sie bedienen zu wollen.
So erweist sich die Einsicht, dass Erkenntnis nie ohne vorgängiges bzw. inhärentes Interesse ist, gerade für die Kirche als notwendig. Diese Gedankenfigur schützt vor der Illusion, zu einer reinen, ungebrochenen Wahrheitsvermittlung fähig zu sein. Zugleich bewahrt sie davor, die Wahrheit in der Relativität menschlicher Perspektiven ungeprüft sich auflösen zu lassen. Ein interessanter Raum, der sich hiermit eröffnet. Die Kirche hat keinen anderen Ort - und keinen Ausweg aus dieser Lage. Sie denkt, sie deutet, sie prüft – und darin ist sie getragen von einem Ursprung, der nicht zu ihrer Verfügung steht. An diesem Ursprung wohnt ihre Freiheit. Und in dieser Freiheit findet die Kirche auch die Grenze, welche zu kennen, klug macht ...
Autor:Matthias Schollmeyer |
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