Leberecht Gottlieb (Teil 148)
die Götter

Er kam aus einem Pfarrhaus. Es war ordentlich dort, aber nicht warm. Es gab Bücher, viele Bücher, und sie standen gerade, als würden sie sich selbst bewachen. Sein Vater sprach leise, aber bestimmt. Seine Mutter sorgte dafür, dass alles seinen Gang ging. Man aß zur festen Zeit. Man schwieg auch zur festen Zeit.

Er hörte früh, dass viele große Männer aus solchen Häusern kamen. Dichter, Denker, Gelehrte. Es klang wie ein Versprechen, das nicht ihm galt, aber doch in seiner Nähe lag. Er nahm es an sich, wie man einen Mantel nimmt, der nicht passt, aber der der einzige ist.

Er ging nach Halle und dann nach Leipzig. Die Städte waren grau, aber die Bibliotheken waren warm. Er las viel. Er las so viel, dass die Tage verschwanden. Die Bücher gaben ihm eine Welt, die geschlossen war. Darin war alles an seinem Platz. Wenn draußen etwas nicht passte, dann war es draußen falsch.

Er lernte, was man lernen konnte. Er schrieb Prüfungen. Er bestand sie. Es war kein Sieg. Es war ein Fortgang.

Danach wusste er nicht weiter. Es gab keine klare Straße. Es gab nur Wege, die schon andere gegangen waren. Also ging er einen davon. Er wurde Pastor. Es war ein schwerer Beruf. Man sprach viel davon, dass man für die Menschen da sei. Er tat, was man von ihm erwartete. Er predigte. Er taufte. Er begrub.

Er wurde alt dabei.

Als er sehr alt war, über neunzig, lud man ihn ein. Es war in Amerika. Ein Saal, viele Leute, freundliche Gesichter. Man wollte hören, warum er diesen Beruf gewählt hatte.

Er stand ruhig da. Er hatte keine Eile mehr.

„Ich wollte einen Beruf haben, der nichts mit Menschen zu tun hat“, sagte er.

Es wurde still. Man dachte, er habe sich versprochen. Man bat ihn, es zu wiederholen. Er sagte es noch einmal. Einige lächelten unsicher. Andere sahen ihn an und warteten.

Er wartete nicht.

„Man glaubt, der Pfarrer ist für die Menschen da“, sagte er. „Das stimmt nicht.“

Er machte eine kleine Pause.

„Er ist da, um etwas zu bewahren, das mehr ist, als ihr und wir.“

Dann erzählte er von dem Mädchen Cordelia. Er war damals jung gewesen. Ein heller Klassenraum. Kinder, die noch nicht wussten, was wichtig ist. Sie sagten ihre Namen im Religionsunterricht. 

Das Mädchen vorne sagte: „Ich heiße Cordelia.“

Er nickte.

„Und ich habe viel mit Göttern zu tun“, sagte sie.

Er sah sie an. Sie sagte es ruhig.

„Wie kommst du darauf?“ fragte er.

„Ich sehe Filme“, sagte sie. „Da sind Götter. Sie helfen den Menschen oder sie zerstören sie.“

Die anderen Kinder lachten. Es war ihnen gleich. Ihm war es nicht gleich.

Er sprach weiter den Stoff durch. Aber er vergaß diese Cordelia nicht, ohne es jemandem zu sagen.

Das Mädchen wuchs heran. Es ging schnell.

Sie bekam ein Kind. Das Kind war nicht gesund. Die Ärzte hatten ihre Worte. Sie klangen sicher. Sie erklärten aber nichts.

Er fragte nicht, warum es so war. Er wusste es. Die Götter machen alles. Sie geben Leiden und sie geben Freude. Beides ohne Maß.

Sie heiratete den Kindsvater. Sie lebten weiter in der kleinen mitteldeutschen Stadt, wo diese Schule stand. Sie hatten wenig Geld. Es war das Leben der meisten.

Sie wollten ein Haus. Ein kleines Haus in der Kreuzstraße. So hieß die Straße. Sie brauchten Geld.

Es war die Zeit, in der man fortging. Der Mann ging als Soldat. Ging nach Afghanistan.

Er trug Uniform. Er kam zurück, wenn er konnte. Er brachte das Geld. Es reichte. Das Haus wurde langsam bezahlt.

Die Frau wurde älter. Sie war noch blond. Anders blond. Es machte keinen Unterschied. Ob sie noch an Götter dachte, wusste niemand.

Der Pfarrer wusste nur, dass die Götter mit ihr zu tun hatten. Mit ihm, mit ihr, mit dem Kind, mit dem Mann. Mit der Stadt. Mit Amerika. 

Das Kind ging in eine Schule, in der man langsamer sprach. Es lernte, was es konnte. Es war genug.
Eines Tages war die Großmutter gestorben. Es war keine große Beerdigung. Ein paar Leute standen am Grab.

Der Pastor stand auch wieder dabei. Am Himmel waren Streifen von Flugzeugen. Sie kreuzten sich. Ein klares Kreuz. Gerade Linien.

In den Feldern dazwischen flogen Vögel. Schwarze und weiße. Sie hielten sich nicht an die Linien. Das war gut anzusehen.

Die Wolken standen dahinter. Still. Als ob etwas dahinter wäre.

Er sah hinauf.

Er dachte nicht viel. Er wusste.

Die Götter sind da. Sie handeln. Sie geben und sie nehmen. Und auch sie wissen nicht alles.

Auch sie stehen unter etwas.

Über ihnen ist eine Kraft. Weiter draußen als alles, was man sehen kann. Ohne Namen.

Sie folgen ihr.

Sie können sie nicht nennen.

Es ist das, was nicht gedacht werden kann. Aber es ist auch das Un-Undenkbare. So heißt es. 

Er senkte den Blick.

Dann hob er die Hand zum Segen.

—-

anderes von Leberecht Gottlieb hier.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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