20 Jahre ZORN & ZEIT
Partei als Rachebank

Peter Sloterdijks Buch ZORN UND ZEIT erschien in erster Auflage vor genau zwanzig Jahren beim Verlag Suhrkamp. In jenen Tagen existierte die Partei mit dem Kürzel AfD noch nicht – aber es gab im Blick auf die politische Situation natürliche Unzufriedenheiten. Sloterdijk diagnostizierte damals auf unterhaltsame und fast spielerische Art und Weise, wie Zorn und Zeit sich zueinander verhalten. Die begriffliche Nähe des Buchtitels ZORN UND ZEIT zum Heideggerschen SEIN UND ZEIT sprang natürlich sofort ins Auge und ließ die Anzahl der Leser nach oben schnellen.

Der Zorn des Menschen ist seitdem – das wissen wir nach gelungener Lektüre – nicht mehr nur als flüchtige Regung zu verstehen. Peter Sloterdijk rekonstruiert den Zorn vielmehr als eine historisch wirksame Energieform, die gesammelt, gebündelt und dann mehr oder weniger klug in überindividuelle Zusammenhänge überführt wird. Der antike Begriff des thymós (Zorn) bezeichnet noch jene innere und ursprüngliche Kraft, die den Menschen zur Selbstbehauptung befähigt, die ihn gegen Unrecht aufstehen lässt und ihm dadurch Würde verleiht. In der klassischen Welt konnte dieser Zorn sich noch unmittelbar entladen; er war Teil einer Ordnung, die Konflikt nicht nur kannte, sondern auch affektiv beendete – etwa im Duell oder der „krassen Tat“.

Die Moderne hat solche Unmittelbarkeit weitgehend suspendiert. An die Stelle spontaner Entladung tritt die Verzögerung, an die Stelle des einzelnen zornlösenden Affekts die Akkumulation in sogenannten Zornspeichern. Institutionen übernehmen die Funktion, Zorn zu sammeln und in eine Zukunft zu projizieren. Religionen, Ideologien und politische Bewegungen erscheinen auf dem Plan – als Träger des nunmehr aufgeschobenen, aber nicht aufgehobenen Anspruchs auf Gerechtigkeit. Der Zorn wird nicht mehr einfach ausgelebt; er wird in die Portfolios politischer Wahlprogramme eingelegt, gleichsam kapitalisiert, und mit der Erwartung versehen, dass die Einlage eines schönen (oder schlimmen) Tages Zins und Zinseszins – auf jeden Fall aber Ertrag bringt. Diese „thymotische Zorn-Ökonomie“ ist keine Metapher im bloßen Sinne, sondern eine Beschreibung tatsächlich realer geschichtlicher Dynamiken.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die gegenwärtige politische Situation in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern eine eigentümliche Klarheit. Betrachtet man das Wirken der Alternative für Deutschland in diesen beiden Regionen, so begegnet man weniger einer eruptiven Empörung als vielmehr einer von langer Hand im „Album der Vorwürfe” geordneten Sammlung negativer Erfahrungen. Es soll hier nicht darüber entschieden werden, welche Vorwürfe berechtigt bzw. unberechtigt sind. Beides wird wahrscheinlich hier und da der Fall sein. Die biographischen Brüche der Wende- bzw. Transformationszeit, die Entwertung von Lebensleistungen, das Gefühl kultureller Marginalisierung – all dies bildet ein gärendes Reservoir, das nicht verschwunden ist, sondern nun endlich seines Zahltags hofft und harrt.

Die AfD tritt als politische Formation und Instanz auf, die solche Energien artikuliert, verstärkt und sammelt. Sie bietet dafür eine Sprache an, in der die vereinzelten Negativerfahrungen zum gemeinsamen Programm anschwellen konnten, und sie gibt dem, was sich zuvor diffus bewegte, nunmehr deutlich Richtung. Die versprochene „Rendite“ ist dabei erst einmal vornehmlich symbolischer Natur: Sichtbarkeit, Anerkennung, die Wiedergewinnung eines als verloren empfundenen Maßes an Selbstgeltung. Dass andere politische Kräfte auf diese Artikulation sofort reagieren müssen, gehört bereits zur beabsichtigten Wirkung dazu und bringt das Ganze zusätzlich erfolgreich in Schwung.

An diesem Punkt stellt sich die Frage nach der Qualität solcher Prozesse. Denn der Zorn ist, wie bereits die biblische Überlieferung weiß, ein hochambivalentes Phänomen. Zorn kann berechtigter Ausdruck verletzten Gerechtigkeitsempfindens sein; wenn er aber in sich selbst lange zu kreisen gezwungen wird, verabsolutiert er sich in ungesunder Weise. Eine politische Kultur, die den Zorn dankbar aufnimmt und befeuert, läuft Gefahr, die gewaltigen Energien unkontrolliert sich selbst entfesseln zu lassen – ohne dass dabei die Auszahlung der erwarteten Rendite befriedigend gelingt. Kleiner Hinweis zur Erinnerung: Am Anfang der Homerischen Ilias (Bericht vom Krieg um Troja, seine Voraussetzungen und Folgen …) steht ebenfalls eine Art vergöttlichten Zorns – der Zorn des Achilleus. Auch dieser Zorn entspringt verletztem Ehrgefühl und persönlicher Kränkung. Daraus entfaltet sich eine hochzerstörerische Dynamik. Sie kostet vielen das Leben und führt, über Umwege und göttliche Verstrickungen, schließlich auch den Helden selbst seinem tragischen Ende zu. Der Zorn des Achilleus bleibt gebunden an das gekränkte Ich, das sich verletzt weiß und kindisch darauf besteht, verletzt worden zu sein – und nun Rache üben will. Solche Bindungen wirken tödlich.

Mit dem Zorn ist es bekanntlich so eine Sache … Die verschiedenen theologischen Denktraditionen scheuten sich nicht, sogar vom „Zorn Gottes“ zu sprechen. Dieser Zorn sollte nicht die Steigerung menschlicher Erregung bis hin zur Weißglut – und darüber hinaus – bedeuten, sondern deren Verwandlung denkbar werden lassen. Der Zorn (oder Eifer) Gottes gehört – so wird an den besten Stellen der Auslegungsliteratur behauptet – nicht mehr in die Sphäre des Affekts, sondern in die der Wahrheit. Was beim Menschen als Kränkung beginnt und in tragischem Niedergang endet, wird beim Zorn Gottes zur durchsichtigen Konsequenz des Guten gegenüber seinem Gegenteil. Nun – die Botschaft hört man wohl. Jedoch fällt es schwer, ihr Glauben zu schenken. In letzter Zeit haben - wohl auch deshalb - zumindest die seriöseren Sparten theologisch-christlicher Rede den Zorn Gottes lieber fallen lassen. Der „zornige Gott“ ist der Gegenwart peinlich geworden. Er gehört nicht mehr zur kommunizierbaren Seite religiöser Kultur. Die Moderne bevorzugt einen „therapeutisch entgifteten“ Gott – milde, verständnisvoll, dialogbereit. Der zornige Gott dagegen wirkt heute wie ein alter, unberechenbarer Großvater, den man nicht mehr gern öffentlich präsentiert, der absolut nicht mehr vorzeigbar ist, weil er immer wieder zu schlimmen Auftritten neigt – und den man deshalb weder auf Parties noch in den Urlaub mitnimmt, sondern zu Hause bzw. im Heim die Reste seiner Pension verzehren lässt und ihn als problematische Person – höchstens manchmal noch – mit schlechtem Gewissen besucht.

Wo aber die alten religiösen Zornspeicher – jene „metaphysischen Rache- und Zornbanken“, in denen man Vergeltung und Gerechtigkeit aufschieben konnte – geschlossen wurden, entstanden neue Depots. Die alten Wut- und Vergeltungsaffekte diffundierten längst in die Sphären des Politischen, des Ideologischen, des Moralischen. Das erleben wir eben gerade an den Rändern links und rechts der Parlamente. Was man aus dem Himmel vertrieben hat, kehrt auf Erden mit gesteigerter Unruhe zurück. So bleibt am Ende ein merkwürdiges Bild: Der alte Gott, einst Garant einer kosmischen Gerechtigkeitsordnung, sitzt gewissermaßen im Hinterzimmer der Geschichte, während draußen auf Straßen und Plätzen die Erben seines Zorns die Räume neu besetzt haben. Und man könnte sagen: Die eigentliche Ironie der Moderne besteht darin, dass sie den zornigen Gott aus Scham verabschiedet hat – nur um in einer Welt zu erwachen, in der der Zorn allgegenwärtiger ist als je zuvor, jedoch ohne himmlische Adresse, ohne Maß, ohne Transzendenz – und mit drei kümmerlichen Buchstaben zur Wahl empfohlen. Das ist sicher kein Fortschritt. Aber eine neue Kontonummer …

Autor:

Matthias Schollmeyer

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