PHILOSOPHEN VORGESTELLT
LÉVI-STRAUSS
- Schamane mit Trommel vor seiner Jurte (Tuwa)
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Ein junger Mann kam in ein abgelegenes Dorf am Rand eines großen Waldes. Man hatte ihm erzählt, die Menschen dort dächten „anders“, und er war gekommen, um zu sehen, wie das sei.
Am ersten Abend setzte man ihm eine Schale mit Fleisch vor. Ein Teil war roh, ein Teil sorgfältig gegart. Er fragte den Alten neben sich: „Warum esst ihr das eine so und das andere so?“ Der Alte lächelte nicht, er erklärte auch nicht. Er sagte nur: „Das eine gehört dem Wald. Das andere gehört uns.“
Der junge Mann hielt das für eine poetische Marotte. Am nächsten Tag sah er, wie ein Kind geboren wurde. Drei Tage später wurde es in einer kleinen Zeremonie in die Gemeinschaft aufgenommen. „Jetzt“, sagte eine Frau, „ist es eines von uns.“ Wieder dachte der Fremde: Was sind das für Geschichten.
Am dritten Tag stritten zwei Männer. Der eine hatte dem anderen etwas weggenommen. Der Älteste trat hinzu, hörte sich alles an und sagte schließlich: „Du hast genommen, was noch nicht gegeben war.“ Der Streit war damit beendet.
Da begann der Fremde zu begreifen, dass hier nichts zufällig geschah. Roh und gekocht, geboren und aufgenommen, nehmen und geben – alles war geordnet, nicht durch Gesetze auf Papier, sondern durch unsichtbare Linien, die sich durch alle Dinge zogen. Am Abend ging er noch einmal zum Alten. „Wer hat euch diese Regeln beigebracht?“ Der Alte sah ihn lange an und antwortete: „Niemand. Wir haben sie gefunden, so wie man Wege im Wald findet.“
Ähnliche Geschichten erzählt Claude Lévi-Strauss. Und gilt als jener Mann, welcher dem sogenannten „Wilden“ begrifflich seine Würde zurückgab. Er trat damit als stiller Revolutionär auf. Claude Lévi-Strauss hat nicht geschrien, nicht missioniert, nicht moralisiert – er hat geordnet. Und in dieser Ordnung lag enorme Sprengkraft. Denn wer Strukturen sichtbar macht, entzieht dem Lärm der Gegenwart die Illusion, einzigartig und berechtigt zu sein.
Claude Lévi-Strauss war als französischer Ethnologe einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Er wurde 1908 geboren und starb 2009 – ein Jahrhundertzeuge, der die Selbstgewissheiten Europas von innen heraus erschüttert. Sein Denken beginnt mit einem Verdacht: dass das, was der moderne Mensch für Fortschritt hält, vielleicht nur eine besonders raffinierte Form der Selbstkalibrierung ist. Während Europa sich als Höhepunkt rationaler Entwicklung inszenierte, entdeckte Lévi-Strauss in den Mythen schriftloser Kulturen eine ganz andere Rationalität – eine, die nicht auf Beherrschung, sondern auf Entsprechung zielt. Der Mythos ist dort und infolge bei Lévi-Strauss kein Märchen, sondern ein Instrument der Weltverarbeitung, ein kognitives Netz, das Differenzen nicht einebnet, sondern aufspannt.
Hier liegt der entscheidende Punkt: Das Denken der Moderne neigt zur Vereinheitlichung. Es liebt das Eine – die eine Wahrheit, die eine Methode, den einen globalen Diskurs. Lévi-Strauss hingegen rehabilitiert die Differenz. Für ihn ist Kultur kein Marsch in Richtung Gleichförmigkeit, sondern ein komplexes Geflecht von Unterschieden, die sich gegenseitig stabilisieren. Man könnte sagen: Er betreibt eine Ökologie des Geistes, in der Vielfältigkeit nicht Störung, sondern Bedingung von Erkenntnis ist.
Sein Begriff der „Überkommunikation“, der heute fast prophetisch wirkt, zielt genau auf jene nervöse Totalvernetzung, die sich für Aufklärung hält, aber in Wahrheit eine Form der geistigen Erschöpfung erzeugt. Wenn alle Information jederzeit überall verfügbar ist, verliert das Einzelne seine scharfe Kontur. Die Welt wird nicht verständlicher, sondern flacher. Information ersetzt Bedeutung, punktuelle Präsenz ersetzt Erfahrung, die Dauer braucht. Der wirkliche Erd-Planet verschwimmt in einem simultan-grauen Informations-Rauschen.
In diesem Sinne war, ist und bleibt Lévi-Strauss ein Denker der Distanz. Er verteidigt das Recht der Kulturen, verschieden zu bleiben, und damit auch das Recht des Denkens, Umwege zu machen. Sein Insistieren auf der Analyse von Struktur bzw. Strukturalität ist kein kaltes Raster, das man über die Realität werfe, sondern eine feine Sensibilität für Beziehungen: zwischen Natur und Kultur, zwischen Roh und Gekocht, zwischen Nähe und Ferne. Es sind gerade eben diese binären Oppositionen, die nicht trennen, sondern vermitteln – als würde die Welt selbst in dialektischen Spannungen atmen.
Man hat Leví-Strauss gelegentlich vorgeworfen, er habe den Menschen in ein System von Strukturen eingespannt und ihn seiner Freiheit beraubt. Dieser Vorwurf entstand aus jener Verschiebung, die Claude Lévi-Strauss im Denken vorgenommen hatte: Er rückte den Menschen aus dem Zentrum heraus und setzt an dessen Stelle Strukturen, die dem Bewusstsein vorausliegen. Drei Gründe hatten diesen Wechsel vorbereitet:
Erstens: Die Entthronung des Subjekts. In der klassischen Philosophie – von Descartes bis zur Aufklärung – gilt der Mensch als Ursprung von Sinn und Handlung. Lévi-Strauss dagegen sagt: Die Regeln, nach denen wir denken (etwa Gegensätze wie Natur/Kultur), sind uns nicht frei verfügbar. Wir „erfinden“ sie nicht, wir operieren in ihnen. Das klingt für viele so, als würde der Mensch zum Ausführenden eines vorgegebenen Programms.
Zweitens: Die Analogie zur Sprache. Unter dem Einfluss von Ferdinand de Saussure verstand Lévi-Strauss Kultur wie ein Sprachsystem. So wie niemand die Grammatik seiner Muttersprache bewusst konstruiert, sondern sie einfach benutzt, so folgen auch Mythen wie Verwandtschaftsregeln verborgenen Gesetzmäßigkeiten. Wer das hört, denkt schnell: Wenn alles durch „Grammatik“ bestimmt ist, wo bleibt dann die Freiheit?
Drittens: Die strukturalistische Radikalisierung. In den 1960er Jahren wurde diese Perspektive weiter zugespitzt – etwa bei Louis Althusser oder Michel Foucault. Dort erscheint der Mensch oft nur noch als „Effekt“ von Diskursen oder Systemen. In diesem Klima wurde Lévi-Strauss mitgelesen, als hätte er selbst diese Konsequenz gezogen. Der Vorwurf lautete also: Wenn Strukturen alles ordnen, bleibt für das Individuum nur noch die Rolle eines Trägers – nicht eines Urhebers. Und das wollte man nicht …
Doch solche Kritik trifft nur halb. Lévi-Strauss beschrieb Bedingungen des Denkens, nicht dessen vollständige Determination. Seine Analysen zeigen, dass wir nicht im luftleeren Raum handeln. Innerhalb der vorgegebenen Strukturen existieren Spielräume der Freiheit – so wie man mit Sprache unendlich viele Sätze bilden kann, obwohl ihre Grammatik in einer endlichen Zahl begrenzender Regeln besteht.
Der eigentliche Anstoß, den Lévi-Strauss gab, war weniger die Abschaffung des Freiheitsgedankens als dessen Ernüchterung: Freiheit ist nicht Ursprung, sondern Bewegung innerhalb eines bereits gewebten Musters. Und genau diese Einsicht empfanden viele als Zumutung. Doch gerade das Gegenteil ist der Fall. Indem gezeigt wird, wie wir immer schon in Strukturen leben, werden wir entlastet von der Hybris, alles aus uns selbst hervorbringen zu müssen. Freiheit erscheint nicht mehr als absolute Setzung, sondern als Spielraum innerhalb gegebener Ordnungen.
So steht Lévi-Strauss am Rand der Moderne als wichtiger Mahner. Er erinnert daran, dass Fortschritt ohne Differenz in Monotonie umschlägt und Wissen in bloße Datenakkumulation zerfällt. Sein Werk ist keine Rückkehr zu archaischen Zuständen, sondern eine Einladung, die Vielstimmigkeit des Menschlichen auszuhalten. Oder, um es in seiner eigenen impliziten Geste zu sagen: Nur wo Unterschiede bestehen bleiben dürfen, bleibt auch die Welt denkbar.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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