Zum Kirchenjahr
Ein Plädoyer für österliche Unruhe

Diese Kerzen warten darauf, in der Osternacht entzündet zu werden.
  • Diese Kerzen warten darauf, in der Osternacht entzündet zu werden.
  • Foto: epd-bild/Matthias Rietschel
  • hochgeladen von Angela Stoye

Die Diskussion um Präsenzgottesdienste in der Pandemie hält an. Die Meinungen gehen auseinander. Der Magdeburger Superintendenten Stephan Hoenen hat aufgeschrieben, was ihn in diesen Tagen bewegt:

„Grabesruhe“ – das kenne ich. Die Grabesruhe ist für mich symbolisiert im Stein, der vor das Grab von Jesus gerollt ist.

„Osterruhe“ – das ist mir fremd. Ja, Ostern ist in meinem Glaubenshorizont der grundsätzliche Gegensatz zur Ruhe. Ostern ist das dynamischste Fest von uns Christinnen und Christen, das durch die größten Tiefen zur höchsten Lebensfreude führt. Gelitten, gestorben, begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, auferstanden von den Toten – das ist der Weg Jesu. Diese Osterbotschaft trägt eine ganz große, aber durch und durch frohe Unruhe in sich. Denn sie stellt die Logik auf den Kopf, die schon alles weiß und alles bereits einmal erlebt hat, die Logik von Macht und Gewalt. Es ist die Unruhe der Überraschung und der Liebe zum Leben. Oder so ausgedrückt: Die Osterbotschaft reißt den Vorhang auf, hinter dem das Leben glänzt, wie die aufgehende Sonne am Ostermorgen.

„Veranstaltungsruhe“ – Ja. Die Kirchen verzichten - wie so viele andere auch - während der Lockdowns auf Veranstaltungen, auf Feste, auf Konzerte, auf Gruppen und Kreise - weder treffen sich Familien, junge Erwachsene, Senioren noch Kinder oder Jugendliche. Es haben sich stellenweise andere Formen der kirchlichen Arbeit neugefunden und etabliert, auch digitale Angebote, aber manches ist einfach nicht zu ersetzen. Das ist nicht nur solidarisch, sondern das tut weh.

„Aktiv gelebte Nächstenliebe“ - Damit sind die engagierten Dienste der Kirchen in der Gesellschaft gemeint. Diese sind derzeit besonders gefordert und gefragt: Diakonie, Bildung und Erziehung. Aufgaben im sozialen Bereich werden wahrgenommen und mit Herz, Hand und Verstand im christlichen Auftrag fortgeführt. Viele Menschen in diesen Diensten sind unermüdlich tätig und kommen kaum zur Ruhe. Hier in Magdeburg sind beispielhaft zu nennen die Pfeifferschen Stiftungen, die Stadtmission, die Kitas, Horte und Schulen in kirchlicher Trägerschaft, wie der Gesamtverband, und die kirchlichen Einrichtungen der Jugendsozialarbeit, wie die Einrichtungen und Projekte des Kirchenkreises Magdeburg.

„Seelsorge“ - Daneben gibt es den Arbeitszweig der Seelsorge, auch hier hat die Kirche ihre übernommene Verantwortung nicht ausgesetzt: Polizeiseelsorge, Notfallseelsorge, Telefonseelsorge und Krankenhausseelsorge. Jede und jeder versteht, wie wichtig diese Arbeitsfelder gerade in dieser Zeit sind. Die Unruhe von Menschen zu teilen, zu begleiten und aufzunehmen, dem stellen sich Ehrenamtliche und Hauptamtliche je in ihren Bereichen. Das seelsorgerliche Einzelgespräch oder die Seelsorge im Trauerfall wird als Dienst am Menschen wertgeschätzt und nicht aufgegeben. Dabei gelten alle Hygienevorschriften.

„Gottesdienstruhe?“ - Gottesdienste sind keine „Veranstaltungen“. Dazu können sie nicht gezählt werden. Sie sind ein gegenseitiger Dienst zwischen Gott und den Menschen. Darum sind sie seit Mai vergangenen Jahres durchgehend möglich gewesen. Mit Hygienekonzepten und nach den geltenden Regeln und unter Berücksichtigung der pandemischen Situation – keine Frage.

„Magdeburger Online-Aktivitäten“ - Gottesdienste gibt es online – so auch in Magdeburg am Karfreitag und Ostersonntag jeweils um 10 Uhr im Offenen Kanal Magdeburg (OK MD) zum Ende der siebenwöchigen Reihe „Kreuz und quer - Gottesdienste an besonderen Orten“. Es gibt einen ökumenischen Kreuzweg „Via Crucis“ für die Karwoche als Heft oder interaktive PDF mit Stationen in Bild, Text und Musik. Die Einspielung einer Matthäuspassion von Telemann ist auf dem Offenen Kanal (OK MD) zu sehen und im Mitteldeutschen Rundfunk zu hören. Es gibt auf Social-media-Kanälen diverse Angebote aus den Kirchengemeinden, ich denke an Trinitatis, Briccius, Südost und Nicolai – Kirchengemeinden hier in Magdeburg. Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker übertragen im Livestream Passionsmusik.

Die Gemeindekirchenräte sollen bei ihren Überlegungen die konkrete Situation vor Ort berücksichtigen und verantwortungsvoll entscheiden, ob sie sich für oder gegen Präsenz-Gottesdienste entscheiden. Das drückt auch die Pressemitteilung der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 25. März aus und die Information des Krisenstabes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) richtet das Augenmerk der Verantwortlichen vor Ort darauf, sich die jeweilige Situation bewusst zu machen. Allen Verlautbarungen ist eines gemeinsam:

Gottesdienste können auch als Präsenzgottesdienste gefeiert werden,

nicht weil wir als Kirchen bessere Hygienekonzepte als andere haben - die brauchen wir als selbstverständliche Voraussetzung! Das ist klar und daran haben wir uns zu halten – aber Hygienekonzepte haben andere auch. Das reicht allein nicht aus.

nicht weil wir uns argumentativ darauf zurückziehen, das Recht dazu haben – auch andere Grundrechte müssen dieser Tage eingeschränkt oder gar ausgesetzt werden.

nicht weil wir als Kirche leiden würden, wenn Gottesdienste ausfallen, so wie es unzählige kirchliche Veranstaltungen und Angebote gibt, die seit einem Jahr ausfallen müssen, sondern

weil wir, wie es der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford- Strohm, sagt, seit einem Jahr gute Erfahrungen gemacht haben mit den Gemeinden, die verantwortlich handeln, mit Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern, die vorsichtig sind, und weil es unser gemeinsames Anliegen ist, dass die Infektionszahlen nicht weiter hoch gehen.

weil Menschen, die in Gottesdiensten zusammenkommen, den Gottesdienst brauchen. Die jeden Gottesdienst neu als kleines Fest der Auferstehung feiern, um aus der Grabesruhe zur Osterfreude zu gelangen.

weil zugleich und parallel ein breites alternatives Angebot in digitalen Formen die kirchliche Arbeit bereichert.

weil der Gottesdienst den Menschen in die Mitte der Gegenwart Gottes stellt. Das ist Dienst am Menschen, an seinem Leib und seiner Seele, an Herz und Verstand. Die Entscheidungen einer jeden einzelnen, eines jeden einzelnen sind dabei zu respektieren: Den einen dienen wir durch digitale Angebote, anderen durch verantwortungsbewusst geführte Präsenzgottesdienste.

Wir stehen als Kirchen nicht unverbunden in der Gesellschaft – sondern sind mittendrin und die Botschaft gilt allen. Der Inhalt dieser Botschaft ist geistliches Grundnahrungsmittel für Körper und Seele. Dabei dürfen wir deutlich davon reden, was der Grund unserer fröhlichen „Osterunruhe“ ist: Der Stein der Grabesruhe war „weggewälzt, denn er war sehr groß“. (Mk.16,4)

Autor:

Angela Stoye aus Magdeburg

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