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Historiker erinnert an Hintergrund zu Walpurgis
Verfolgung von Hexen

Nicht nur zur Walpurgisnacht sieht man im Harz die Hexen. Als Mitbringsel und Werbebild sind sie allgegenwärtig. Nur die finstere Vergangenheit mit Verfolgung, Folter und zehntausenden Hinrichtungen wird eher nicht thematisiert. | Foto: epd-bild / Steffen Schellhorn
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  • Nicht nur zur Walpurgisnacht sieht man im Harz die Hexen. Als Mitbringsel und Werbebild sind sie allgegenwärtig. Nur die finstere Vergangenheit mit Verfolgung, Folter und zehntausenden Hinrichtungen wird eher nicht thematisiert.
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Während die einen beim Thema Hexen an Gaudi zur Walpurgisnacht oder Bibi Blocksberg denken, erinnert der Historiker Kai Lehmann an das dunkle Kapitel der Hexenverfolgungen mit europaweit etwa 60.000 Hinrichtungen.

Von Thomas Nawrath

Mit dem Tanz in den Mai wird vielerorts das Frühjahr begrüßt. Doch auf den Höhen des Harzes ist dieser Brauch spätestens seit Goethes Faust eng verbunden mit Sagen und Mythen über tanzende Hexen, die in der Walpurgisnacht zum Brockengipfel, den Blocksberg, fliegen sollen.

Der Brocken - oder mythologisch auch gern "der Blocksberg" - soll in der Walpurgisnacht Treffpunkt für Hexen und Teufel sein. | Foto: epd-bild / Steffen Schellhorn
  • Der Brocken - oder mythologisch auch gern "der Blocksberg" - soll in der Walpurgisnacht Treffpunkt für Hexen und Teufel sein.
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Mittlerweile kommen jedes Jahr Hunderttausende Touristen zu Walpurgisfesten in etwa 30 Harzorte, um mit Teufeln und Hexen an lodernden Feuern zu feiern. So schwärmt der Bürgermeister von Thale, Maik Zedschack (CDU), dass sich das Bodetal am 30. April „in einen brodelnden Hexenkessel“ verwandelt, „wenn die 'Nacht der Nächte' auf dem sagenumwobenen Hexentanzplatz in Thale steigt“.

Erinnerungskultur an Hexenverfolgung fehlt

Für den Historiker Kai Lehmann aus dem thüringischen Schmalkalden ist das kaum zu ertragen. „Ich bin bestimmt keine Spaßbremse“, sagt der Museumsdirektor und Buchautor dem Evangelischen Pressedienst (epd): „Ich habe überhaupt nichts gegen den Tanz in den Mai. Aber man sollte ihn nicht mit Hexen in Verbindung bringen.“ Ihm gehe es um Zehntausende von unschuldig Gequälten, Gefolterten und Hingerichteten, die auch in Deutschland bis vor 250 Jahren als Hexen verfolgt wurden und um ihr Leben fürchten mussten.

Lehmann kritisiert, dass für einen der größten Massenmorde der europäischen Geschichte hierzulande jede Erinnerungskultur fehle. „Wir richten heute Scheiterhaufen auf, zünden diese an und tanzen freudestrahlend um sie herum“, kritisiert er: „Ohne uns bewusst zu machen, dass gerade dieses ausschweifende Treffen mit dem Teufel ein Teil des Geständnisses war, was den Malefikanten (Missetätern) in Hexenprozessen unter unsäglichen Folterqualen abgepresst wurde.“

Forschung in Akten und Kirchenbüchern

Einer der ersten Historiker, der systematisch an die Erforschung von Hexenprozessen heranging, war Wolfgang Behringer, bis 2023 Professor für Frühe Neuzeit an der Universität des Saarlandes. Behringer stellte fest, dass Hexenverfolgungen nicht im Mittelalter, sondern erst in der frühen Neuzeit verbreitet waren. Besonders um 1590 habe eine Zeit intensiver Verfolgung eingesetzt.

Seit etwa 20 Jahren forscht auch Kai Lehmann in Prozessakten, Kirchenbüchern und alten Urkunden zu Hexenverfolgungen. In seinen wissenschaftlichen Recherchen trug er die Schicksale von mehr als 100.000 Einzelfällen zusammen.

Prozesse führten staatliche Gerichte

Lehmann geht von etwa 40.000 bis 60.000 hingerichteten „Hexen“ auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation aus. „Negative Hochburgen waren der deutsche Südwesten, die Gebiete von Kurköln und Kurmainz, das protestantische Südthüringen sowie die Hochstifte Bamberg und Würzburg“, berichtet der Historiker. In Mitteldeutschland gab es zudem eine starke Hexenverfolgung südlich von Gotha und nordwestlich von Eisenach: „Selbiges gilt für Dessau, die Gegend um Gardelegen, die Harzgegend, das Mansfelder Land und um Wittenberg“, sagt Lehmann

Doch entgegen vielen Vorurteilen wurden Hexenprozesse ausschließlich vor staatlichen Gerichten geführt. Seine Forschungen hätten zudem gezeigt, dass es bei den Fallzahlen zwischen katholischen und protestantischen Regionen kaum Unterschiede gab. Anders bei den Geschlechtern: in katholischen Gebieten waren durchschnittlich 75 Prozent der Opfer Frauen, in protestantischen Territorien 85 Prozent und mehr. Das könnte nach Lehmanns Ansicht auch daran liegen, dass der Reformator Martin Luther (1483-1546) in seiner Bibelübersetzung konsequent von „Zauberinnen“ sprach.

Hungersnöte und Seuchen begünstigten Hexenwahn

Die Hexenverfolgungen fielen in eine Zeit, als Europa von tödlichen Seuchen und Kriegen heimgesucht wurde. Doch Lehmann führt auch Klimaveränderungen als Ursache an. Zwischen 1580 und 1630 führte die sogenannte „kleine Eiszeit“ mit einer Reihe kühler Sommer bisweilen zu erheblichen Ernteausfällen. Neid und Missgunst trugen das ihre bei.

Zudem sieht der Historiker eine Mitschuld der damaligen Medien. Flugblätter und Holzschnitte hätten mit drastischen Worten und detaillierten Bildnissen Geschichten vom Feuertod der Hexen erzählt. „Vielfach führte das dazu, dass auch in benachbarten Orten Vorwürfe der Hexerei erhoben wurden und neue Opfer zu beklagen waren“, sagt Lehmann.

epd

Nicht nur zur Walpurgisnacht sieht man im Harz die Hexen. Als Mitbringsel und Werbebild sind sie allgegenwärtig. Nur die finstere Vergangenheit mit Verfolgung, Folter und zehntausenden Hinrichtungen wird eher nicht thematisiert. | Foto: epd-bild / Steffen Schellhorn
Der Brocken - oder mythologisch auch gern "der Blocksberg" - soll in der Walpurgisnacht Treffpunkt für Hexen und Teufel sein. | Foto: epd-bild / Steffen Schellhorn
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Thomas Nawrath

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