Deine Augen werden sehen

Erinnerung: 100. Geburtstag von Altbischof Werner Krusche

Von Jörg Uhle-Wettler

Als Werner Krusche seine Lebenserinnerungen sortieren wollte, habe ich es als große Ehre empfunden, dass er mich bat, ihm zu helfen. Nicht ahnend, in welche Tiefen es gehen würde.
Viele Monate haben wir gebraucht. Am Ende stand die Frage, wie wir das Buch nennen, das knapp 400 Seiten Umfang hat und niemanden kaltlässt, der es liest. Werner Krusche wollte: »Weg hast Du aller Wegen« von Paul Gerhardt. Sein erster Gedanke, als ihm am 6. August 1942 beim Himbeerpflücken von Granatsplittern die Hände zerschossen wurden, war: »Ich werde nie mehr Geige spielen können.« Mit diesen verkrüppelten Händen hat er geschrieben und gesegnet. Diese Verletzung hat seinen Lebensweg verändert und dadurch viele Lebenswege geprägt. Er ließ sich überzeugen, die Geige in den Buchtitel aufzunehmen. Vielleicht wäre er ein guter Geiger geworden. So wurde er ein wichtiger Mann unserer Kirche, der auf der Klaviatur von Freud und Leid alles erlebt hat, was das Leben bereithält. Narben erkennen sich gegenseitig.
Werner Krusche hatte immer ein Herz für Beschädigte. Sein heimliches Bibelleitwort war: Wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz ( 1. Johannes 3,20).
Dieser Vers war seine Kraftquelle. In Gremien und an Gräbern. Als Gemeindepfarrer in Dresden, als Predigerseminarsdirektor in Lückendorf, als Dozent in Leipzig, als Bischof in Magdeburg (1968–1983), an den tief greifenden Gräbern seiner Angehörigen und an seinem Lebensabend in der Magdeburger Morgenstraße.
Seine Freundlichkeit im Ton und seine Klarheit in der Linie waren gerade in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts eine Wohltat. Er durchschaute schnell, wenn jemand mehr aus sich machte, als er eigentlich war.
Lebenslang hat er sich gefragt, was seine Mutter wohl gedacht hat, als sie mit nur 36 Jahren starb und ihn eineinhalbjährig zurückließ. Wie sie ihn wohl angeschaut hat und wie ihre Stimme klang?
Sein Vater ließ auf ihren Grabstein Jesaja 33,17 meißeln: »Deine Augen werden sehen, den König in seiner Schönheit.«
Als wir am 28. November 2007 in Magdeburg Werner Krusches 90. Geburtstag feierten, spielte in der kleinen Kirche jemand Geige für ihn. Das hat uns sehr bewegt. Als dann der Losungstext gelesen wurde, haben viele nicht begriffen, warum Werner Krusche sich so freute. Er empfand es als einen himmlischen Gruß – von seiner Mutter. Die Losung hieß: »Deine Augen werden sehen, den König in seiner Schönheit.«
Bei unserer letzten Begegnung im Frühjahr 2009 sagte er mir, dass er bald sterben werde – und fügte dann einen typischen Kruschesatz hinzu: »Aber keine Sorge, das werde ich auch noch überleben.« Allerwegen ein Weg.

Buchtipp: Krusche, Werner: Ich werde nie mehr Geige spielen können, Radius-Verlag, 400 S., ISBN 978-3-87173-930-9, 20,00 Euro

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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