Außergewöhnlichster DDR-Personalausweis
Dank Gorbatschow und Genscher

Lichtbild-Seite im DDR-Personalausweis von Elke Zürch mit Unterschriften: die von Michail Gorbatschow auf der linken Seite im Feld der Wohnanschrift, die von Hans-Dietrich Genscher auf der rechten Seite in der Zeile mit dem Ausstellungsort | Foto: Holger Zürch
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In Erinnerung an Michail Gorbatschow, † 30. August 2022

Von Elke Zürch*

Es war der 6. September 1994 – dieser Dienstag wurde für mich einer der eindrucksvollsten Tage in meinem Leben. Und das kam so:

Mein Mann Wolfgang Zürch war zu dieser Zeit Pressereferent beim Thüringer Landtag in Erfurt. Einige Tage zuvor brachte er von Arbeit die überraschende Neuigkeit mit, dass er für uns zwei Karten für eine Podiumsdiskussion mit Michail Gorbatschow und Hans-Dietrich Genscher in Erfurt im Kaisersaal bekommen hätte.

Michail Gorbatschow war von März 1985 bis August 1991 Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und veranlasste mit seiner Glasnost- und Perestroika-Politik weitreichende und grundlegende politische Veränderungen in seinem Land und den kommunistischen Satellitenstaaten; Hans-Dietrich Genscher war von 1974 bis 1992 Bundes-Außenminister und Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland. Da waren unsererseits die Vorfreude auf die beiden hochrangigen Persönlichkeiten und die Erwartung hoch.

Mein Mann und ich trafen an jenem Tag rechtzeitig in Erfurt ein und waren gespannt, was kommen würde. Die Podiumsdiskussion war von den aktuellen politischen Themen jener Zeit geprägt, ohne dass diese mir bis heute in Erinnerung geblieben sind.

Die Wortbeiträge waren in deutscher Sprache. Die zeitgleiche Übersetzung für Herrn Gorbatschow hatte auf der Bühne die Politikkorrespondentin Gabriele Krone-Schmalz übernommen. Sie saß direkt bei Gorbatschow und dolmetschte fortlaufend leise für ihn. Das konnte ich gut beobachten, denn wir hatten von unseren Plätzen gute Sicht und konnten das Mienenspiel der Leute auf der Bühne bestens beobachten.

Wie lang genau die Veranstaltung dauerte, weiß ich nicht mehr. Es muss jedoch länger gewesen sein, da es eine Pause gab.

Als wir während der Pause umhergingen, kam mir die spontane Idee, Gorbatschow um ein Autogramm zu bitten. Und wie der Zufall es fügte, kamen uns kurz darauf Gorbatschow und Genscher – miteinander plaudernd – entgegen. Mein Mann hatte, als ich ihm zuvor mit wenigen Worten von meiner Absicht erzählt hatte, Bedenken: „Du kannst doch nicht einfach diese beiden Politiker bei ihrem Gespräch unterbrechen!“

Dennoch sprach ich Gorbatschow kurz entschlossen auf Russisch an: „Sehr geehrter Herr Gorbatschow, für die politischen Veränderungen, die Sie entscheidend mitgeprägt haben, empfinde ich eine große Dankbarkeit und eine ebensolche Achtung für Sie. Gestatten Sie mir daher, Sie um ein Autogramm zu bitten.“

Erstaunen spiegelte sich auf seinem Gesicht, während er sein Jackett nach Stift und Zettel absuchte. Jedoch blieb die Suche erfolglos. Bedauernd schüttelte er den Kopf: „Es tut mir sehr leid, ich habe kein Blatt und keinen Stift bei mir …“

Damit hatte ich nicht gerechnet – was nun? Rasch durchsuchte ich meine Handtasche, ohne etwas Geeignetes zu finden. Das Einzige, was ich fand, war mein blauer DDR-Personalausweis:

Der hat die Ausweis-Nummer K 0360500 und war inzwischen mit einer Lochung entwertet vom Einwohnermeldeamt, als ich meinen neuen bundesdeutschen Personalausweis bekommen hatte.

Wieso ich das DDR-Dokument in der Handtasche dabei hatte, kann ich nicht erklären.

Inzwischen hatte mein Mann aus seinem Jackett einen Stift hervorgeholt; den trug er fast immer in einer Innentasche bei sich.

Als ich Gorbatschow meinen DDR-Ausweis und den Stift überreichte – Genscher hatte uns die ganze Zeit interessiert zugeschaut – , nahm Gorbatschow beides, schmunzelte und wandte sich auf Russisch an Genscher mit der Frage: „Darf man das?“

Genscher verstand, lächelte und nickte zustimmend. Einem plötzlichen Einfall folgend bat ich auch den deutschen Außenminister um sein Autogramm.

Was jetzt folgte, dauerte nur wenige Sekunden – und war dennoch die unerwartete Erfüllung eines Traums mit diesem blauen Beweisstück jener außergewöhnlichen Begegnung.

Erst hielt Gorbatschow meinen DDR-Personalausweis in seiner linken Hand, setzte mit der rechten Hand seine Unterschrift auf die linke Seite und reichte das Dokument weiter an Genscher, der unter dem Passfoto signierte. Die ganze Aktion hatte höchstens fünf Minuten gedauert.

Mit einer leichten Verbeugung bedankte ich mich bei den beiden Politikern. Sie wiederum nickten lächelnd zum Abschied und gingen ihrer Wege – mein Mann und ich unserer Wege.

Meinen neu gewonnenen Schatz verbarg ich sofort tief in meiner Handtasche, damit er mir ja nicht verloren gehen könnte.

Die weitere Entwicklung in Gorbatschows Vielvölkerstaat habe ich mit besonderem Interesse und großer Empathie begleitet.

Tief beeindruckt hat mich eines der letzten Interviews mit dem schon sichtlich von Krankheit gezeichneten Gorbatschow. Auf die Frage, was mal auf seinem Grabstein stehen soll, antwortete er nach kurzem Nachdenken: „Wir haben es versucht.“

Meinen blauen DDR-Personalausweis aus dem Jahr 1980 habe ich bis heute – mehr als 30 Jahre nach diesem legendären Ereignis – bestens gehütet. Ist er doch für mich das persönliche und einzigartige Zeugnis für eine heute schon unglaubliche Begegnung mit dem für mich bedeutendsten Politiker der damaligen Sowjetunion.

Zu seinem vierten Todestag in wenigen Tagen am 30. August werden meine Gedanken besonders bei Michail Gorbatschow sein.

* Elke Zürch (* 1943), Oberstudienrätin im Ruhestand; Studium der Pädagogik in Erfurt, Lehrerin in Weimar bis 1986, dann Kündigung sowie Berufsverbot in der DDR. Nach der Friedlichen Revolution Einstieg in den Schuldienst des Freistaates Thüringen, zuletzt stellvertretende Schulleiterin eines staatlichen Gymnasiums. Sie ist in Weimar zu Hause.


Nachbemerkung

Vor 65 Jahren – am 13. August 1961 – begann die DDR-Führung, um ihre Macht zu sichern, mit dem Bau der Mauer an der Innerdeutschen Grenze und besiegelte damit die Deutsche Teilung.

Im Jahr 1986 begann der neue Spitzenpolitiker der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, seine neuartige Politik, geprägt von Glasnost und Perestroika.

Ab 9. November 1989 verlor mit dem Mauerfall jenes DDR-Bauwerk komplett seine Funktion und zerbröselte binnen kürzester Zeit.

Die Politik von Michail Gorbatschow hat das und damit auch die Deutsche Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 maßgeblich ermöglicht.
Holger Zürch

Lichtbild-Seite im DDR-Personalausweis von Elke Zürch mit Unterschriften: die von Michail Gorbatschow auf der linken Seite im Feld der Wohnanschrift, die von Hans-Dietrich Genscher auf der rechten Seite in der Zeile mit dem Ausstellungsort | Foto: Holger Zürch
Michail Gorbatschow und seine Frau Raissa im Jahr 1990 | Foto: John Mathew Smith, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=75927919
Hans-Dietrich Genscher zu Gast bei US-Präsident George Bush senior am 21. November 1989 – mit einem Stück Berliner Mauer | Foto: Susan Biddle, White House Photograph Office, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=297243
Gorbatschow und Genscher 1993 bei einer Festveranstaltung in Griechenland | Foto: DiviFilius, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20367116
Elke Zürch heute | Foto: Holger Zürch
DDR-Personalausweis von Elke Zürch, Vorderseite | Foto: Holger Zürch
Autor:

Holger Zürch

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