Biblische Pfade verschüttet
Wege ohne Gedächtnis

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Ferienzeit ist Lesezeit. Man reist, man wandert, man packt ein Buch ein, das zum Unterwegssein passt. Robert Macfarlane, Alte Wege, Ullstein Taschenbuch 2024, 352 Seiten (im Original The Old Ways: A Journey on Foot, 2012) schien mir ideal: ein Klassiker des Nature Writing, der uralten Pfaden folgt und Geographie, Literatur und Selbstreflexion verbindet. Es gefiel mir – bis ich zum Palästina-Kapitel kam.

Macfarlanes Methode ist konsequent subjektiv: Jedes Kapitel leiht sich die Perspektive eines Begleiters. In Palästina ist es der Schriftsteller Raja Shehadeh, an dessen Seite der Autor durch die Hügel um Ramallah wandert. Was in anderen Kapiteln harmlose Subjektivität ist, wird hier politisch. Ein Satz fällt beiläufig, doch folgenschwer: Macfarlane verbindet die Pfade ausdrücklich „mit dem Gefühl der historischen Identität eines ganzen Volkes“ – und meint damit ausschließlich das palästinensische Volk. Das Alter der Wege und die Identität eines modernen Kollektivs werden zur Deckungsgleichheit verschmolzen. Der Pfad, der tatsächlich in biblische und nachbiblische Zeit zurückreicht, wird zum Beweisstück einer Kontinuität, die er gar nicht trägt.

Hier ist eine historische Präzisierung unausweichlich, die das Buch dem Leser schuldig bleibt. Shehadehs bezeugte Erinnerung – so authentisch und literarisch wertvoll sie ist – setzt faktisch erst im frühen 20. Jahrhundert ein, bei seinem Großonkel Abu Ameen. Eine eigenständige palästinensische Nationalidentität ist ein modernes Phänomen; das Westjordanland stand bis 1967 unter jordanischer Verwaltung. Die Wege selbst aber sind weit älter – und ihre älteste dokumentierte Erinnerungsschicht ist nicht palästinensisch, sondern jüdisch-biblisch.

Wer die Hügel um Sichem, Bethel und Hebron durchwandert, geht über die „Straße der Väter“, das Rückgrat der Erzelternerzählungen: In Sichem baute Abraham einen Altar, in Hebron liegt die Höhle Machpela, in Bethel träumte Jakob. Jüdische Füße auf diesen Pfaden über drei Jahrtausende – lange vor jedem Palästinenser oder britischem Mandat. Nicht zufällig bezeichnet die israelische Verwaltung dieses Gebiet bis heute als Judäa und Samaria: ein Name, der die biblische Wegschicht im Sprachgebrauch konserviert.

Diese Schicht lässt Macfarlane verschwinden. Wo Israel vorkommt, erscheint es ausschließlich als gegenwärtige Kraft der Veränderung: Besatzung, Siedlungsbau, Zerschneidung der Landschaft. So springt die Erzählung faktisch von „zeitloser Tradition“ unmittelbar zur „israelischen Besatzung“. Für den bibelkundigen Leser ist die Lücke sichtbar; für die Mehrheit nicht.

Darin liegt die Irreführung. Es handelt sich um eine atmosphärische Voraussetzung, die sich der kritischen Prüfung gerade dadurch entzieht, dass sie als Naturbeschreibung und nicht als Geschichtsbehauptung auftritt. Die Gattung wird zur Komplizin: Nature Writing beansprucht Authentizität durch Sinnlichkeit. Der Leser „sieht“ die uralte Landschaft und überträgt ihre Tiefe unwillkürlich auf die ihm präsentierte nationale Deutung.

Was beim ersten Erscheinen des Buches 2012 eine feine literarische Asymmetrie war, ist heute politisch brisant. Eine große Mehrheit der Deutschen wirft Israel Kriegsverbrechen vor, viele sprechen von Völkermord. Auf diesen Resonanzboden fällt Macfarlanes Erzählweise heute. Wenn die historische Tiefenschicht eines Volkes erst literarisch und dann mehrheitlich aus dem Bewusstsein verschwindet, verändert sich die moralische Deutung der Gegenwart fundamental: Ist das Land zeitlos palästinensisch, dann ist jüdische Präsenz grundsätzlich Eindringen, ist „Besatzung“ kein Konflikt zweier Völker um ein beiden teures Land, sondern Usurpation – und Gewalt dagegen nicht mehr Terror, sondern als legitimer „Widerstand“.

Wenn jeder Pfad eine Geschichte trägt, dann nicht nur die der Palästinenser. Shehadehs Erinnerung ist wahr und schützenswert – aber unvollständig. Und ihre Unvollständigkeit wird zur Unwahrheit, sobald sie als das ganze Gedächtnis des Landes gilt.

Wer die alten Wege ehren will, muss ihr ganzes Gedächtnis ertragen.

Autor:

Ricklef Münnich

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