de anima
ÜBER DIE SEELE

Es gehört zu den langlebigsten Selbstverständlichkeiten der europäisch-geistigen Innenwelt, dass der Mensch eine Seele „hat“. Dieses Haben ist bereits verräterisch. Es setzt nämlich eine Differenz voraus, die lange nicht gedacht werden musste. Aber als ein Athener namens Platon sie mit der Eleganz eines geistigen Chirurgen freilegte – hier der Körper, dort die Seele –, wurde diese Differenz zur Grundmelodie des Abendlandes.

Platon erfindet die Seele nicht, aber er macht sie zur Hauptdarstellerin. In den Dialogen – vor allem im Phaidon – tritt sie aus dem Schatten der bloßen Lebendigkeit heraus und wird zu einem Wesen eigener Ordnung: unsichtbar, unveränderlich, der Wahrheit verwandt. Der Körper hingegen bleibt zurück als eine Art notwendiges Ärgernis, ein lästiger Störsender, der die klare Sicht auf das Eigentliche verstellt. Der Philosoph, so heißt es in Platons Phaidon mit einer Nüchternheit, die fast schon asketisch wirkt, übt sich im Sterben – das heißt: in der Loslösung der Seele vom Körperlichen.

Damit ist eine Gedankenfigur geboren, die bis heute wirksam ist: die Seele als Exilantin. Sie stammt aus einer anderen Sphäre, hat die ewigen Ideen geschaut, das Gute, das Wahre, das Schöne – und ist nun in die Dichte der Welt abgestürzt. Erkenntnis wird empfohlen, als Erinnerung (ἀνάμνησις) verstanden zu werden; Bildung ist dann die Rückrufaktion der Seele in die Paläste des ursprünglichen Seelenwissens. Man lernt nicht, man erinnert sich. Eine kühne These, die den Menschen zugleich adelt und entfremdet: Er ist mehr, als er ist – und gerade deshalb nie ganz dabei.

Im Dialog Politeia wird die Seelenvorstellung noch weiter ausgebaut, diesmal als innere Politik. Vernunft, Mut und Begierde bilden dabei ein Dreigespann, das gelenkt werden will. Vernunft, Mut und Begierde bilden dabei keine Einheit, sondern eine innere Hierarchie: Die Vernunft als lenkender Instanz steht zwei Kräften gegenüber, die sie zu führen und zu zügeln hat. So wird der Mensch als Staat im Kleinen vorstellbar, eine Verfassung auf zwei Beinen. Ordnung im Inneren wird zur Bedingung von Wahrheit – ein Gedanke, der später in Ethik, Pädagogik und Psychologie wiederkehrt, oft ohne sich seiner Herkunft erinnern zu wollen.

Und dann die große Beruhigungsgeste: Diese Seele ist unsterblich. Was zur Sphäre des Unwandelbaren gehört, kann eo ipso nicht vergehen. Der Tod verliert seinen Schrecken und erhält eine ordnende Funktion: „Jetzt wird getrennt, was nicht zusammengehört.“ Der Körper fällt, die Seele geht. Wohin? Dorthin, woher sie kam, durch Gerichte, Läuterungen, vielleicht durch weitere Verkörperungen. Eine Metaphysik der zweiten Chance. Der Dichter Homer - auch als Gedankengeber des Philosophen Platon zu verstehen - sagt einiges zur diskreteren Jenseitsgeographie der Antike. Nämlich, dass sie für die Mehrheit der Menschen keinen dramatischen Ort vorgesehen hat. Zwischen den heroischen Sonderzonen des Elysiums und den strafenden Tiefenschichten des Tartaros liegt eine Region von eigentümlicher Gleichgültigkeit: die Asphodelienwiese. Schon der Name trägt eine botanische Nüchternheit in sich, die fast wie ein Kommentar wirkt. Denn Asphodelien sind, prosaisch gesprochen, Pflanzen – blasse Gewächse des Mittelmeerraums, zäh, genügsam, ohne das Pathos der Rose und ohne die symbolische Überladung der Lilie. Sie wachsen dort, wo wenig wächst, und sie blühen, ohne aufzutrumpfen.

Gerade darin liegt ihre metaphysische Eignung. Die Griechen haben nicht zufällig diese Pflanze in das Reich der Toten versetzt. Sie ist das Gewächs eines Lebens, das sich nicht mehr steigert. Wer sich die Szene vorstellt, betritt keinen Ort der Qual und keinen Garten der Glückseligkeit, sondern eine Landschaft von gedämpfter Präsenz. Die Seelen – Schatten eher als Gestalten – bewegen sich darin ohne Dringlichkeit. Sie sprechen wenig, erinnern sich schwach, begehren kaum noch. Es ist, als hätte das Dasein hier seine Lautstärke verloren.

In dieser Wiese zeigt sich eine Anthropologie ohne heroische Übertreibung. Nicht die Ausnahmen stehen im Mittelpunkt, sondern die Regel. Die meisten Menschen, so die leise These dieses Bildes, enden weder im Triumph noch im Sturz. Sie gehen über in einen Zustand der Fortdauer, der sich jeder dramatischen Zuspitzung entzieht. Die Asphodelienwiese ist damit das Jenseits der Durchschnittlichen – nicht als Beleidigung, sondern als Beschreibung eines Zustands, in dem sich das Leben von seinen Exzessen befreit hat.

Dass man den Toten in der Antike Asphodelien auf die Gräber setzte, war mehr als ein dekorativer Akt. Es war eine stille Übereinkunft zwischen Botanik und Metaphysik. Die Pflanze übernimmt die Rolle eines Vermittlers: Sie sagt, dass hier etwas weitergeht, aber anders. Reduzierter, gleichförmiger, ohne die Dramatik des vorherigen Daseins. Man könnte fast sagen, die Asphodelie ist die Pflanze der nachlassenden Intensität.

Und doch ist diese Vorstellung nicht trostlos. Sie enthält eine eigentümliche Form von Gerechtigkeit. Nicht jeder muss sich im Jenseits rechtfertigen, nicht jeder wird erhoben oder erniedrigt. Für die meisten reicht es, weiter zu sein – in einer Welt, die keine Forderungen mehr stellt. Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Kühnheit dieses antiken Gedankens: dass er sich ein Nachleben vorstellt, das nicht bewertet, sondern schlicht fortsetzt.

Wenn man dieses Bild heute betrachtet, kann man es kaum ohne leise Irritation tun. Zu sehr sind wir daran gewöhnt, das Jenseits als Bühne letzter Entscheidungen zu denken. Die Asphodelienwiese entzieht sich dieser Dramaturgie. Sie bietet kein Finale, sondern eine Verlängerung im Modus des Abklingens. Die Seelen wandeln, sie verweilen, sie kosten – vielleicht – an den blassen Kelchen der Pflanzen, als hätten sie noch eine Erinnerung an das, was einmal Geschmack war. So bleibt die Asphodelienwiese ein Ort von stiller Konsequenz für die Seele. Dieser Ort ist ihr weder Verheißung noch Drohung, sondern die nüchterne Möglichkeit, dass das Leben nicht endet, sondern sich abschwächt. Ein Fortleben ohne Höhepunkte. Eine Existenz ohne Dringlichkeit. Und vielleicht – für manche – gerade darin von einer schwer einzugestehenden Angemessenheit.

Was bei Platon und in der Folge langsam, aber sicher entsteht, ist als Theorie für lange, sehr lange Zeit das kulturelle Betriebssystem Alteuropas. Es prägt religiöse Vorstellungen, philosophische Anthropologien, therapeutische Praktiken. Selbst dort, wo der weltliche Bestattungsredner sich von allem Religiösen zu distanzieren meint, spricht er immer noch Platons Sprache. Die Seele ist zum unhinterfragten Begriff des „Innen“ geworden, zum stillen Zentrum unserer Selbstbeschreibung.

Man könnte sagen: Da hat uns die Antike zwei schöne Vorstellungen geschenkt – schön, weil sie trösten, ordnen und erheben. Aber ist das nicht auch verpflichtend? Gewiss! Denn wer eine unsterbliche Seele hat, kann sich nicht mehr ganz der Welt überlassen. Er muss sich zu ihr moralisch verhalten, sie pflegen, läutern, ausrichten. Und so könnte aus einer fixen – wenn auch sehr alten – Idee eine Lebensform werden. Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Leistung: nicht dass wir an die Seele glauben, sondern dass wir gelernt haben, zu glauben, dass wir an sie glauben müssen – wenn anders wir nicht verloren gehen wollen.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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