Die Weise von Feuer und Liebe zur Kirche
Leberecht Gottlieb (Teil 150)
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
150. Kapitel, in welchem Leberecht Gottlieb eine Pfingstphantasie zum Besten gibt und wir einen Eindruck davon bekommen, wie der alte Geistliche die Dinge sieht, die man nicht sehen kann ...
Von der Kirche, welche brennt, träumt der Superintendent. Träumt vom Früherwachen. Dunkel noch die Gassen. Über Feldern liegt ein fahler Schein, die Sonne hebt ihr Lid aus Gold und rotem Glanz, davon der Morgen langsam wächst wie die Gedanken Gottes. Heut ist Pfingsten. Er ginge kirchwärts. Träumt er! Schlüssel klingen leise in seiner Hand. Die Linden rauschten überm Kirchhof hin, in fremden Sprachen.
Er öffnet. Sie ist kühl. Die Kirche. Stein. Holz. Alte Luft. Und irgendwie der Duft von Bienenwachs. Da tritt er ein. Sein Schritt läuft vor ihm her durchs leere Schiff und hallt. Die langen weißen Kerzen warten beim Altartisch und mit Ungeduld. Still ist’s. Schmal sind die Kerzen. Betenden Fingern gleich. Er entzündet alle Dochte. Einen nach dem anderen. Die kleinen Feuer heben sich empor - wie Seelen heben sie sich flackernd leicht empor. Dann läuten auch die Glocken. Pfingsten. Über Dächer hin. Und über Scheunen. Über Gärten. Über den Fluss.
Er wartet. Niemand kommt. Die Tür bleibt dunkel. Träumt er. Nur die Flammen biegen sich ein wenig in der Heiligkeit der Kühle hin und her. Er beginnt zu singen. „Komm, Heiliger Geist, Herre Gott.“ Die Stimme ist zuerst noch klein. Erschrocken über diese Einsamkeit. Doch dann hebt das Gewölbe an mit Hall und Schallen. Die Pfeiler tragen’s weiter. Emporen werfen es zurück - die Worte und die Stille. Und plötzlich scheint die ganze Kirche voll zu sein - mit unsichtbaren Menschen. „Erfüll mit deiner Gnaden Gut deiner Gläubigen Herz, Mut und Sinn.“ So singt er das. Und wieder. Immer wieder. Die Worte lösen sich von seinen Lippen, bis sie brennen. Sie steigen höher. Bleiben unter den geschweiften Bögen hängen. Und - als er hinsieht, meint er, kleine Flammen zu gewahren. Über leeren Bänken schweben sie und warten. Ruhig. So wie damals und zu Häupten aller Jünger Jesu. Über Petrus und Johannes, Magdalena und den anderen.
Ganz kleine Feuer sind es. Nicht verzehrend. Leuchtend nur und wie belohnend. Da ist ihm, als atme seine Kirche wie ein Wesen alter Vorzeit. Langsam. Groß. Als wär’ das kein Gebäude mehr, als wäre es ein wacher Leib.
Er singt. Und seine Stimme, sie entfernt sich sacht von ihm. Das Kyrie - es schwingt sich auf die Balken bis hinan zum Turm. Und er? Er muss sich setzen. So müde plötzlich. Unendlich müde. Die Kerzenflammen stehen still. Das Wachs rinnt langsam hin. Weiße Zeit. Er legt den Kopf auf eine Bank. Schläft ein. Und schläft.
Alles fällt ab. Sechs Tage gehen über ihn hinweg. Draußen Regen. Dann Sonne. Stille. Zeit … Kinder laufen übern Kirchhof. Eine Amsel baut ihr Nest unter dem Dach der Sakristei. Und niemand kam - und niemand kommt.
Die Kerzen wurden kleiner. Sie sind wie Wesen, die was suchen. Und immer tiefer sinkt ihr Wachs. Am Sonntag Trinitatis griff die erste Flamme nach dem alten Holz. Das war kaum sichtbar, aber abzusehen. Gleich wird es heller. Dann läuft ein Leuchten durch den Schnitzwerk des Altarschreins. Die Engel kriegen heiße Wangen. Ist das ein Morgenrot für seine Kirche. Und die Apostel fangen an zu glühen. Alle! Das Feuer steigt. Beißt in die Balken. Springt in den Turm hinauf. Hinauf, hinaus. Hinauf. Bis an den Himmel greift die Brunst.
Und plötzlich steht die ganze Kirche hell und lichterloh in Flammen. Groß ist das Brausen. Groß das Krachen. Da mitten drin erwacht er. In einer Kirche, welche brennt, schlief er und träumte- dieser Superintendent. Mann! Hitze über dir! Funken in deinem Haar. Die Kasel brennt - an ihrem Saum nagt schon die Lohe. Träumt ihm, oder ist’s wahr? Vision! Wie damals über den Aposteln. Jetzt wilder nur.
Da springt er auf. Und rennt. Der Superintendent. Durch Rauch. Fallende Gluten. Leuchtende Heiligenfiguren säumen seine Flucht. Dort ist die Tür. Luft. Komm ins Offene …
Und draußen grüßen ihn die Bäume. Frühling, der zum Sommer werden will. Er zerrt das Zeug vom Leibe sich. Goldene Fäden verglasen in taunassem Gras. Die Kleider alle wirft er von sich. Und stürzt zum Fluss. Die Haut glänzt ihm wie Adams Fell am sechsten Tage. Das Wasser kalt und tief. Er taucht hinein wie es der Täufer hielt, vor langer Zeit, Johannes ist sein Name.
Und über ihm wird alles still. Kein Glockenschall ertönt. Keine Erwartung pocht mehr an mit Predigtwünschen. Läuterndes Wasser nur. Tiefe. Schweigen. Als er auftaucht, ist über ihm der Himmel offen. Und aus dem Licht ertönt die Stimme: „Heut gebe ich dich frei.”
Dann sah man ihn weit draußen auf den Feldern. Auch bei den Reben. Unter Bäumen und mit Holz beschäftigt. Er sprach nur wenig mit den Leuten. Die glauben manchmal, über dem Haar des Mannes leuchten Flammen …
Autor:Matthias Schollmeyer |
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