Kantate
Der Mensch als Vogel
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
KANTATE - SINGET …
Stellt euch vor: Ihr kauft einen Kanarienvogel. Stolz kommt man aus der Vogelhandlung zurück nach Hause. Ihr habt einen wunderbaren Draht-Käfig, Vogelfutter, Hirse und den bunten Kanarienvogel Hansi. Den habt ihr gewollt. Wirklich gewollt, weil ihr allein seid. Ihr wollt gern Unterhaltung haben und habt gehört, diese Vögel können manchmal sogar sprechen und auf alle Fälle wunderbar singen. Ihr stellt den Käfig ans Fenster, dort, wo die Sonne hinscheint. Nicht zu stark, aber auch nicht zu wenig. Und nehmt das Seiden-Tuch vom Käfig. Da sitzt er nun, der wunderbare Kanarienvogel, und ihr gabt ihm den exotischen Namen Hansi. Dann setzt ihr euch gegenüber auf das Sofa, genießt duftenden Tee und wartet, dass dieser Vogel singt. Der hüpft ein wenig hin und her. Käfig ist groß genug, aber er singt nicht. Er singt einfach nicht. Nicht am ersten Tag, am zweiten, am dritten nicht, nicht nach einer Woche, nicht nach zwei Wochen, nicht nach drei Monaten. Und da nehmt ihr den Vogel samt Käfig und bringt ihn zurück zur Zoohandlung. Der Verkäufer lacht euch aus und sagt, „es ist eben ein Vogel und der singt nicht.“
Diese kleine Geschichte erzählt uns Thomas Bernhard in dem ihm eigenen sarkastischen Ton und wir fragen uns, „was lernt uns das?“
Ja, wenn man in eine Kirche geht, da singen die Leute! Man möchte Orgelmusik. Max Reger oder Olivier Messiaen. Wenn man den Gottesdienst besucht, erwartet man Gesang. Wenn man die Liturgie zelebriert, erwartet man, dass der himmlische Gottesdienst der Engel jenseits aller denkbaren Sphären sich hier im Gesang der Kirchengemeinde widerspiegelt - und als Echo erklingt. Aber - man müsste eben singen. Aus tiefstem Herzensgrunde! Wenn dann gar nichts erklingt, ist das traurig, sehr, sehr traurig. Und deshalb muss man immer wieder den Menschen zurufen: „kauft euren Kindern keine Handies, sondern lehrt sie von Anfang an das Singen. Und wenn ihr selber nicht singen könnt, dann lasst zu Hause wenigstens gute Musik spielen.“ Jedem Menschen ist ein Musikinstrument mitgegeben worden am Tage der Geburt. Das ist die eigene Stimme, die Kehle. Und wenn der Gesang vernachlässigt wird, dann ist es so, als ob man nicht sprechen kann. Früher noch als die Sprache gewesen, war schon der Gesang da - „Sing, Nachtigall, sing / Ein Lied aus alten Zeiten / Sing, Nachtigall, sing / Rühr mein müdes Herz!“ Der Mensch ist ein Vogel, er kann fliegen und deshalb muss der Mensch singen. Kantate!
Autor:Matthias Schollmeyer |
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