HILDBURGHAUSEN
DIE BILDER DER CHRISTUSKIRCHE (4)

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Könnte nicht - so denken wir manchmal - das Gefängnis die eigentlichen Universität der Menschheit sein? Nicht deshalb, weil dort klügere Menschen säßen als draußen, sondern weil dort jede Hoffnung bis auf ihre nackten Knochen abgeschabt wird. Draußen lebt man von der Illusion, schon morgen werde alles anders sein können. Drinnen ist das Morgen nur wieder ein neues Verhör. Jede Stunde fragt dieselbe Frage: Warum? Und weil niemand antwortet, beginnt man zu schreiben. Die Gefangenschaft gehört zu den erstaunlich produktiven Zuständen der Geistesgeschichte. Gerade weil dem Menschen fast alles genommen wird – Freiheit, Besitz, Zukunft –, bleibt ihm oft nur noch das Denken. Manches der größten Werke der Weltliteratur und Musik sind unter Haftbedingungen oder in unmittelbarer Gefangenschaft entstanden. NUr wenige Beispiele seien an dieser Stelle genannt: Boethius (um 524): De consolatione philosophiae (Trost der Philosophie) – geschrieben im Gefängnis von Pavia kurz vor seiner Hinrichtung. Eines der einflussreichsten Bücher des Mittelalters. Die Philosophie erscheint dem Gefangenen als schönes Weib und tröstet ihn über den drohenden Tod hinweg. Miguel de Cervantes: Don Quijote – Cervantes berichtet im Vorwort, dass der Einfall zu seinem Roman während einer Gefängnishaft entstand. Wahrscheinlich wurde ein Teil des ersten Bandes dort konzipiert. Olivier Messiaen: Quatuor pour la fin du Temps (Quartett auf das Ende der Zeit) wurde 1941 in deutscher Kriegsgefangenschaft komponiert und im Lager Stalag VIII A uraufgeführt. Es zählt zu den größten Kammermusikwerken des 20. Jahrhunderts. Und im Gefängnis beginnt man auch zu träumen. Dietrich Bonhoeffer hat in seinen Briefen aus der Haft darüber Auskunft gegeben.

Ähnlich wird es auch im Buch der Genesis (40,1-23) berichtet. Josephsgeschichten. Da sitzen sie ein, zwei hohe Beamte - und warten auf das, was ihnen gebührt. Der eine, der Mundschenk des Pharao, trägt noch immer etwas von der Gewohnheit des Hofes in seinem Gesicht, obwohl der Hof ihn hämisch längst vergessen hat. Der andere, der Bäcker, hat bereits jene Müdigkeit angenommen, die den Menschen anfällt, wenn er ahnen muss, dass gegen ihn längst ein Urteil gefällt worden ist, von dem man selber noch nichts wissen kann. Beide sind Gefangene, aber jeder auf andere Weise. Der eine hofft noch. Der andere hofft schon nicht mehr und weiß nicht einmal, dass dieses Nicht-mehr-Hoffen bereits die Vorstufe der Wahrheit ist.

Und zwischen ihnen kniet Joseph - der Sohn Jakobs, Sohn eines Träumers und selber Träumer par excellence.

Er ist kein Richter. Sondern einer, der zuhört. Das ist übrigens das bleibend Erstaunliche an der biblischen Prophetie: Sie beginnt nicht mit dem eigenen Reden, sondern mit dem Hin-Hören. Joseph hört die Träume der beiden Gefangenen an. Denn er ist selber auch gefangen. Er nimmt die Träume seit jeher ernst. Er lacht die Träumer nicht aus. Er erklärt ihnen auch nicht psychologisch, wie wir modernen Menschen alles erklären müssen, bis nichts mehr davon übrig bleibt. Er wartet.

Sein Blick hebt sich. Nicht zu den Gefangenen, sondern über sie hinaus hebt er sich ins Imaginäre. Der Maler hat diesen Augenblick abzubilden recht gut verstanden. Josef blickt nicht in den Raum. Er blickt hindurch in ganz andere „Räume”. Sein Gesicht scheint von einer Wirklichkeit beleuchtet zu werden, die auf dem Bild gar nicht sichtbar ist. Seine erhobenen Hände zeigen nirgendwohin und gerade deshalb auf alles. Kam der Traum von unten, aus den Tiefen der schlafenden Menschen? Wir wissen das nicht. Die Deutung jedenfalls kommt immer von oben. Zwischen beiden Sphären kniet Josef wie eine Brücke.

Das ist die wahre Prophetie. Wir stellen uns Propheten immer als Menschen vor, die die Zukunft vorhersagen, welche dann schon feststehen müsste. Tatsächlich übersetzen die Propheten aber eine Sprache, die eher verbergen als offenbaren darf.

Schauen wir mal rüber nach Griechenland in die alten Orakelheiligtümer. Die Pythia in Delphi etwa sprach keine fertigen Sätze. Sie stieß Laute hervor, rätselhafte Wortfetzen, ein Stammeln zwischen Ekstase und Atemnot. Erst die Priester setzten daraus nachträglich einen Spruch zusammen - und damit ging man dann so oder so seiner Wege. Schon das Orakel war also zweistufig. Da war zuerst das mit schäumendem Mund ausgestoßene Rätsel. Dann erst kam der Deuter an die Reihe. Nicht also der ekstatische Mensch war der eigentliche Prophet, sondern derjenige, der das Unverständliche in Sprache verwandelte.

So geschieht es auch hier. Der Traum ist kein Urteil. Er ist Material. Er ist Rohstoff. Joseph macht daraus Bedeutung. Das hat der Maler mit Farben auf die Leinwand gebannt - und das Bild hängt auf der Nordempore der Christuskirche in Hildburghausen. Dem Mundschenk sagt er Folgendes: Du wirst wieder in dein Amt eingesetzt werden. Dem Bäcker sagt er: Dich wird man hängen.

Es gehört zu den nicht so schönen Tatsachen der Bibel, dass dieselbe prophetische Gabe dem einen Hoffnung und dem anderen das Ende aller Hoffnung bringt. Joseph verändert das Schicksal nicht. Er macht es vorab nur sichtbarer. Darin liegt die Grausamkeit aller Prophetie. Sie heilt nicht notwendigerweise. Sie enthüllt.

Man könnte meinen, Josef müsse über seine eigenen Worte erschrecken. Aber er erschrickt nicht. Er wirkt fast begeistert. Nicht weil er Freude am Unglück hätte, sondern weil ihn die Wahrheit selbst überwältigt. Der Mensch, der plötzlich erkennt, wie die auseinanderliegenden Bruchstücke zusammenpassen, vergisst für einen Augenblick sogar das Elend der Welt. Erkenntnis besitzt ihre eigene Ekstase. Darum suchen die einen sie - andere fürchten Erkenntnis aus dem selben Grund.

Der Bäcker sitzt bereits im Schatten seines Galgens, ohne ihn sehen zu können. Der Mundschenk sitzt bereits an der königlichen Tafel, ohne den schäumenden Wein schon zu schmecken. Beide leben in den Bildern ihrer Träume bereits am Rande einer Zukunft, welche beschlossen zu sein scheint und ihnen doch noch verborgen bleibt. Das macht ihre Verzweiflung so groß. Der Mensch leidet nicht nur an dem, was geschieht. Er leidet vor allem daran, dass er nicht weiß, was geschieht.

Vielleicht auch deshalb erzählt die Bibel diese Geschichte - sie macht es uns etwas leichter, ähnliche Situationen zu bestehen, wenn wir wieder einmal ahnen, dass zwischen Traum und Wirklichkeit ein geheimnisvoller Raum liegt, in dem Bedeutungen auf ihre Stunde warten. Dort kniet Joseph. Er ist Magier und Wahrsager nur deshalb, weil er davon überzeugt ist, dass Gott selbst der eigentliche Übersetzer der Welt ist. Die eigentliche Hoffnung dieses düsteren Gefängnisses – dieser sonderbaren Universität des Lebens – besteht darin, dass über unser Leben niemals der Traum das letzte Wort hat, sondern seine Deutung.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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