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Sie erinnern mich daran ...
... was ich verliere

Nun war der alte Mann wirklich schon sehr alt. Und jetzt lag er sogar endgültig im Bett. Man überlegte, was man mit ihm machen solle. Nach Hause schicken ging nicht, da war keiner mehr. Ins Heim, ja gut, aber wie lange würde er es dort aushalten? Wäre es dann nicht doch gleich besser, ihn ins Hospiz zu schicken? All das stand dringend als Frage im Raum und der alte Mann ahnte wohl, dass man sich solche Gedanken über ihn machte.

Er lag in seinem Pflegebett und schaute an die Decke, wo eine Spinne unterwegs war und offenbar nicht richtig wusste, wo sie den Haltepunkt für irgendein Netz würde befestigen können. Und siehe - es ging die Tür auf und eine unglaublich schöne Frau war auf einmal mit im Raum. Das war die Krankenhausseelsorgerin. Sie war ungefähr Mitte Dreißig, hatte gerade einen Urlaub in der Karibik verbracht und betrat sonnengebräunt mit gestyltem Gesicht und hochgepflegten Fingernägeln in einem blumenbedruckten Sommerkostüm in die Krankenstube des alten Mannes.
Der sagte halblaut: „auch das noch”. Aber die Frau besaß - im Gegensatz zu ihm - noch gute Ohren und hat es gehört. „Soll ich nicht wiederkommen oder später?” fragte sie und nannte den Namen des alten Mannes, der von uns jedoch an dieser Stelle hier verschwiegen werden soll. Aus Pietäts- und Datenschutzgründen.

„Nein, nein, bleiben Sie ruhig”, sagte der alte Mann und bereute den unbedacht hingeworfenen Halbsatz „auch das noch”. Die Frau setzte sich auf einen Stuhl an sein Bett und betrachtete ihn mit ihren wunderschönen dunkelgrünen Augen, strich sich das Haar zurück, was der Greis natürlich (denn er hatte die entsprechende Literatur gelesen) als Putz- und Animationsgeste identifizierte, herstammend noch aus den Abgründen der Affenzeit, die wir Menschen alle durchgemacht haben und ihr entronnen zu sein meinen. Die junge Krankenhausseelsorgerin schaute den alten Mann mit empathisch fragendem Blick an.

Der alte Mann dachte sich, eine Krankenhausschwester sollte nicht so schön sein und sollte nicht alle die alten Kampf- und Beuteprogramme des Männerhirns, was mit dem Körper nur noch unzureichend verbunden ist, in Habachtstellung bringen. Genauso dachte er.

Dann kam die Überlegung zum Vorschein, ob er der Frau das sagen sollte. Und weil er wusste, wie er nur noch wenig Zeit auf dieser schönen, verrückten Welt zuzubringen haben würde, sagte er es und sagte es so: „Sie sind eine sehr schöne Frau. Haben Sie sich einmal überlegt, wie das auf Männer, die dem Tode nahe sind und den Tanz mit Freund Hein alsbald beginnen müssen, wirkt und welch absolut desaströsen Einfluss es auf die Psyche eines Menschen nimmt, dem der totale Abschied winkt und er noch einmal das volle, pralle Leben vor sich sieht? Wie zum Hohn?

Die Frau zog ihre sorgsam gezogenen Augenbrauen hoch, und sie war sprachlos. So etwas hatte sie, obwohl jede einschlägige Weiterbildung besucht, noch nie zu hören bekommen. Aber weil die Frau natürlich nicht von der einfachen Art war, sondern sogar Etliches aus der Metaphysik gelesen hatte und sich zum Beispiel mit Hannah Arendt auskannte, mit Simone de Beauvoir und auch Madame de Staël, wusste sie, wovon der Alte in etwa sprach, und senkte schuldbewusst ihr schönes lockenumwalltes Haupt.

„Ja”, sagte sie, und dann sagte sie nichts mehr. Der Mann meinte zu diesem Ja Folgendes: „Wenn sie eine alte Nonne ungefähr im Alter von 75 bis 80 Jahren wären, mit einem zerfältelten Gesicht, ungeschminkten Lippen und ungepflegten Augenbrauen, wäre das zwar nicht so schön anzusehen wie jetzt, aber sie würden damit jenen Menschen, welche an der Grenze ... zum Leben oder Tod, je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet, stehen, wohl einen größeren Gefallen tun, als sie meinen, es jetzt mit ihrer schönen Erscheinung zu vergegenwärtigen.” So sagte es der alte Mann, und das war natürlich hart für die wunderschöne junge Krankenhausseelsorgerin, aber diese Lektion musste sie heute lernen.

Sie sprach also noch ein Gebet, das ist das Einzige, was man in solchen Situationen tun kann, packte ihre kleinen Leseheftchen, Kreuzesanhänger und Plastikengel in die Tasche zurück, denn sie wusste, dass sie mit solcher Art Geschenken den alten Mann weder erheitern noch trösten, sondern eher nur noch mehr verstimmen würde. Und sagte mit einnehmender Stimme: „lieber Herr so und so, ich werde bei Gelegenheit noch einmal nach Ihnen schauen.” Schauen, sagte sie. „Und das ist genau das richtige Wort”, dachte der alte Mann und winkte matt mit der Hand auf der Bettdecke, über die sich verschiedene Schläuche ringelten, welche alle in sein Inneres führten, sei es, dass die einen von dort die schädlichen Stoffe auszufiltern hatten, und die anderen, guten, welche unserem Helden verschiedene schmerzlindernde Substanzen von außen einflößten.

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Szenenwechsel
Frederika, so hieß diese junge Krankenhausseelsorgerin, hatte nach ihrer Rückkehr in das kleines Dienstzimmer ihr Gesprächsprotokoll gewissenhaft niedergeschrieben. Sie gehörte zu jenen Menschen, die selbst dann noch sauber formulierten, wenn sie innerlich erschüttert waren.

Sie vermerkte die Aussagen des alten Mannes möglichst genau. Seine Bemerkungen über die Schönheit des Sterbens - oder das Sterben der Schönheit. Besser - sie strich alles noch einmal durch - über Schönheit und Sterben. Auch besonders die Überlegungen des kranken Mannes zur alten Nonne. Solches Protokoll sandte sie ihrem Supervisor.

Eine Woche später fuhr sie mit der Eisenbahn zu einer regionalen Supervision. Das Treffen fand in einem Bildungszentrum statt, das irgendwann in den siebziger Jahren erbaut worden war und dessen Architektur den Eindruck vermittelte, als habe man einen Verwaltungsbau mit einem Kloster gekreuzt und anschließend die beiden Elternseiten vergessen wollen. Nach einem Stück Käsekuchen und einem Kaffee, begaben sich die Teilnehmer in den Seminarraum.

Dort standen sie bereits. Die Stühle. Im Kreis. Frederika unterdrückte ein Seufzen. Ach, diese Stuhlkreise. Diese eigentümliche geometrische Figur der Gegenwart, in der alle gleich sein sollen und niemand weiß, wohin mit den Händen. Ein Tisch in der Mitte hätte wenigstens einen Sinn gehabt. Man hätte etwas darauflegen können. Ein Buch. Eine Brille. Die eigenen Zweifel. Aber nun fühlte sich die Mitte leer an - in irgendwie unguter Weise. Zwölf Menschen saßen da und blickten einander an. Die Supervisorin, eine Frau im Ökoschlampenlook mit randloser Brille und einer bemerkenswerten Begabung, jede Aussage zunächst wertschätzend zu wiederholen, eröffnete die Runde.

„Wer möchte heute einen Fall einbringen?“ Eine längere Pause entstand. Dann meldete sich Frederika. „Ich hätte einen.“ Die anderen nickten mit jener diskreten Aufmerksamkeit, die Menschen entwickeln, die berufsmäßig aufmerksam sein müssen. Frederika schilderte die Begegnung mit dem alten Mann. Je länger sie sprach, desto stiller wurde der Raum. Als sie geendet hatte, entstand erneut Schweigen. Schließlich räusperte sich ein Kollege. Er war Gefängnisseelsorger und trug Bart und einen sogenannten Männerdutt. „Der Mann hatte Angst.“

„Natürlich hatte er Angst“, sagte Frederika.

„Nein“, erwiderte der Kollege. „Ich meine etwas anderes. Er hatte Angst vor dem Leben. Vor dem Leben, das weitergeht, während er zurückbleibt.“

Ein anderer Teilnehmer schüttelte den Kopf.

„Das sehe ich anders. Ich glaube, der Mann war wütend.“

„Worauf?“

„Darauf, dass die Welt sich nicht um seinen Abschied kümmert.“

Nun begann die Diskussion. Wie immer. Man sprach über Projektionen. Über Übertragungen. Über Gegenübertragungen. Über narzisstische Kränkungen. Über Vergänglichkeitskonflikte. Über die Symbolik weiblicher Schönheit im Angesicht der Endlichkeit. Frederika hörte aufmerksam zu. Nach einer halben Stunde kannte sie zwölf neue Fachbegriffe, aber kaum mehr als zuvor. Schließlich meldete sich ein älterer Teilnehmer. Er war bereits kurz vor der Pensionierung und hatte den größten Teil seines Berufslebens in Hospizen verbracht. Er sprach selten. Darum hörten alle zu.

„Vielleicht“, sagte er langsam, „hat der alte Mann Ihnen das größte Kompliment gemacht, das ein Sterbender machen kann.“

Niemand sagte etwas.

„Wie meinen Sie das?“, fragte die Supervisorin.

Der alte Seelsorger faltete die Hände.

„Er hat ihr nämlich nicht gesagt: Sie sind schön. Das sagen Männer seit Jahrtausenden zu Frauen. Daran ist nichts Besonderes.“

Er schwieg einen Augenblick.

„Er hat gesagt: Sie erinnern mich daran, was ich verliere.“

Der Raum wurde still. Draußen fuhr ein Zug vorbei. Man hörte das ferne Rollen der Räder.

„Und wer so etwas sagt“, fuhr der alte Mann fort, „der spricht bereits mit einem Fuß aus der Ewigkeit und mit dem anderen noch aus dem Leben.“

Niemand widersprach. Denn plötzlich hatten alle das Gefühl, dass der eigentliche Gegenstand des Gesprächs weder die junge Seelsorgerin noch der sterbende Patient war. Sondern etwas Drittes. Etwas, das zwischen ihnen aufgeleuchtet war. Die uralte Frage, weshalb das Leben gerade dann am schönsten erscheint, wenn man beginnt, es aus den Händen geben zu müssen.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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