Fronleichnamsfest
VERGEGENWÄRTIGT
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Fronleichnam ist auch für Leute da, die glauben, sie hätten mit Religion nichts am Hut.
Es war einmal ein Mann, der jeden Morgen mit seinem Hund dieselbe Runde ging. Er war Ingenieur, ein vernünftiger Mensch. Er glaubte an Zahlen, an Brücken, an Heizungsanlagen und an die Steuererklärung. Mit Religion hatte er wenig zu schaffen. Gott war für ihn eine historische Randfigur, irgendwo angesiedelt zwischen den Pyramiden Ägyptens und den Ruinen des Römischen Reiches.
Eines Morgens blieb der Hund plötzlich stehen. Im Gras lag eine alte Taschenuhr. Der Ingenieur hob sie auf. Das Uhrwerk war beschädigt, die Zeiger standen still.
„Eigentlich ist sie wertlos“, sagte er.
Seine Enkelin, die ihn begleitete, fragte: „Wenn sie wertlos ist, warum hebst du sie dann auf?“
„Weil sie jemandem gehört hat.“
„Aber der Mensch ist doch gar nicht da.“
Der alte Mann betrachtete die Uhr noch einmal.
„Nein“, sagte er schließlich, „aber die Uhr erzählt, dass er einmal da gewesen ist.“
Die Enkelin dachte einen Augenblick nach.
„Dann ist die Uhr mehr als Metall?“
Der Ingenieur antwortete nicht sofort. Denn das Kind hatte etwas ausgesprochen, das jeder Mensch kennt und doch selten bedenkt. Die Dinge tragen Spuren von Personen in sich. Der Ehering ist mehr als Gold. Der Brief einer Mutter mehr als Papier. Die Geige des Großvaters mehr als Holz. Ein Grabstein mehr als Stein.
Der Mensch lebt nicht allein von Gedanken. Er sucht Gegenwart. Er möchte berühren, sehen, hören, riechen. Er möchte Nähe erfahren.
An dieser Stelle beginnt das Geheimnis von Fronleichnam.
Viele Menschen halten die Fronleichnamsprozession für einen folkloristischen Umzug mit Fahnen, Ministranten, Blasmusik und Weihrauch. Man kann sie so betrachten. Man kann aber auch versuchen, eine andere Antenne auszufahren.
Die Christen behaupten nämlich etwas Außergewöhnliches. Sie sagen nicht nur, dass Jesus gelebt hat. Sie sagen nicht nur, dass er gute Gedanken hinterlassen hat. Sie sagen nicht nur, dass sein Andenken bewahrt werden soll. Sie behaupten, dass er wirklich gegenwärtig ist.
Hier liegt der eigentliche Stein des Anstoßes des christlichen Glaubens. Wenn diese Behauptung wahr ist, verändert sie alles. Dann beschäftigt sich Religion nicht mit einem Abwesenden. Dann wird sie Begegnung.
Fronleichnam ist die öffentliche Behauptung dieser Gegenwart.
Die Monstranz mit der Hostie als Leib Christi, der da durch die Straßen getragen wird, ist die vielleicht kühnste Aussage des Katholizismus. Sie sagt: Gott hat sich nicht aus der Welt zurückgezogen. Er ist nicht nur fern hinter den Sternen. Er hat seine Adresse mitten unter den Menschen behalten.
Deshalb verlässt die Hostie an diesem Tag die Kirche. Sie wird hinausgetragen auf die Straßen, vorbei an Häusern, Gärten, Marktplätzen, Werkstätten, Friedhöfen und Feldern. Sie kommt an den Orten vorbei, an denen Menschen arbeiten, lieben, hoffen, streiten, altern und sterben.
Die Prozession gleicht einem Spaziergang Gottes durch die Welt.
Gerade das benachbarte Bayern besitzt dafür ein feines Gespür. Wenn die Birkenzweige an den Altären stehen, wenn die Blaskapelle spielt, wenn Kinder Blumen streuen und die alten Frauen ihre schönsten Tücher tragen, dann ereignet sich etwas, das moderne Menschen oft unterschätzen.
Der Mensch braucht Schönheit.
Er lebt nicht von Informationen allein. Kein Mensch wird durch Kalorien glücklich. Er braucht den gedeckten Tisch. Kein Mensch lebt von GPS-Koordinaten. Er braucht Heimat. Kein Mensch lebt von Daten. Er braucht Bedeutung.
Fronleichnam erinnert daran, dass die Welt mehr ist als ein Wirtschaftsraum und das Leben mehr als eine biologische Episode zwischen Geburt und Tod.
Natürlich kann man darüber abfällig lächeln. Man kann auch über Liebesbriefe lächeln. Über Grablichter. Über Musik. Über Gedichte. Aber wer über alles das abfällig lächelt, hat oft aufgehört zu staunen.
Vielleicht liegt genau hier die eigentliche Krise unserer Zeit. Wir wissen unendlich viel über die Welt. Wir können Sterne vermessen, Gene entschlüsseln und Informationen in Sekunden um den Globus schicken. Aber wir haben weithin verlernt, uns von der Wirklichkeit ansprechen zu lassen.
Fronleichnam versucht, dieses Staunen neu einzuüben.
Es sagt dem Menschen: Heb den Blick. Du bist mehr als deine Termine. Mehr als deine Sorgen. Mehr als deine Krankheiten. Mehr als deine politischen Überzeugungen. Mehr als dein Kontostand. Du bist ein Wesen, das auf Gegenwart hin geschaffen wurde.
Wer einmal eine Fronleichnamsprozession in einem bayerischen Dorf erlebt hat, versteht das. Die Glocken läuten. Der Weihrauch steigt auf. Die Fahnen bewegen sich im Wind. Und plötzlich entsteht für einen Augenblick der Eindruck, als würde die Welt durchlässig. Als ob hinter den sichtbaren Dingen noch eine tiefere Wirklichkeit wartet. Eine Wirklichkeit, die größer ist als unsere Pläne und freundlicher als unsere Ängste.
Der moderne Mensch braucht Fronleichnam womöglich dringender als seine Vorfahren. Seine Vorfahren litten oft unter Aberglauben. Wir heute leiden eher unter Bedeutungslosigkeit.
Und gegen Bedeutungslosigkeit hilft keine Technik. Dagegen hilft nur die Erfahrung, dass das Leben einen Mittelpunkt besitzt. Fronleichnam nennt diesen Mittelpunkt Jesus Christus.
Darum gehen die Menschen hinter der Monstranz her. Sie folgen keiner Idee, keinem Programm und keiner Tradition um ihrer selbst willen. Sie folgen der Hoffnung, dass dort vorne einer getragen wird und auf duese sonderbare Weise schreitet, der den Weg kennt – durch die Dörfer dieser Welt ebenso wie durch die Landschaften der Seele. Und vielleicht besteht die eigentliche Weisheit dieses Festes darin, dass man für einige Stunden aufhört, sich selbst für den Mittelpunkt des Universums zu halten, und sich stattdessen von einer Gegenwart begleiten lässt, die älter ist als die Sterne und näher als der eigene Herzschlag.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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