»Die Schüler sollen fragen und aus den Fehlern der Vergangenheit lernen«

Vergangenheitsbewältigung: Hartmut Rosinger stellt sich den Fragen der Schüler – und seiner eigenen Vergangenheit.
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Christliches Gymnasium Jena: Zehntklässler sprechen mit ehemaligen inoffiziellen Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit

Von Beatrix Heinrichs

Einen Zugang zur nicht selbst erlebten DDR-Geschichte schafft ein Projekt am Christlichen Gymnasium in Jena. In Zusammenarbeit mit dem Landesbeauftragten des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (ThLA) arbeiten sich Zehntklässler durch 30 Dokumente des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS): Gedächtnisprotokolle, Aktenvermerke, Ermittlungsberichte. Im anschließenden Gespräch mit Hartmut Rosinger, einem ehemaligen IM, werden diese Quellen kritisch hinterfragt.
»Den Eltern des Gründungsvereins der Schule war die Bearbeitung der DDR-Zeit im Unterricht ein großes Anliegen«, sagt Geschichtslehrerin Mandy Mihm. Initiiert 2005, wird das Projekt seither von der Evangelischen Akademie Thüringen und vom ThLA unterstützt. Matthias Wanitschke, Referent für politische Bildung und Schülerarbeit beim ThLA: »Mit dem Projekt soll das Thema DDR-Aufarbeitung in die nächste Generation transportiert werden, ohne ausschließlich Heldengeschichten zu erzählen. Wir wollten Zeitzeugen, die eine gewisse Ambivalenz ausstrahlen.«
Die Biografie von Hartmut Rosinger, den Wanitschke gewinnen konnte, ist durchzogen von Brüchen: 1948 geboren, die Mutter sudentendeutsche Katholikin, der Vater frühes SED-Mitglied. In den 1970ern lässt sich Rosinger von der Staatssicherheit anwerben, überzeugt, dass es gut sei, »die gesellschaftlichen Parameter anders aufzustellen«. Er berichtet aus dem Umfeld der Evangelischen Studentengemeinde in Magdeburg – auch über einen Mann, der ihm zum Freund wird: Peter Wulkau.
Rosingers Informationen über dessen Vorhaben, einen regimekritischen Roman im Westen zu veröffentlichen, führen zu Wulkaus Verhaftung und seiner Abschiebung in den Westen.
Ein Wendepunkt in Rosingers Leben: Er nimmt Abstand von der Stasi – zunächst ohne seine Tätigkeit als IM gänzlich aufzugeben –, zieht nach Thüringen. Im Herbst 1989 engagiert er sich in der Bürgerbewegung in Bad Langensalza, wo er bis zum Renteneintritt als Sonderpädagoge tätig ist. 1999 nimmt er Kontakt zu Wulkau auf. Wie beide, Täter und Opfer, der Vergangenheit begenen, zeigt Heike Bacheliers Dokumentarfilm »Feindberührung« von 2011.
Das Interesse der Zehntklässler an diesem erzählten Leben ist groß. Sie wollen den Menschen hinter den Stasi-Akten kennenlernen: Wie eng könne denn die Freundschaft sein, wenn man den anderen bespitzele? Und: Sei ihm klar gewesen, dass er mit seinem Handeln Menschen geschadet habe?
Was den Schülern dabei nicht verborgen bleibt: Rosingers Lebensgeschichte ist eine Erzählung mit weißen Stellen, manche Kapitel bleiben unangetastet in einer »Box«, wie es ein Schüler treffend formuliert. Die Verdrängungsmechanismen scheinen zu funktionieren. Mehrfach verweist Rosinger auf die Unterlagen: Nein, da könne er sich nicht erinnern. Bisweilen aber gelingt es ihm, den Schülern die ideologischen Hintergründe, die engen Grenzen dieser Zeit zu illustrieren.
Im Rahmen dieses Geschichtsprojekts stellt sich Hartmut Rosinger nicht nur den Fragen der Schüler, sondern auch seiner eigenen Vergangenheit. Die Kontrolle über seine Geschichte behält er, die Deutungshoheit aber muss er abgeben. »Die Schüler sollen fragen und lernen aus den Fehlern der Vergangenheit«, sagt er. »Keine Entscheidung ist absolut, man kann seine Meinung ändern.«

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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