Porträt
Nicht nur eine Verwaltungsfrau

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Zum 30. Juni endet die Präsidentschaft von Brigitte Andrae im Landeskirchenamt der EKM. Hinter der Juristin liegen bewegte Zeiten, die sie von der HO zur Kirche führten.

Von Paul-Philipp Braun 

Protestantisch nüchtern. Diese nicht ungebräuchliche Begriffskombination ist es wohl, die Brigitte Andraes Büroeinrichtung zu beschreiben vermag: ein recht großer Schreibtisch, davor ein runder Tisch aus hellem Holz, einige Sideboards, auf denen sich Umlaufmappen, Schnellhefter und andere Aktenordner stapeln. Dazwischen eine Keramikfigur künstlerischer Herkunft, welche die Weimarerin Margret Weise schuf. Abgesehen von den Fotografien von Kirchenfenstern, ist die Figur mit Spiegel in der Hand das Einzige, was die so sachliche Einrichtung des Büros kurz unterbricht.

Dass es ausgerechnet Kunst ist, mit der die scheidende Präsidentin des Landeskirchenamts Akzente setzt, ist für sie selbstverständlich. "Für mich gehört Kunst einfach zum Leben dazu. Sie wirft oft ganz neue Perspektiven", sagt Brigitte Andrae. Und auch in ihrem Berufsleben spielte Kunst immer eine Rolle. So richtete sie etwa das Konsistorium der Kirchenprovinz Sachsen (KPS) schon kurz nach ihrem Dienstbeginn dort vollkommen neu ein, sorgte für Ausstellungen im Erfurter Landeskirchenamt und förderte künstlerische Aktionen und Begegnungen unter dem Dach der Kirche.

Einmal, so erinnert sich Andrae, sei ihre Liebe zur Kunst sogar beinahe zum Angriffspunkt der Staatssicherheit der DDR geworden: Damals seien zwei wertvolle Gemälde – deren Bedeutung allerdings nur Experten geläufig gewesen sein dürfte – aus dem Konsistorium der KPS entwendet worden. Als sie anschließend auf dem Volkspolizeikreisamt eine Aussage machte, sei dort neben dem Polizeibeamten auch ein "sehr kunstinteressierter Beamter aus Berlin" gewesen, erzählt Andrae. Als dieser sich zum weiteren Fachsimpeln zu ihr nach Hause einladen wollte, sagte sie ihm ab. Es sei zu offensichtlich gewesen, was der Mann gewollt habe.

Mit dem Staatsapparat der DDR habe sie wenig zu tun haben wollen, erinnert sich Brigitte Andrae. Nach dem Abitur an der Erweiterten Oberschule studierte sie in Halle Jura mit Schwerpunkt Wirtschaftsrecht, wurde anschließend Juristin bei der Handelsorganisation (HO) in Leipzig. Eine Stelle, die sie aufgrund der versagten Zulassung als Rechtsanwältin antrat. Denn obgleich das zuständige Ministerium schon seine Zusage gegeben hatte – die fehlende Mitgliedschaft in der Sozialistischen Einheitspartei (SED) verwehrte ihr die Berufung.

"Da kam dann einfach ein lapidarer Bescheid, dass ich nicht zugelassen wurde", erzählt die Juristin und fügt hinzu: "Das fand ich ziemlich verletzend." Ein Eintritt in die Partei sei dennoch nie eine Alternative gewesen. Auch, weil die gebürtige und als Kind getaufte Lauchaerin mit Mitte 20 wirklich zur Kirche fand. Mit 27 Jahren wurde sie konfirmiert. Durch das Pfarrerehepaar Andrea und Edelbert Richter kam Brigitte Andrae nicht nur zum Glauben, sondern auch zur DDR-Frauenbewegung. "So fand ich in die Junge Gemeinde und engagierte mich ab 1984 auch bei Frauen für den Frieden in Magdeburg", erzählt sie rückblickend.

Feministische Themen, Literatur und Kultur, aber auch der zunehmende Austausch über politische Angelegenheiten seien es gewesen, die sie nur in diesem Rahmen artikulieren konnte. Um die Wende beriet sie auch "Die andere Zeitung" (DAZ) juristisch und bezeichnet diese Zeit heute als eine "sehr wichtige Phase für die Selbstklärung und Selbstfindung".


"Für mich gehört Kunst einfach zum Leben dazu. Sie wirft oft ganz neue Perspektiven"

Beruflich hatte Brigitte Andrae sich schon 1983 gefunden. Nach einem zweiwöchigen Praktikum im Konsistorium der KPS in Magdeburg begann sie als Juristische Mitarbeiterin, wurde schon im folgenden Jahr Dezernentin für Besoldung und Versorgung. Eine Funktion, die sie ausfüllte, und ein Umfeld, das sie sehr genoss, erinnert sie sich: "Es war ein völlig anderes juristisches Arbeiten als bei der HO. An Rechtssetzung beteiligt zu sein und selbst Verantwortung zu übernehmen – das war es, was ich immer wollte."

Eine große Verantwortung trug sie auch, als 1990 der Beitritt der DDR zur alten Bundesrepublik beschlossen wurde, die Kirchen sich anglichen und mit ihnen auch der Verdienst der kirchlichen Mitarbeiter. "Die frühen 90er waren eine Zeit extremer Veränderung, auch in der Kirche. Es gab ein neues Dienstrecht und eine neue Besoldung." Diese lag zum 1. Oktober 1990 noch bei 30 Prozent eines Westgehalts – damals zwischen 650 und 860 Mark der DDR. Doch trotz immenser finanzieller und struktureller Unterschiede habe ein "sehr gutes Miteinander" mit den Kollegen aus dem Westen die Zeit bestimmt.

Als ihr Sohn jedoch Mitte der 90er schwer erkrankte, zog Andrae sich aus den beruflichen Belastungen, so gut es ging, heraus. Sie reduzierte ihre Arbeitszeit, wollte für die Familie da sein und war es. Mit dem neuen Jahrtausend und der Gesundung des Sohnes kamen neue Herausforderungen auf die Dezernentin zu. 2001 übernahm sie die Präsidentschaft im Magdeburger Konsistorium, arbeitete zuvor schon am Kooperationsvertrag von KPS und Evangelisch-Lutherischer Kirche in Thüringen (ELKTh) mit und füllte diesen fortan aus. Als 2004 der Föderationsvertrag in Kraft trat, wurde Andrae erneut Präsidentin, diesmal vom neuen Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Mit der "Arbeitsgemeinschaft 6", der sie vorsaß, schuf die Kirchenamtspräsidentin nun Vorlagen für eine einheitliche Verwaltungsstruktur, plante Finanzierungsangelegenheiten und nahm sich Fragen der Raumordnung an. Auch dem künftigen Sitz des Landeskirchenamtes. "Wir gaben damals eine Machbarkeitsstudie in Auftrag, um zu prüfen, ob Magdeburg, Halle, Erfurt oder Eisenach am besten als Amtssitz geeignet sind", erinnert sie sich und erzählt, dass der damalige Erfurter Oberbürgermeister Manfred Ruge (CDU) der jungen Landeskirche Objekte zum Aus- und Umbau vorschlug. Darunter auch die Defensionskaserne auf dem Erfurter Petersberg. "Dann fuhren wir dort hin, sahen uns das alles an, und der Oberbürgermeister erklärte, dass wir hier über den Katholiken sind", lacht Andrae noch heute über den nicht ganz so ernsten Hinweis.

Doch statt des historischen Kasernenareals wurde es mit dem "Collegium Maius" ein mittelalterliches Universitätsgebäude, in dem einst Luther studierte. Modern ausgebaut, war es Brigitte Andrae – sie selbst zog mit dem Amt von Magdeburg nach Erfurt – ein Herzensanliegen, das Landeskirchenamt auch "zur Stadt hin zu öffnen". So entstand etwa die Tradition der Ausstellungen im Kirchenamt, und der Saal öffnete für Veranstaltungen.

Wenn sie nun zum Juli ihr Büro an ihren Nachfolger Jan Lemke übergibt, übergibt sie ihm auch einen Prozess der stetigen Weiterentwicklung und ein Landeskirchenamt, das noch jung ist und doch gefestigt zu sein scheint. So wie Brigitte Andrae selbst fest in ihrem Glauben steht.

Autor:

Paul-Philipp Braun aus Erfurt

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