Kirchenkritik zum Reformationstag
Luther 2020: Reformieren – aber wie?

Auf der Wartburg brennt noch Licht: Ansonsten scheint es finster zu werden in den Kirchen, wenn man den düsteren Prognosen Glauben schenken darf. Da sind gute Ideen und tragfähige Konzepte gefragt. Vielleicht braucht es eine Reformation oder eine geistliche Erneuerung?
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  • Auf der Wartburg brennt noch Licht: Ansonsten scheint es finster zu werden in den Kirchen, wenn man den düsteren Prognosen Glauben schenken darf. Da sind gute Ideen und tragfähige Konzepte gefragt. Vielleicht braucht es eine Reformation oder eine geistliche Erneuerung?
  • Foto: Paul-Philipp Braun
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Am Reformationstag stellt man sich gerne die Frage, inwieweit die Kirche sich verändern müsste. Angesichts des Niedergangs der Kirche und ihrer verlorenen kulturellen Relevanz sind Reformvorschläge nicht knapp. Trotzdem geht es nicht recht voran.

Von Gregor Heidbrink

Einerseits Reformen wünschen, sich andererseits aber damit schwertun – wie passt das zusammen? Antwort: Es liegt an der Blockade der Kirche in mehreren Zwickmühlen. Zwickmühle heißt: Einerseits müssen wir uns bewegen, andererseits verlieren wir dann.
Die erste Zwickmühle betrifft die Stellung im Staat. Einerseits leben wir von Privilegien und Strukturen, die in Zeiten der Volkskirche erworben wurden: Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts, Beamtentum, Kirchensteuer, Theologische Fakultäten, Religionsunterricht und anderes mehr. Andererseits schaffen wir es nicht, volkskirchliche Strukturen weiter zu unterhalten. Miese Taufzahlen zeigen, dass die biologische Bestandserhaltung ans Ende kommt.
Die hauptamtlichen Kräfte werden so fein übers Land verteilt, als ginge es darum, in einem soziologischen Feldversuch die Wirksamkeit der Homöopathie zu widerlegen. Das Beamtensystem häuft Zahlungsverpflichtungen an in Form von Pensionszusagen, die die wenigen jungen Christen überfordern. Wir hinterlassen einen Schuldenberg. Das System, das uns jetzt am Leben hält, wirkt als schleichend süßes Gift. Schon jetzt merken das die Gemeinden bei den Personalkürzungen vor Ort. Privilegien und Rechtsordnungen erhalten die kirchliche Stellung, schaffen aber zugleich einen goldenen Käfig, der die Entwicklung bremst und gesellschaftliche Entwicklungen verschlafen lässt.
Erstes Beispiel: Statt kreative Medieninhalte zu produzieren, verlässt sich die Kirche auf Sendeplätze und Formate, die ihr aus alter Zeit qua Rundfunkstaatsvertrag zustehen, etwa das "Wort zum Sonntag". Wo Menschen unter 50 Jahren Medien konsumieren, auf Amazon oder Netflix, ist die Kirche unsichtbar. Die vertrauten Formate jedoch aufzugeben, fühlt sich falsch und überfordernd an angesichts des Anspruchs an Professionalität, den ein Neubeginn stellt. Wir können es nicht besser.
Zweites Beispiel: Wir verdanken den theologischen Fakultäten viel an Problembewusstsein und ein aufgeklärtes Verhältnis zu unserer Tradition. Und übrigens ist es ganz, ganz lieb von Vater Staat, dass er unsere Ausbildungskosten trägt. Jedoch: Die Reformation begann mit theologischer Leidenschaft. Aus den biblischen Schriften schloss der junge Luther eine Theologie auf, die in seiner Zeit einen Nerv traf. Die Sehnsüchte der Menschen, ihre Kultur und Lebensumstände fanden ein Evangelium, das ihnen entsprach. So etwas kriegen unsere theologischen Fakultäten nicht mehr hin, erst recht nicht in den biblischen Fächern, auf die es ankäme.
Als Martin Luther seine bahnbrechenden Werke formulierte, war er auch (noch) jung, arm und dünn. Wer heute einen Lehrstuhl erhält, ist, na ja, mindestens materieller Sorgen ledig. Der Kirche mag das Geld ausgehen, der Staat druckt seinen Beamten notfalls neues. Ob Professoren um den Fortbestand der Kirche ringen oder obskure Privatforschungsinteressen verfolgen? Wissenschaftsfreiheit! Müsste in Thüringen einmal über die Ablösung der Staatsleistungen verhandelt werden, könnte die Kirchenleitung immerhin erwägen, für ein paar Milliönchen den Fortbestand der Jenenser Fakultät mit auf den Tisch zu legen.

Nur für Bruchteil der Mitglieder interessant
Die nächste Zwickmühle: Einerseits lebt die Kirche von den Menschen, die in ihren Traditionen verwurzelt sind und das Gemeindeleben vor Ort tragen, weil das die Kirche ist, die sie lieben. Andererseits ist diese Form von Kirche nur für einen Bruchteil der eigenen Mitglieder interessant. 95 Prozent der Kirchensteuerzahler finanzieren das Hobby von wenigen, die die Kräfte der Hauptamtlichen absorbieren. Die Volkskirche konnte es sich leisten, Kirche für wenige zu sein. Die Bedürfnisse der Massen und ihr Geschmack wurden ignoriert. Denen, die die Volkskirche nicht erreichte, unterstellte sie einfach ein selbstgewähltes, alternatives Mitgliedschaftsverhalten. Die Missionskirche, die wir werden müssen, kann das nicht. Allerdings hilft es nicht gerade, dass die Gestalt einer neuen Kirche noch im Nebel liegt. Und die Missionskirche wäre heute aus den Restmitteln der Volkskirche zu gestalten.
Darin besteht ein Dilemma: Gerade die, die die Kirche lieben, müssten die Kirche radikal verändern und eine Kirche für andere schaffen, ohne zu wissen, mit welcher Vision, oder ob sie sich am Ende in ihrer eigenen Gemeinde noch wohlfühlen würden.
Weil das nicht geht, werden tote Pferde geritten und überkommene Traditionen fortgeführt (etwa der Konfiunterricht, der immer weniger Getaufte erreicht, von Nichtgetauften zu schweigen). Die Angst ist mächtig vor dem, was entstünde oder nicht entstünde, wenn man die toten Pferde hinter sich ließe. Ganz abgesehen von dem Streit, welcher Gaul wirklich tot ist und welcher bloß so riecht (auch das Kirchenjahr, auch der Sonntagsgottesdienst?). Der Verfasser dieser Zeilen hatte jüngst die Ehre, an einem „Zukunftskongress“ der EKD teilzunehmen. 560 Führungskräfte waren versammelt. Eine Forderung, der breit zugestimmt worden ist, bestand genau darin: Wir brauchen den Mut, Dinge sein zu lassen. Doch „Butter bei die Fische“ gab es nicht. Dass man Dinge bleiben lassen muss, um Kraft für Neues zu gewinnen, d’accord. Zur Frage nach dem „WAS“ dringt man nicht vor.
Eine dritte Zwickmühle ist die Frage nach der inneren Einheit der Kirche. Diese Frage wird selten gestellt, um den Frieden zwischen den verschiedenen Strömungen und Ausprägungen des Glaubens nicht zu gefährden. Tatsächlich zählen die Pluralität unserer Kirche und die gegenseitige Toleranz zu ihren liebenswertesten Eigenschaften. Einen Grundkonsens gibt es: Es geht uns um die Kommunikation des Evangeliums. Aber was ist eigentlich das Evangelium? Bereits hier endet der Konsens.
Was wird aus einer Kirche, die nicht mehr klar sagen kann, was es bedeutet, Gott als Schöpfer zu haben oder wie genau der Kreuzestod mit unserer Erlösung zusammenhängen soll? Was bleibt uns als verbindliche Zusage? Wozu wäre es gut, Christ zu werden? Am Ende der Neuzeit, am Ende der Volkskirche sind wir in vielen Problemstellungen gefangen. Wir müssen es aushalten, zur Zeit kein schlüssiges Glaubenssystem zu haben, das anschlussfähig wäre an Wissenschaft und Gesellschaft. Die Vollmundigkeit der Erweckungsprediger verfängt nicht mehr. Das Versagen der theologischen Fakultäten gibt uns zu denken.
Lutherisch betrachtet ist das Scheitern aller menschlichen Bemühungen im rechtlichen, organisatorischen und theologischen Streben allerdings ein großer Gewinn. Denn das Evangelium ist klassischerweise die gute Nachricht, die uns genau dort trifft, wo wir merken, dass wir rettungslos in uns selbst verdreht sind. Damit steht die (verfasste) Kirche vor der Herausforderung, danach zu fragen, welche göttliche Verheißung ihr gilt.

Ratlosigkeit des Ratsvorsitzenden
Es ist eine schwere kirchenleitende Verantwortung, Zwickmühlen auszuhalten. Im Großen und Ganzen macht das unsere Kirchenleitung prima, und man sollte barmherzig mit ihr sein und um ihre Nöte wissen. Denn vieles gilt es auszuhalten, solange der Geist noch schweigt und der Weg zweifelhaft ist. Wenn man also hört, wie verdruckst Bischof Bedford-Strohm im Zuge der Corona-Krise über Gottes Allmacht spricht (im Grunde bestreitet er die Allmacht, will das aber nicht so deutlich sagen), dann könnte man zwar rufen: „Erbärmlich! Wie ist dieser Mann nur in sein Amt gekommen!“ Aber lieber sollte man erwidern: „Danke, danke, danke. Dieser Gestus der Ratlosigkeit des Ratsvorsitzenden steht uns ganz gut.“
Die neue Lutherin, der neue Luther, vielleicht leben sie schon unter uns. Lasst uns Ausschau halten! Und während wir dies tun, wird uns vorerst nichts anderes übrig bleiben, als Zeugen des Auferstandenen zu sein, so gut wir können von dem zu zeugen, was der Lebendige in unserem Leben tut. Unsere eigenen Sünden beichten und nicht die der anderen richten. Teilen, sich auf andere einlassen, Weggefährten sein. Und beten. Dass wir ihn, den Lebendigen, als Auferstandenen erfahren und uns mit ihm durchs Leben tasten. In der Hoffnung, dass Gott uns jemanden schickt, der uns den Knoten löst.

Der Autor ist promovierter Theologe und Superintendent im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt, Buchautor und Sprecher beim "Wort zum Tag" und "Augenblick mal" im MDR.

Auf der Wartburg brennt noch Licht: Ansonsten scheint es finster zu werden in den Kirchen, wenn man den düsteren Prognosen Glauben schenken darf. Da sind gute Ideen und tragfähige Konzepte gefragt. Vielleicht braucht es eine Reformation oder eine geistliche Erneuerung?
Gregor Heidbrink
Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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