Das Ende der Unschuld

Rezension: Sandra Schulz hat ein vielschichtiges Buch über schwere Schwangerschaften geschrieben.

Von Katja Schmidtke

Die Zeit der Unschuld ist vorbei. Sie kann nicht einmal für das Werden und Wachsen eines ungeborenen Lebens in Anspruch genommen werden. Schwangere Frauen sind nicht mehr guter Hoffnung. Sie wissen. Und zweifeln.
Blut- und Fruchtwassertests, um genetische Defekte zu erkennen, und hochauflösender Ultraschall, um Organfehlbildungen zu identifizieren. Dies gehört zum Standart-Repertoire der Medizin und in bestimmten Fällen zum Leistungskatalog der Krankenkassen. Im naivsten Fall gehen wir zum »Babyfernsehen« – und wollen doch nur den Beleg für unsere Hoffnung, ein gesundes Kind auszutragen. Und was ist, wenn nicht? Darüber hat die Journalistin Sandra Schulz ein aufwühlendes Buch geschrieben. »Das ganze Kind hat so viele Fehler« erzählt – so der Untertitel – »die Geschichte einer Entscheidung aus Liebe«. Eine Liebesgeschichte auf mehr als 300 Seiten, die man in einer Nacht lesen kann, lesen muss. Denn Sandra Schulz schreibt vollkommen offen und ehrlich, ohne Selbstzensur, ohne sich gesellschaftlichen Erwartungen anzupassen, ohne sich einem Lager zuzuschlagen über ihre Schwangerschaft, die nie unschuldig gewesen ist.
In der 13. Woche teilt ihr die Fachärztin für Humangenetik nach der Blutuntersuchung »leider kein komplett unauffälliges Ergebnis« mit. Das Kind hat Trisomie 21, das Down-Syndrom. 90 Prozent der Schwangeren mit einer solchen Diagnose entscheiden sich für eine Abtreibung.
Die Diagnose ist der Abschied von Wunschträumen, von einem Kind, das das frischverheiratete Paar nie haben wird. Sandra Schulz ist konfirmiert, sie und ihr Mann haben sich kirchlich trauen lassen. Aber die Bibel hat sie stets so gelesen, wie sie sie für richtig hielt: »Als Aufforderung an sich selbst zu glauben.« Jetzt zweifelt sie, dass sie ihr Leben selbst in der Hand hat und fragt sich, ob ein gnädiger Gott sie und ihr Kind beschützen wird.
Die Entscheidung für oder gegen das Kind bezeichnet Schulz als unmenschlich, »weil kein Mensch sie treffen kann«. Auf der Suche nach Zahlen, Daten, Fakten, auf der Suche nach Gewissheit lässt Schulz Termin um Termin für eine Abtreibung verstreichen.
Inzwischen ist klar, dass Marja, wie sie ihre ungeborene Tochter nennt, nicht nur das Down-Syndrom hat, sondern auch einen schweren Herzfehler und viel zuviel Wasser im Gehirn. Die Frage ist nicht mehr, was Sandra Schulz sich selbst zumutet mit diesem Kind, das so viele Fehler hat, wie ein Arzt sagt. Die Frage lautet: Was mutet sie ihrem Kind zu? Wird es lebendig zur Welt kommen? Wird es Schmerzen haben? Wie wird Marja leben?
Die Pränataldiagnostik, die Sandra Schulz erst vor die unmenschliche Wahl zwischen Leben und Tod stellte, rettet ihrer Tochter letztlich das Leben. Ohne Pränataldiagnostik wäre Marja im Mutterleib an ihren schweren Erkrankungen gestorben. Heute ist das Mädchen zweieinhalb Jahre alt.
Sandra Schulz ist durch ihre eigene Erfahrung keine Abtreibungsgegnerin geworden. »Nein, auch ich würde keine Frau zwingen wollen. Aber ich würde mir so sehr wünschen, dass andere werdende Eltern sehen, dass wir eine normale Familie mit einem behinderten Kind sind. Ich würde mir wünschen, dass werdende Mütter wirklich darauf bauen können, dass, wenn sie ihr behindertes Kind zur Welt bringen, sie nicht allein bleiben, dass sie sich auf die Solidarität der Gesellschaft verlassen können. Dass nicht allein die Mütter die Ethik im Alltag später füllen müssen, die andere hochhalten, wenn sie über den Schutz des Ungeborenen mit Fehlstellungen oder Schädigungen reden. Und dass es für uns alle normal wird, mit behinderten Menschen zu leben, statt sie abzuschaffen.«

Schulz, Sandra: Das ganze Kind hat so viele Fehler, Rowohlt Polaris, 240 Seiten, ISBN 978-3-499-63221-1, 14,99 Euro,
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchen­zeitung: Telefon (0 36 43) 24 61 61

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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