Porträt
»Dienst am Nächsten mit Musik«

Trompeten-Spielerin mit Leib und Seele: Inge Boesler schätzt auch die »kleinen Auftritte«.
  • Trompeten-Spielerin mit Leib und Seele: Inge Boesler schätzt auch die »kleinen Auftritte«.
  • Foto: Thomas Klitzsch
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Seit 65 Jahren sorgt Inge Boesler im Wittenberger Posaunenchor für den guten Ton.
Von Corinna Nitz

Wer annimmt, jetzt gibt’s ordentlich was auf die Ohren, irrt. Der Wohlklang im Katharinensaal der evangelischen Stadtkirchengemeinde kommt eher piano daher. Dabei spielen die Frauen und Männer auf Trompeten und Posaunen. Die haben der Überlieferung nach schon Mauern zum Einsturz gebracht.
Das war in Israel, hier ist Wittenberg, ein Montagabend im April: Der evangelische Posaunenchor trifft sich zur wöchentlichen Probe. Ein Blick in die Runde zeigt, dass sie keine Schwierigkeiten haben, musikalischen Nachwuchs zu gewinnen. Sogar eine ganze Familie, die Gutsches, spielt mit. Sohn
Alexander leitet das Ensemble. 16 Mitglieder hat es aktuell, Vater Detlef, Chorsprecher, sagt: »Im Kirchenkreis sind wir der stärkste Posaunenchor.« Die Musiker stammen aus Wittenberg und Umgebung.
Aus Apollensdorf, einem Wittenberger Ortsteil, kommt Inge Boesler. Mit 82 Jahren ist sie die älteste Musikerin im Posaunenchor, gefolgt vom 79-jährigen Eitel-Winfried Böhme. Boesler hält aber, wenn man das so nennen will, noch einen anderen Rekord: Seit 65 Jahren spielt sie in diesem Ensemble – erst Flügelhorn, dann Trompete. Dafür wurde sie im Dezember 2017 geehrt (gleiches gilt für Böhme, der seit 60 Jahren im Chor wirkt).
Zum aktiven Musizieren kam Boesler mit 18. Und neun Jahre war sie, als sie mit ihrer Mutter und fünf Geschwistern aus Ostpreußen auf die Flucht ging; sie haben den Zug genommen. Über das Ankommen in Wittenberg sagt sie, es sei nicht leicht gewesen. Und sieht Parallelen zur Gegenwart: »Den jungen Leuten heute geht es wie uns damals«, schätzt sie und meint wohl unter anderem jene Menschen, die vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen sind.
Letztlich hat Boesler sich sehr gut in Wittenberg eingelebt, ihr Auskommen fand sie – beruflich – als Chemielaborantin bei den Piesteritzer Stickstoffwerken. Und eine Heimat – geistlich – auch in der Landeskirchlichen Gemeinschaft. Dort wurde sie 1953 gefragt, ob sie ein Instrument spiele und im Posaunenchor mitwirken möchte. Es gab Unterricht, wozu Boesler sagt: »Ich habe lange gebraucht, aber dann ist der Knoten gerissen.«
Ihren ersten Auftritt absolvierte sie am Totensonntag 1954. Seither bestimmt der Chor ganz maßgeblich ihr Leben mit. Sie berichtet von festen Terminen, etwa zu kirchlichen Fest- und Feiertagen, aber auch im Seniorenheim oder dem örtlichen Krankenhaus. Und an 50 Abenden im Jahr treffen sie sich zum Proben.
Zu Hause zu spielen, ist ihr nicht vergönnt, das würden wahrscheinlich die Nachbarn in dem Mehrfamilienhaus nicht goutieren. Aber manchmal geht sie in die kleine Apollensdorfer Kirche, zu der sie einen Schlüssel hat, freitags schaut sie da ohnehin nach dem Rechten. Wenn es sie also umtreibt, kann sie dort für sich spielen, sie sagt, sie mag besonders alte Bach-Choräle und Intraden. Ihr Lieblingslied sei »Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte«.
Zurück in den Katharinensaal. Das Repertoire des evangelischen Posaunenchors Wittenberg ist vielfältig: geistliche Chormusik, Volkslieder und moderneres, etwa von Reinhard Mey, zählen die Gutsches auf.
2017 haben sie mit vielen anderen Bläsern zum Abschlussgottesdienst des Deutschen Evangelischen Kirchentages auf der Elbwiese bei Pratau gespielt. Ein Höhepunkt war das, »aber man lebt auch von den kleinen Auftritten«. Dazu gehören nun wieder die Konfirmationen, dafür proben sie gerade. Und zu Pfingsten werden sie in der Stadtkirche spielen. Inge Boesler freut sich. Sie versteht das, was sie macht, auch »als Dienst am Nächsten mit Musik«. Schöner kann man es nicht sagen.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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