"Schein oder Sein"
das ist hier die Frage

Lichtspiel Schlosskirche Wittenberg

„Schein und Sein”  - das war das Thema des diesjährigen Offenen-Denkmal-Tages. Man wollte sich sicher besonders auf die in der Barockzeit üblich gewordene Gewohnheit beziehen, durch Farbe und Licht Wirklichkeit und Täuschung fast ununterscheidbar zu machen. Der gekonnte Einsatz des „Scheins“ spiegelt dabei etwas vor, was überhaupt gar nicht da ist: Decken, Fenster und Fassaden. Im Fokus des morgigen Tages steht zudem „die Frage, ob Rekonstruktion und pure Fassadenerhaltung noch etwas mit der Denkmalpflege zu tun haben.” Aber das Ganze gleitet uns natürlich (gewollt oder ungewollt?) in den Bereich des Politischen: Wieviel Geld darf eigentlich ausgegeben werden, um Illusionen zu bewahren, die inzwischen von den meisten Leuten durchschaut worden sind. Ja - die Erfinder des Themas "Schein und Sein" hätte man zu DDR-Zeiten vor ein Tribunal gestellt - denn jeder einigermaßen phantasiebegabte Spaßvogel hätte aus diesem Motto mühelos Witze ableiten können, die uns bis nach Bautzen führen  …

„Schein oder Sein - das ist hier die Frage.” So möchte man in Anlehnung an Hamlet in die Welt hinaus rufen. Niemand hatte zwar die Absicht, eine Mauer zu errichten - aber schon am nächsten Tag stand sie  da. In dem Science-Fiction-Streifen „Virus” sollte niemand gezwungen werden, sich irgendwelche vergleichsweise noch mangelhaft geprüfte Nanojauche einspritzen zu lassen. Aber dann geschieht es über Umwege doch. Der Film läuft gegenwärtig in allen Kinos. Sein wird zum Schein gemacht und Schein wird zum Sein erhoben. Manche winken genervt ab - das soll in der Politik schon immer so und nie anders gewesen sein, sagen sie, erinnern an Potemkins Dörfer und zitieren mit sächselnder Fistelstimme Walter Ulbricht.

Als ich ein Knabe war, hat mich jener Passus auf den „DDR-Banknoten” fasziniert, welcher Folgendes in Aussicht stellte: „Wer Banknoten nachmacht oder verfälscht, oder nachgemachte oder verfälschte sich verschafft und in Verkehr bringt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft.”  Ich habe damals schlagartig begriffen, das schon das Verfälschen!!! strafbar macht. Damit ist genug gesagt. Wann überall irgendwelche Parteien sich den Staat zur Beute ausersehen und gekapert hatten, war es um das Sein geschehen - und der Schein konnte sich immer mehr in Positur werfen. Was anderes steht dann drauf, als das, was eigentlich drin sein soll. Die langsame aber stetige Verfälschung der Dinge führt schließlich dazu, dass sich irgendwann keiner mehr an das Wahre und Rechte erinnern kann.

In der DDR konnte man in der NVA nach Schwedt kommen, wenn man ein während der Dienstzeit verliehenes Abzeichen ablehnte.  Das war Abzeichenverweigerung - schweres Delikt. Wenn man ihre Abzeichen verweigerte, gerieten sie leicht in Wut. Wenn man ihre Impfung nicht als gnädiges Angebot verstehen will, sondern als Zumutung ablehnt, ist es ganz ähnlich. Heißt es deshalb Ab-Zeichen, weil man es abmachen sollte? Mach’s ab! Aus Ablehnung des übergriffig zudringlichen „Impfangebots“ darf nicht eine generelle Verleugnung der Impfung an sich  gemacht werden. Geschieht aber in den Mainstreammedien Tag für Tag. Berechtigte Fragen nach der Wissenschaftlichkeit statistischer Manipulation von Daten dürfen nicht  umetikettiert werden in Verschwörungen. Geschieht aber. Denn wer leugnet und verschwört - war der nicht schon immer böse und Anwärter auf den Scheiterhaufen? So wird mit negativ konnotierten Worten Schein erzeugt - und Sein vernichtet. Ja - mit geschickten oder medial pausenlos wiederholten Wortspielen wird ein übler Schein erzeugt und das wirkliche Sein unkenntlich gemacht. Wenn auf diese Weise Wahrheit nur noch simuliert wird, verschwindet das Sein im lügnerischen Schein. Imitate werden zum Sein erklärt - bis sogar die Simulation des Scheins nur noch Simulation ist. Simulation der Simulation. Schein des Scheins. In der DDR fragten unbedarfte Gemüter 1989 bis zur letzten Minute: „Was wollen die denn alle, diese Bürgerrechtler mit ihren komischen Protesten? Uns gehts doch gut - alles, was wir brauchen, ist da. Wir machen sogar jedes Jahr Urlaub im FDGB-Heim!” Die Antwort auf solche Naivität gab man sich mit Rosa Luxemburg hinter vorgehaltener Hand: „Wer sich nicht bewegt, spürt die Fesseln nicht!” Sein und Schein - es ist zum Schrein.

Der für 2021 so überaus passend ausgesuchte Spruch genialer Denkmalschützer soll an dieser Stelle aber nicht nur in seiner politisch kritischen Funktion behandelt worden sein. Denn es war ein schöner Tag, und bald ist sowieso die Bundestagswahl.

Also: die deutsche Romantik beispielsweise hatte eine ganz andere Auffassung vom Schein. Sie sang in schönem Schein und vom schönen Schein. Ihr galt der Schein nämlich nicht als Lüge, sondern er war Anzeichen für die Präsenz des Schönen und war Angeld auf die Hoffnung einer höheren  wahren Wirklichkeit. Der Schein war der Bote des Seins. Und so, wie auf obigem Foto das Licht am westlichen Fenster der Wittenberger Schlosskirche den leuchtenden Schatten eines Engels aus Licht auf die kahle Mauer zaubert - ist es nicht göttlich himmlisch und überaus unglaublich schön? So soll es sein mit dem Schein. Die fotografische Aufnahme gelang im Moment geschenkten Zufalls. Als ob der Himmel sagen wollte: Hier seht ihr die Bedeutung des alten Palmwortes: „Bei Dir ist die Quelle des Lebens und in Deinem Lichte können wir die Farben alle wahrnehmen (Psalm 36,10).”

Lasst Euch vom wahrhaftigen Schein, dem Anschein des Guten, Wahren und Schönen trösten - und lasst euch nichts vormachen. Schein muss der Abglanz des Seins bleiben. „Verlasst euch deshalb nicht auf Fürsten, / Menschen, die keine Hilfe sind. Haucht der Mensch sein Leben aus / kehrt er zurück zur Erde, / bald ist es aus mit seinem Planen. Wohl dem, dessen Halt der Gott Jakobs ist / und der seine Hoffnung auf den Herrn setzt.” (Psalm 146,3). 

Am Ende triumphierte bisher immer das wahre Sein über den falschen Schein. Wenn es auch in Zukunft so bleiben soll, muss man jetzt darüber reden …

Autor:

Matthias Schollmeyer

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