Neuanfang in der alten Heimat

Kein Stein mehr auf dem anderen: Kirchen (hier in Bashiqa) wurden dem Erdboben gleichgemacht, Dörfer der Christen zerfielen in Schutt und Asche. Jetzt kehren die ersten Bewohner der Ninive-Ebene in ihr Stammland zurück.
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  • Kein Stein mehr auf dem anderen: Kirchen (hier in Bashiqa) wurden dem Erdboben gleichgemacht, Dörfer der Christen zerfielen in Schutt und Asche. Jetzt kehren die ersten Bewohner der Ninive-Ebene in ihr Stammland zurück.
  • Foto: Kirche in Not
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Die Rückkehr ist oft noch schwieriger als die Flucht, erleben Christen bei ihrer Ankunft in den zerstörten Dörfern in der Ninive-Ebene.

Von Tobias Lehner und Daniele Piccini

Klein und unscheinbar wie ein junger Olivenbaum – so beginnt in diesen Wochen der Wiederaufbau in den Dörfern der irakischen Ninive-Ebene. Ein kleiner Olivenbaum ist das Willkommensgeschenk für die ersten Rückkehrer in das Gebiet, in dem einst mehrheitlich Christen lebten.
»Wir wünschen Ihnen, dass Sie in Ihrer alten Heimat wieder Wurzeln schlagen können!« Andrzej Halemba, der Nahost-Experte des weltweiten katholischen Hilfswerks »Kirche in Not«, steht in der syrisch-katholischen Kirche von Karakosch, nur gut eine halbe Autostunde von Mossul entfernt, um das noch immer Kämpfe toben. Er ist derzeit Vorsitzender des Wiederaufbau-Komitees, das aus Vertretern der syrisch-orthodoxen, der syrisch-katholischen und der chaldäisch-katholischen Kirche besteht. Diese Form der ökumenischen Zusammenarbeit ist einmalig – und höchst notwendig: Davon zeugt allein schon der Ort der kleinen Zeremonie, mit der die Wiederaufbauarbeiten eingeläutet werden sollen: Die Kirche trägt die Spuren der Zerstörung durch die Kämpfer des sogenannten »Islamischen Staates« (IS).
Im Kirchenschiff sitzen einige der Zeugen, die von der Hölle erzählen können, durch die sie seit August 2014 gegangen sind. Als damals die islamistischen Kampfeinheiten immer näher rückten, ergriffen sie in Panik die Flucht.
Einer von ihnen ist der 76-jährige Habib Youssif Mansour, der aus dem Nachbar­ort Karamles stammt: »Nach Mitternacht sind wir aufgebrochen. Alles haben wir zurückgelassen. Der Schmerz und die Angst waren unvorstellbar.«
Einzige Zufluchtsmöglichkeit für Habib, seine Familie und insgesamt 130 000 Christen der Ninive-Ebene: die Autonome Region Kurdistan im Norden des Irak. Nach tagelangem Marsch erreichten sie deren Hauptstadt Erbil. Sie schliefen unter freiem Himmel, später in von den christlichen Kirchen organisierten Flüchtlingscamps oder angemieteten Wohnungen, wo sich Dutzende Menschen ein kleines Apartment teilten. Von dort aus verfolgten sie auch die militärische Entwicklung in ihrer alten Heimat. Als im Dezember 2016 Regierungstruppen und kurdische Peschmerga-Kämpfer ihr Dorf befreiten, blieben sie skeptisch: Wird der Friede halten? Und was, wenn der IS doch zurückkommt?
Eine von »Kirche in Not« unter den Binnenflüchtlingen Ende 2016 durchgeführte Umfrage spricht eine deutliche Sprache: Nur knapp über drei Prozent der Befragten wollten damals in ihre Heimat zurückkehren. Anfang März dieses Jahres die gleiche Frage – aber eine völlig andere Antwort: 41 Prozent wollen zurück, weitere 46 Prozent denken ernsthaft darüber nach. Doch der Weg ist steinig, wie der syrisch-orthodoxe Erzbischof Timothy Mosa Alshamany aus dem Kloster Mar Mattai zugibt. »Die Rückkehr in unsere Heimatorte ist noch schwieriger als es die Flucht aus ihnen war.« Denn eine Spur der Verwüstung zieht sich durch das christliche Stammland.
Um sich ein Bild vom Ausmaß der Zerstörung zu machen und den Wiederaufbaubedarf zu ermitteln, hat »Kirche in Not« eine Untersuchung initiiert. Einheimische Priester tauschten die Soutane mit dem Blaumann, kirchliche Mitarbeiter schwärmten aus, um die Schäden aufzunehmen und zu katalogisieren. Auch Satellitentechnik kam zum Einsatz. Die Zahlen lassen das Entsetzen erahnen, das die Bewohner erfüllte, als sie stunden-, später auch tageweise ihre Heimatorte aufsuchten: Mehr als 12 000 Wohnhäuser in zwölf christlichen Ortschaften rund um Mossul sind beschädigt, 669 bis auf die Grundmauern zerstört. So wie das von Habib: »Ich habe mit meiner Familie ein zweistöckiges Haus bewohnt. Es wurde beschossen und dem Erdboden gleichgemacht.«
Und dennoch hält er, halten in diesen Wochen Hunderte christliche Familien an ihrem Plan fest, wieder Wurzeln zu schlagen in der Heimat. »Wir wollen nicht auf die Stimmen derer hören, die uns entmutigen und den Wiederaufbau verhindern wollen«, sagte der syrisch-katholische Erzbischof von Mossul, Yohanna Petros Mouche. »Wir haben in Christus einen starken Felsen, der uns Hoffnung gibt. Und wir sind dankbar, dass uns ›Kirche in Not‹ hilfreich zur Seite steht.«
Das Hilfswerk koordiniert nicht nur die Arbeit des Wiederaufbau-Komitees, es hat auch Soforthilfen bereitgestellt. So können nicht nur in Karakosch, sondern auch in den Ortschaften Bartella und Karamles die Baustellenfahrzeuge anrollen. Der Wiederaufbau der ersten 100 Häuser ist gesichert. Aber der weitere Bedarf ist enorm: Die Gesamtkosten werden schätzungsweise rund 250 Millionen US-Dollar betragen.
Der Kraftakt ist enorm. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um den Erhalt der 2 000-jährigen Präsenz der Christen im Irak.

www.kirche-in-not.de

Autor:

EKM Süd aus Weimar

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