DAS LUISENDENKMAL
IN HILDBURGHAUSEN
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Vor zweihundert Jahren musste Friedrich von Sachsen-Hildburghausen sein angestammtes Land verlassen. Er ging nach Altenburg – und übernahm dort die Regierung des neugebildeten Herzogtums Sachsen-Altenburg. Betrachtet man diesen Vorgang nur mit politischem Interesse, erscheint alles die Folge komplizierter Erb- und Gebietstauscherei zu sein. Betrachtet man es zusätzlich „menschlich”, erkennt man vielleicht auch eigene Erfahrungen wieder. Ein einzelner Mensch geht plötzlich fort, und das verändert Welt und das Leben vieler Leute.
Solange etwas Bestand hat, halten wir es für selbstverständlich. Erst wenn es dann verschwindet, erkennen wir, wie sehr es zum Gefüge unseres Lebens gehört hatte. Mit dem Weggang des Herzogs endete eine Epoche von einhundertsechsundvierzig Jahren. Alte Gewohnheiten verloren ihre Grundlage, vertraute Ordnungen mussten neu gefunden werden. Möglichkeiten verschwanden. Anderes trat nun hervor. Was gestern noch undenkbar scheint, wird vielleicht schon morgen zur Wirklichkeit.
Die Geschichte des Hauses Sachsen-Hildburghausen kennt noch mehr von diesen Dingen. Als im Jahr 1810 die preußische Königin Luise – Schwester der Herzogin Charlotte – starb, traf diese Nachricht die Hildburghäuser in der Mitte des Herzens. Aus der Trauer der Herzogin entstand im hiesigen Schlosspark wenig später das Luisendenkmal. Der Schmerz über den Verlust verwandelte sich in Stein, in Erinnerung und schließlich in Kultur. Bis auf den heutigen Tag erzählt das mit den Hexametern Friedrich Karl Ludwig Sicklers beschmückte Denkmal von der Liebe zweier Schwestern, die stärker ist als die alles begrenzende Zeit zulassen wollte. Auf dem Denkmal lesen wir:
Freundliche Nymphen der Flur
und des Thals umsprossende Blumen!
Kinder des Haines umher,
trauliche Lüfte der Au!
Schützet der Schwester Gebild
erhaben am heiligen Denkmal.
Hüllt es in lieblichen Duft,
fächelt ihm zärtlichen Hauch!
Lang ist dieses Gedicht und lässt den geschichtlichen Hintergrund der Freiheitskriege gegen Napoleon Bonaparte mehr als erahnen. Viele Strophen.1) Am Ende heißt es:
Und wie die Blüthen des Lenzes
– entführt – noch Düfte entsenden,
so noch spendet uns sie
segnend den himmlischen Duft.
Vielleicht gehört es zu den großen Geheimnissen menschlicher Geschichte, dass gerade Wehmut und Trauer bedeutende Mäzeninnen der Kultur sind. Was zunächst als Verlust erscheint, wird durch die Arbeit der Erinnerung zu etwas Neuem. Ähnlich wie eine Auster am dunklen Meeresgrund um ihre Verletzung herum langsam und Schicht für Schicht aus Perlmutt eine schimmernde Kugel formt, welche dann im Licht der hellen Sonne erglänzt, so kann aus dem Schmerz der Vergangenheit etwas entstehen, das späteren Generationen Schönheit schenkt.
Deshalb ist Erinnerung mehr als ein Blick zurück. Wer die Geschichten von Stadt und Land kennt und liebt, besitzt einen Vorrat an lebendigen Erfahrungen, aus denen Neues erwachsen kann. Der Weggang des Herzogs Friedrichs vor 200 Jahren zum Beispiel und die Erinnerung an die Königin Luise. Was alles noch wäre aufzuzählen? Menschen kommen und gehen. Zeiten enden. Neue Zeiten beginnen. Die Aufgabe der Gegenwart besteht darin, sich lächelnd an das Vergangene zu erinnern und dem überkommenen Erbe hie und da schöne Formen zu geben. Zu diesem Zwecke schaut die Kirche seit jeher auch immer zurück in die Vergangenheit. Und geht mit dem, was sie darüber erzählt, weit über alle Zukunft hinaus.
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1) Freundliche Nymphen der Flur
und des Thals umsprossende Blumen!
Kinder des Haines umher,
trauliche Lüfte der Au!
Schützet der Schwester Gebild
erhaben am heiligen Denkmal.
Hüllt es in lieblichen Duft,
fächelt ihm zärtlichen Hauch!
Oft euch hat sie begrüßt
zur Morgenröthe der Jugend,
wallend am Arme der Schwester;
hier oft verhallte ihr Laut.
Oft hat ihr Blick hier geruht,
umflossen vom Lichte des Himmels;
lieblicher strahlte von ihm
Liebe und Milde für uns.
Ach, sie war nur zu früh
im Sturme der Zeiten geschieden!
Nie mehr nahet sie euch,
grüßet euch ferner nicht mehr.
Lebend erblickte sie nicht
Teutonias siegende Fahnen,
sah nicht Borussias Aar
führen der Heere Triumph.
Ach – nun ruhet die Hand,
im Dunkel der Trauercypressen,
welche die Fahne des Siegs,
Freiheit für’s Vaterland, hob.
Doch aus der Sphäre des Lichts,
wohin sie voran uns gestiegen,
aus der Gestirne Kreis
thront sie nun freudig herab.
Dort empfing sie die Helden,
gefallen im heiligen Kampfe.
Dort vertheilet sie nun
ihnen die Kränze des Sieges.
Und wie die Blüthen des Lenzes
- entführt - noch Düfte entsenden,
so noch spendet uns sie
segnend den himmlischen Duft.
Autor:Matthias Schollmeyer |

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