OSTERGESCHENKE
Raoul Schrotts Himmelskarten
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Dieses dicke, schwere und große phantastische Buch von Raoul Schrott könnte jene geglückte Verwirklichung sein, die zu erfahren sich gewünscht hat, wer in Buchhandlungen am Regal mit Peter Sloterdijks Werken entlang ging – und schließlich "Den Himmel zum Sprechen bringen" gekauft und auch gelesen hat. Das Buch, das ich meine und ausdrücklich empfehlen will, heißt "Atlas der Sternenhimmel und Schöpfungsmythen der Menschheit" und gehört auf den Gabentisch eines der 364 Nichtgeburtstagstage des Jahres 2026. Ostern ist Gelegenheit - Jesus betete nachts im Garten Gethsemane. Und es heißt - ein Engel kam vom Himmel und tröstete ihn (Lukas 22,43). Freilich - die Engel am Himmel, das sind die Sterne - und sie trösten bis auf den heutigen Tag alle, die Augen im Kopfe haben ...
Raoul Schrott ist es mit seinem - (leider) auch hochpreisigen - großartigen Buch gelungen, den Himmel tatsächlich zum Sprechen zu bringen. Nicht indem er ihm inquisitorisch Bilder entreißt, sondern sie erzählend entlockt. Das geschieht dadurch, dass der Leser durch die Welt geschickt wird, schaut, hört – ähnlich den Gebrüder Grimm, die einst Ähnliches mit den Märchen getan haben – und wahrnimmt, was die Menschen empfanden und sich infolgedessen dachten, als sie den nächtlichen Himmel über Stunden betrachteten.
Das Großartige daran ist, dass man den Himmel damals noch gesehen hat und sehen musste, unweigerlich sehen musste. Es gab keine Lampen, kein künstliches Licht; nachts war es dunkel. Und dennoch ging man hinaus in die Nacht – oder lebte gleich unter dem Himmel. Ein Zurückschlagen der Zeltbahn genügte, und man war in diesem großen Bilderbuch der Nacht geborgen oder gefangen. Man musste die Lichtpunkte am Himmel sehen und musste dabei zwangsläufig etwas denken, musste ihnen Bedeutung geben.
Zumal man weiß, dass nur ein Bruchteil der Sinneseindrücke, die uns über Auge und Ohr erreichen, vom Gehirn verarbeitet wird – und diese Verarbeitung geschieht durch Interpretation. Man sieht vier Punkte und denkt: ein Tisch. Man sieht zwei Punkte und denkt: ein Weg. Das Gehirn ist die größte Fälscherwerkstatt, die man sich vorstellen kann. Es lässt die blinden Phänomene zu Geschichten zusammenschießen.
Und genau das ist es, was an diesem Buch reizt.
Es zeigt, wie Menschen zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Kulturen Punkte nicht einfach Punkte sein ließen, sondern Geschichten aus ihnen entstehen lassen wollten. Insofern ist dieses Buch eine Fundgrube für eine Kreativität, die in dürftiger Zeit umherirrt, sich oft nicht mehr traut, dem Mythos zu trauen, und die den Mythos vielfach gar nicht mehr kennt – jenen Mythos, der auch unsere alteuropäische Kultur geprägt hat.
Diese Kreativität wird nicht selten daran gehindert, sich in Formen der Fantasie zu äußern, weil in den verschulten Denkweisen unserer Lehranstalten – von der Grundschule bis zur Universität – Menschen das Sagen haben, die von der Fantasie nur wissen, dass sie sie selbst nicht besitzen.
Insofern ist das Buch von Raoul Schrott ein roter Faden hinaus aus dem Labyrinth vernunftgeleiteter Einfallslosigkeit, ein Schlüssel zu den ehernen Toren der schulverordneten Eindimensionalität und eine Schatzkarte für alle, die hinausfahren, um die wirklichen Abenteuer zu bestehen – die bekanntlich im Kopf stattfinden.
Autor:Matthias Schollmeyer |

Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.