STERN DES BUNDES
auf den 20. Juli 1944

Stern über dem Abgrund – Stefan George, Claus von Stauffenberg und das Geheimnis des Gewissens. Der 20. Juli ist gewiss kein triumphaler Tag. Er kann aber ein Tag der Gewissenserforschung sein. Dazu kommen die verschiedenen Bewertungen der Motive aller derer, die mit diesem Datum verbunden oder verstrickt sind. Denn die Männer, deren Namen wir mit diesem Datum verbinden, haben den Lauf der damaligen Geschichte nicht verändern können. Die Bombe explodierte, Hitler überlebte den Knall mit leichten Blessuren. Der geplante Umsturz in Nazi-Deutschland scheiterte. Noch in derselben Nacht wurden Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Friedrich Olbricht, Albrecht Mertz von Quirnheim und Werner von Haeften im Hof des Bendlerblocks erschossen. Politisch war alles verloren. Und doch gedenken viele wache Zeitgenossen am 20. Juli an jene Männer und an Mut und Größe, die der Geschichte Deutschlands einen ihrer ehemals tiefsten Maßstäbe in Erinnerung bringt

Geschichte wird nicht allein durch Siege geschrieben. Sie wird ebenso durch einzelne Menschen geprägt, die untergegangen sind, weil sie sich weigerten, dem Unrecht weiterhin Gehorsam zu schenken. Was nun den einzelnen Menschen zu einer solchen Entscheidung befähigt, ist keine bloße Entschlossenheit. Tapferkeit allein genügt nicht. Auch Fanatiker sind tapfer. Die eigentliche Frage lautet vielmehr: Woher weiß der Mensch, ab wann Gehorsam zur Schuld wird?

Diese Frage führt mitten hinein in das Denken christlicher Ethik. Ihr gilt das Gewissen nicht als Ort subjektiver Meinungen. Das christliche Gewissen ist auch nicht das Recht, sich seine eigene Wahrheit zu schaffen. Dieses Gewissen ist vielmehr jenes innere Organ, durch das der Mensch eine Wahrheit vernimmt, die ihm vorausliegt. Das Gewissen erinnert den Einzelnen daran, dass weder der Staat noch eine Partei noch irgendeine durch Wahlen entstandene Menge oder Mehrheit das Gute erschaffen können. Sie können es achten oder zerstören – hervorbringen können sie es nicht. Deshalb hat jede politische Macht eine Grenze anzuerkennen. Das Gewissen beginnt jenseits dieser Grenze unüberhörbar zu sprechen, wenn der Mensch gezwungen werden soll, das Böse gut zu heißen. Hier begegnen sich christliche Ethik und das, was der Dichter Stefan George wollte, dessen Einfluss auf den Stauffenbergkreis gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

George war kein politischer Schriftsteller im gewöhnlichen Sinne. Seine Dichtung suchte nicht Programme, sondern Gestalten. Sie spricht von Ordnung, Maß, Form, Adel und Treue – Worte, die uns heute beinahe fremd werden mussten, weil sie missverstanden und missbraucht worden waren. Doch George meinte mit ihnen nie die Herrschaft des Stärkeren. Er suchte den inneren Menschen, der sich nicht vom Lärm der Zeit beherrschen lässt.

Im Gedichtzyklus „Stern des Bundes” erscheint jenes geheimnisvolle Bild einer Gemeinschaft, die nicht aus der Berechtigung lebt, von welcher die Masse lebt und sie dem Einzelnen zuerkennt, sondern aus gemeinsamer Verpflichtung gegenüber einer höheren Wirklichkeit. Dieses „Geheime Deutschland“ oder (andere Überlieferung) „Heilige Deutschland” wie Stauffenberg es vor seiner Erschießung im Bendlerblock in der Nacht vom 20. zum 21. Juli 1944 ausgerufen haben soll, ist kein geographischer Ort und kein politisches System. Es ist eine geistige Heimat. Es lebt überall dort, wo Menschen das Wahre höher achten als den Erfolg, das Schöne höher als den Nutzen und das Gute höher als ihre eigene Sicherheit.

Für manche aus dem Kreis des 20. Juli war Georges Dichtung zu einer Schule des Charakters geworden. Gewiss hat George niemals irgend jemandem den Weg des Attentats nahe gelegt oder gar vorgeschrieben. Aber sein literarisch-poetisches Wort hat eine Generation zumindest theoretisch gelehrt, dass der Mensch nicht für die Anpassung geschaffen ist.

Noch schärfer klingt die Warnung Georges im Gedicht „Der Widerchrist”. Dort erscheint die Macht, welche alle Maßstäbe verkehrt als „Fürst des Geziefers”. Der Widerchrist trägt nicht notwendig Hörner oder dämonische Züge. Seine eigentliche Kraft besteht darin, dass er Wahrheit und Lüge zu vertauschen weiß, Gewalt als Erlösung ausgibt und den Menschen glauben lässt, das Heil ließe sich technisch oder künstlich hervorbringen, anstatt als Gabe zu empfangen - wie Korn und Wein. Gerade in der Aufdeckung dieser heimtückischen Verkehrung der natürlichen Abläufe liegt die bleibende Aktualität des Gedichtes und seiner prophetischen Warnung.

Der Widerchrist Georges beginnt nicht erst mit dem Erscheinen eines Diktators. Er beginnt schon dort seine fatalen Wirkungen einzufädeln und zu entfalten, wo der Mensch aufhört zu fragen, ob etwas wahr ist, und nur noch danach fragt, ob es seinen Zwecken nützt. Er beginnt dort, wo Mehrheit Wahrheit ersetzt und Erfolg zum letzten Richter wird. Er beginnt dort, wo Fortschritt bedeutet, alle Grenzen niederzureißen, nur weil sie Grenzen sind.

Das 20. Jahrhundert hat diesen Irrtum mit entsetzlicher Deutlichkeit vor Augen geführt. Der Bolschewismus Stalins und der Nationalsozialismus der NSDAP waren keine konservativen Bewegungen. Sie wollten Revolutionen sein - gegen alles Gewachsene. Sie wollten - jedes auf seine und beide doch auf dieselbe Weise - Geschichte, Moral, Religion, Familie und sogar das Wesen des Menschen neu erschaffen bzw. vorher zerstören. Jede Revolution ähnlicher Art trägt den gleichen Keim in sich: den Glauben, der Mensch könne sich selbst erlösen.

Dagegen erhebt sich der eigentliche Konservatismus. Er bewahrt nicht das Alte, weil es alt ist. Er bewahrt das Gute, weil es gut ist. Er weiß, dass nicht jede Neuerung Fortschritt bedeutet und nicht jede Überlieferung bloß Ballast ist. Wie ein Gärtner einen alten Baum beschneidet, damit er neue Frucht bringt, so unterscheidet der Konservative zwischen dem, was sterben muss, und dem, was leben muss. Er verehrt nicht die Vergangenheit. Er übernimmt Verantwortung für das, was Zukunft haben soll. An dieser Stelle tut das konservatives Denken gut, wenn es mit der Tradition des christlichen Glaubens fragt, was Ursprung, Mitte und Ziel des Guten war, ist und in Zukunft sein darf.

Denn auch das Evangelium beginnt nicht mit dem Versprechen einer neuen Welt aus Menschenhand. Es beginnt mit der Erinnerung daran, dass der Mensch Geschöpf ist. Wahrheit wird nicht mehrheitlich beschlossen. Sie wird empfangen. Das Gute wird nicht erfunden. Es wird entdeckt. Freiheit besteht nicht darin, sich selbst zum Schöpfer neuer Werte zu machen, sondern das Gute freiwillig zu bejahen.

Darum konnten Stauffenberg und die Seinen den einst gegebenen Eid brechen. Nicht weil der Eid bedeutungslos geworden wäre, sondern weil der Staat selbst ihn gebrochen hatte. Der entsprechende Erkenntnisprozess bei den Attentätern des 20.Juli 1944 hat sich langsam und erst über Monate und Jahre hin entwickelt. Die Motivation zur mutigen Tat am 20.Juli 1944 und die langsame Veränderung innerhalb der Beweggründe, sie trotz aller Gefahr zu wagen, werden seitens der Geschichtsschreibung heute kritischer eingeordnet als es noch vor Jahrzehnten der Fall gewesen ist. Klar wurde aber immer mehr, dass ein Gemeinwesen, das systematisch mordet, jene sittliche Autorität verliert, auf welcher Gehorsam überhaupt erst beruhen kann. Die Idee eines Eides bleibt wohl „heilig” was auch immer das heißen mag – aber nicht gegenüber einer Macht, die selber das Recht vernichtet.

Man hat gefragt, ob der 20. Juli erfolgreich gewesen sei? Diese Frage ist zu klein. Erfolgreich war das Attentat nicht. Wahr aber war der Entschluss seiner Träger. Denn Wahrheit misst sich nicht zuerst am Ausgang der Geschichte. Auch das Kreuz Christi erscheint am Karfreitag als vollständiges Scheitern. Erst später wird manchmal sichtbar, dass die Niederlage einen eigenartigen Sieg birgt. Vielleicht ist das ein Geheimnis aller großen Zeugenschaft. Sie verändert zunächst nicht die Welt. Aber sie verhindern, dass die Welt ihre Seele verliert.

Darum ist der 20. Juli bis heute weniger ein Denkmal militärischer Kühnheit, sondern ein Denkmal des untrüglichen Gewissens. Nicht die Bombe gilt als Symbol dieses Tages und seines Abends. Sein Symbol ist der Stern. Jener Stern, von dem Stefan George sang, der nicht blendet wie die Suchscheinwerfer militärischer Gerätschaften, sondern still über den Jahrhunderten steht. Den „Stern des Bundes” hat der Dichter ihn genannt. Er weist den Weg nicht den Vielen, sondern zunächst immer nur dem Einzelnen. Wer ihm folgt, wird oft allein stehen. Vielleicht wird er verlieren. Vielleicht wird sein Name vergessen sein und ewig unverstanden bleiben.

Doch solange auch nur ein Mensch bereit ist, der Wahrheit mehr zu vertrauen als der Macht, lebt jenes Geheime Deutschland fort, das weder auf Landkarten verzeichnet noch durch Siege errichtet werden kann und mit dessen Nennung Stauffenberg sein Leben beschloss. Es lebt dort, wo das Gewissen stärker ist als die Angst. Und darin besteht die Hoffnung eines jeden Landes.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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