Pfingstkirchen
in ecstasi …
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Dieses Bild – gemeinhin bekannt als Tongues (Holy Rollers) von Archibald Motley – stellt den Betrachter in den Bereich einer eigentümlichen Spannung: eine Szene religiöser Ekstase, die zugleich von einer eigentümlichen Ordnung durchzogen ist. Nichts daran ist rein chaotisch, und doch scheint alles von einer Bewegung ergriffen, die sich nicht mehr in den Kategorien nüchterner Vernunft erschöpfen lässt.
Man sieht eine Versammlung, die sich im Akt der Anrufung verliert. Die Körper sind gespannt, die Hände erhoben, die Gesichter verzückt oder verzerrt – ein Raum, der nicht mehr bloß Raum ist, sondern Ereignis. In der Mitte steht die Figur der tanzenden Frau, gleichsam Brennpunkt der Bewegung. Über ihr fällt das Licht, nicht als bloße Beleuchtung, sondern als Zeichen: Hier geschieht etwas, das sich nicht vollständig aus dem Inneren des Menschen erklären lässt.
Und doch ist Vorsicht geboten.
Die christliche Tradition kennt das Phänomen der Begeisterung, ja sie kennt es im strengsten Sinne: in-spiratio, das Hineingewehtwerden des Geistes. Die Apostelgeschichte berichtet vom Pfingstereignis, von jenem Augenblick, in dem Sprache selbst verwandelt wird, nicht in Unordnung, sondern in Verständlichkeit. Die Vielheit der Zungen wird dort nicht zum Zeichen der Auflösung, sondern zur Wiederherstellung von Einheit: Jeder hört in seiner eigenen Sprache.
Hier aber – und das ist das eigentliche Thema des Bildes – scheint sich die Bewegung des Geistes in eine andere Richtung zu neigen. Die Sprache löst sich von ihrer vermittelnden Funktion. Das Wort wird Laut, der Laut wird Geste, die Geste wird Körper. Es ist, als würde das Geistige in das rein Physische zurücksinken – als ob der Mensch das Göttliche nicht empfängt, sondern es gleichsam aus sich selbst hervorbringt.
Gerade darin liegt die Ambivalenz.
Denn die Szene ist nicht einfach als Verfall zu lesen. Sie enthält eine Wahrheit, die auch die nüchterne Theologie nicht übergehen darf: dass der Mensch ein Wesen ist, das mehr will als bloße Erklärung. Er verlangt nach Berührung, nach Ergriffenheit, nach jener Erfahrung, in der die Grenze zwischen Innen und Außen durchlässig wird. Wo diese Erfahrung fehlt, erstarrt Religion zur bloßen Form.
Und dennoch bleibt die Frage bestehen, ob jede Form von Ergriffenheit schon als Wirken des Geistes verstanden werden darf.
Der christliche Glaube hat stets darauf bestanden, dass der Geist nicht gegen die Vernunft wirkt, sondern sie übersteigt, ohne sie zu zerstören. Er ist nicht bloß Intensität, sondern Wahrheit. Wo aber die Bewegung sich selbst genügt, wo das Erleben zum Maßstab wird, dort droht das, was man eine Immanentisierung des Heiligen nennen könnte: Das Göttliche wird nicht mehr empfangen, sondern produziert.
Das Bild zeigt diese Grenze mit einer eigentümlichen Schärfe. Der Prediger im Hintergrund scheint die Bewegung zu lenken, und doch ist er selbst Teil des Stroms. Die Gemeinde ist nicht mehr hörend, sondern sich selbst ausdrückend. Die Worte „Jesus saves“ an der Wand stehen still – fast wie ein fernes Echo – während der Raum selbst in Bewegung geraten ist. Zwischen Schrift und Ereignis öffnet sich ein Spalt.
Und vielleicht ist genau dieser Spalt das eigentliche Thema.
Denn der Glaube lebt aus der Spannung zwischen Wort und Erfahrung, zwischen Gabe und Antwort. Wird das Wort verschlungen von der Erfahrung, verliert es seine orientierende Kraft. Wird die Erfahrung unterdrückt zugunsten bloßer Lehre, verdorrt das Leben des Glaubens.
Motleys Bild zwingt dazu, diese Spannung nicht vorschnell aufzulösen. Es zeigt keine Karikatur, sondern eine Versuchung – und zugleich eine Sehnsucht. Die Sehnsucht nach einem Gott, der nicht nur gedacht, sondern erfahren wird. Und die Versuchung, diese Erfahrung an die Stelle Gottes selbst zu setzen.
So bleibt der Betrachter nicht außerhalb der Szene. Er wird hineingezogen in eine Frage, die älter ist als jede Konfession:
Ob der Mensch den Geist empfängt – oder ob er sich selbst in Bewegung versetzt und diese Bewegung für den Geist hält.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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