Überlegungen zum trinitatisfest
Die Milch des Römers Valerius Maximus
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Auch zwischen Pfingsten und Trinitatis liegt eine eigentümliche Zwischenzeit. Fast könnte man sagen: Ein wenig hält die Kirche für diese Tage fast den Atem an. Denn zu Pfingsten feierte sie das Kommen des Heiligen Geistes, und wird am Trinitatisfest zu begreifen versuchen, wer jener Gott eigentlich ist, der sich im ausgeschenkten Heiligen Geist mitteilt.
Schon die Pfingstgeschichte selbst trägt etwas Geheimnisvolles in sich. Wir lesen dort bei Lukas: „Es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind.“ Aber merkwürdigerweise wird nicht gesagt, von woher genau dieser Geisthauch kommt. Der Himmel bleibt offen und zugleich verborgen. Man hört das Brausen, aber man kennt den Ursprung nicht genau. Gerade darin vielleicht liegt die tiefste Wahrheit über den Heiligen Geist. Denn der Geist ist niemals Besitz. Er ist Bewegung. Beziehung. Überschreitung. Er ist gleichsam das lebendige Zwischen von Vater und Sohn, wie die Alte Kirche es formuliert - und wir verallgemeinern zwischen Gott und Mensch. Denn die Metapher Vater-Sohn kollidiert mit den neuzeitlichen Erfordernissen von Geschlechtergerechtigkeit und Archetypenphobie.
Es rang die Christenheit Jahrhunderte lang um jene schwierige Frage: Geht der Heilige Geist nur vom Vater aus? Oder vom Vater und vom Sohn? Das kleine Wort Filioque — „und vom Sohn“ — hat damals Kontinente voneinander getrennt. Die Ostkirche für ihren Teil bewahrt mit großer Ernsthaftigkeit bis heute die Vorstellung, dass der Vater der letzte Ursprung der Gottheit und Quell des Geistes sei. Der Westen hingegen, besonders dann seit der karolingischen Zeit unter Charlemagne, betonte stärker die gemeinsame Sendung des Geistes durch Vater und Sohn. Die lateinische Kirche des Westens meinte, dass das nicht nur eine abstrakte Lehrfrage gewesen ist. Sondern es stand dahinter eine viel größere Ahnung: Dass Liebe niemals stillstehen kann.
Wenn denn Gott Liebe ist, dann muss in Gott selbst ein ewiges Sich-Verschenken sein. Der Vater gibt sich dem Sohn. Der Sohn empfängt sich vom Vater und gibt sich ihm vollkommen zurück. Und der Geist ist gleichsam dieses lebendige Strömen selbst — nicht bloß eine Sache zwischen zweien, sondern das göttliche Leben selbst, insofern es übergeht, sich verschenkt, sich mitteilt. Darum ist der Geist in der Heiligen Schrift oft schwer zu greifen. Er erscheint als Wind, Feuer, Taube, Atem, Salbung, Wasser, Kraft. Fast niemals als feste Gestalt. Denn er ist gerade jene Wirklichkeit, die die Starrheit aufhebt.
Und hier erhalten plötzlich jene beiden alten Geschichten vom Pelikan und von der Milch im Kerker eine unerwartete Tiefe. In den alten Büchern der Menschheit steht viel geschrieben von seltsamen Tieren und noch seltsameren Menschen. Der moderne Mensch lächelt darüber oft ein wenig herablassend, weil er verlernt hat, symbolisch zu denken. Er nimmt die Dinge nur noch als bruta facta (Tatsachen) wahr, nicht mehr als Gleichnisse. Aber die alten Texte wussten: Die Welt ist voller Hinweise. Die Schöpfung spricht. Und selbst dort, wo die Naturbeschreibung ungenau wird, kann die Wahrheit genauer sein als die Biologie. So wird vom Pelikan folgendes berichtet:
Wenn die Jungen des Pelikans hungern und sterben, so heißt es dort, öffnet die Mutter oder der Vater mit dem Schnabel die eigene Brust und lässt ihnen das Blut als Nahrung oder auf die toten Jungen tropfen, bis sie wieder lebendig werden. Gewiss: Zoologisch ist das ein unerquickliches Bild. Aber theologisch ist es von einer ungeheuerlichen Faszination und freilich nur archetypischen „Schönheit”. Die frühe Christenheit sah darin ein Bild Christi selbst. Der Pelikan wurde zum Sinnbild eines Wesens, das ihr Herz öffnet, damit die Toten leben. Darum findet man den Pelikan auf Altären, Kelchen, Chorstühlen und Tabernakeln. Ein wunderbares Bild. Fast erschreckend wunderbar. Es zeigt eine Wahrheit, die das Christentum nie zurückgenommen hat: Leben erhält sich nicht (nur) durch Selbstbehauptung, sondern durch Hingabe.
Und daneben steht jene andere Geschichte, die der Römer Valerius Maximus erzählt und die noch verstörender ist. Eine Mutter sitzt im Kerker. Sie ist rechtmäßig zum Tode verurteilt. Aber der Kerkermeister hat irgendwie Mitleid und erwürgt die Frau nicht - er will sie dem Hungertod preisgeben. Die Tochter darf sie täglich besuchen. Der Wächter durchsucht die Tochter jedes Mal. Keine Waffe, kein Werkzeug, kein Brot. Kein Wasser. Keine Nahrung. Und doch stirbt die Mutter nicht. Wochenlang nicht. Bis man entdeckt:
Die Tochter nährt die Mutter - an ihrem Busen mit ihrer eigenen Milch. Die Nachricht wird dem Vorgesetzten hinterbracht, der sie seinem Vorsteher berichtet. Bis hinauf zum Konsul und der Richerkollegium läuft die Mär. Und die Herren begnadigen die zum Tode verurteilte.
Die antike Welt erschrak über diese Erzählung. Und vielleicht erschrickt unsere Welt noch mehr. Denn beide Geschichten verletzen die Grundannahme des aufgeklärten modernen Menschen: Dass der Leib vor allem dem eigenen Selbst gehöre? Nicht in jeder Beziehung … In beiden Bildern geschieht das Gegenteil. Der Leib wird Gabe. Er wird Nahrung. Er wird Rettung.
Gerade darum konnten christliche Denker beide Bilder miteinander verbinden. Das Blut des Pelikans und die Milch der Tochter erzählen letztlich dieselbe Wahrheit: Leben bleibt dort, wo Liebe sich verausgabt. Und von hieraus versteht man etwas vom Wesen der Kirche.
Das Leben Gottes besteht nicht aus isolierten Einzelwesen. Gott ist kein himmlischer Einsiedler. Gott ist ewiger Austausch. Ewige Mitteilung. Ewiges Sich-Verströmen. Der Heilige Geist ist daher nicht bloß eine Art göttlicher Bote. Er ist gleichsam die göttliche Zirkulation des Lebens in sich selbst. Die Milch fließt vorwärts und rückwärts. Man verstehe von hier aus die gegenwärtige Krise der Kirche tiefer, als sie es ist. Jahrhundertelang lebte die Kirche vor allem aus jener Bewegung, dass sie die Menschen nährte: mit Sakramenten, Gebeten, Gesängen, Trost, Theologie, Schönheit, Heiligkeit. Die Kirche war gleichsam die Mutter, die Milch gab.
Nun aber scheint die Mutter schwach geworden zu sein. Die großen Strukturen ermüden. Die Sprache verliert ihre Selbstverständlichkeit. Viele haben das Vertrauen verloren. Und genau hier gewinnen¥ die alten Geschichten ihre erschütternde Aktualität. Denn plötzlich muss die Milch zurückfließen. Die Gläubigen selbst müssen beginnen, die Kirche zu nähren. Nicht mit besinnungsloser Aktivität. Nicht mit kirchenpolitischer Betriebsamkeit und Anbiederung an das, was alle tun, um Bedeutung für sich zu gewinnen. Sondern mit Glauben. Mit Treue. Mit jener stillen inneren Glut des Geistes. Die eigentliche Stunde des Heiligen Geistes ist jetzt. Wenn der Glaube nicht mehr nur konsumiert wird, sondern zurückströmt. Wo Menschen nicht bloß Empfänger bleiben wollen, sondern selbst Träger der göttlichen Bewegung werden.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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