Krasse Geschichten (Teil 3.2)
Man tut was man kann
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Des herzoglichen Kutschers Philipp Schelers Geschichte von dem mutigen Straßen-Sperling hatte dann den letzten Ausschlag gegeben. Man musste es probieren. Man musste so tun, als ob es gelänge. Jeder muss das tun, was er kann. Man muss manchmal sogar etwas tun, was man nicht kann. Es gilt alles zu wagen …
Schon lange vor dem Jahr 1687 ließ Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg den Weinkeller des Schlosses Friedenstein im Südflügel zu einem Laboratorium umrüsten. Mit Regalen, einer Feuerstätte, Abzugsesse und allerlei Geräten alchymischer Art. Denn es galt, das Unedle in das Edle zu überführen. Die Kassen des Herzogtums befanden sich seit Jahren in bedrängter Lage. Gold war vonnöten.
Am Abend des Widderneumonds im Jahre des Herrn 1687 steigt der Herzog in den Keller hinab, Und er weiß, dass er damit hinabsteigt in eine Welt von Entscheidungen, die er nicht mehr wird zurücknehmen können. Über Monate hinweg war alles vorbereitet worden, über Wochen hinweg geprüft, über Tage hinweg in der eigenen Brust hin und her gewendet, bis nichts mehr widerrufbar war. Und so steht er nun dort, der Herzog, nicht als einer, der mit goldenen Münzen spielen will, sondern als einer, der begriffen hat, dass die Ordnung seines Landes nicht allein auf Erlassen und Rechnungen beruht, sondern zuletzt auf dem Versuch, das Mögliche bis an seine äußerste Grenze zu treiben.
Der schimmernde Kolben, zwanzig Zoll im Durchmesser, von dem Glasbläser Meister Vincent aus Lauscha unter größter Anstrengung gefertigt, steht vor ihm wie ein Instrument, das mit dem Heiligen Gral verwandt ist. Die Blätter des Rainfarns, goldblühend, ölhaltig, zur rechten Zeit im vergangenen Jahr gesammelt, liegen auf dem inneren Gitter, das sie dem Dampf präsentieren wird. Unter den Kräutern beginnt das Wasser zu arbeiten. Es ist ein Arbeiten, kein bloßes Kochen – ein Vorgang, durch welches die verborgenen Seelenkräfte der Pflanze freigesetzt werden.
Der Dampf steigt auf, mit sich reißt er unbarmherzig, was sich ex materia plantarum lösen muss, und führt das im Dampf gelöste Öl durch den gläsernen Schlangenkühler, der den Aufstieg der erhitzten Gase in geordnetem Rückgang zur Kondensation zwingt. In der Vorlage am Ende des Kühlers sammelt sich das Gewonnene. Wasser und darauf die gelblichen Tropfen des sich absondernden Rainfarnöls. Friedrich schaut diese Tropfen mit verhaltener Freude an - sie sind das Ergebnis, weil er Bedingungen geschaffen hat, unter denen diese Tropfen entstehen konnten. Und er dankt dem Schöpfer, wobei er vor dem Ofen auf die Knie fällt und ein stummes Gebet über die Decke seines Laboratoriums hinaus richtet, indem er die Hände zum Himmel emporringt, der sich draußen sternenklar über dem Schlosse Friedenstein wölbt, das sein frommer Vater Ernst vor Jahrzehnten hatte errichten lassen.
Friedrich nimmt nun diese Tropfen mit der Pipette sorgfältig auf, füllt sie in eine dunkelfarbene Phiole, verschließt dieselbe und stellt sie beiseite. Man könnte meinen, es sei dieses nur ein kleiner Schritt gewesen? In Wahrheit ist es der erste von vielen, die noch folgen müssen und die miteinander alle verschränkt sein werden. Keiner von diesen Schritten darf fehlen - denn sonst entstünde das Gold nicht, das man so nötig braucht. Auch der komplizierte Schlangenkühler und die Pipetten und Glassachen alle müssen ja noch in Lauscha bei Meister Vincent bezahlt werden ... .
Als die Seele der Pflanze in der Phiole geborgen ist, geht Friedrich her und füllt die nunmehr ausgesogene und seelenleer gewordene Pflanzenmasse in einen anderen Glasbehälter, setzt Wasser hinzu und von der Gärhefe ein Klümpchen, damit alles in die Schäumung übergehe und er, der Herzog, nachdem er schon des Öles auch des Spiritus' der Pflanze habhaft werden könne - des Pflanzengeistes nämlich. Nicht nur ein Abend, nicht nur eine Nacht, sondern Nächte, viele Nächte, wird es dauern. Tage und Nächte, in denen der Herzog nicht unten im Kellergewölbe verharren, aber doch in Gedanken immer da unten im Laboratorium bleiben wird, weil das, was unten nun begonnen hat, oben in ihm weiter bewirkt, in ihm weiterarbeitet. Und während unten die Maische gärt und den Alkohol erzeugen wird, gärt auch der herzogliche Entschluss oben im Schlosse, wo die Diener auf und ab gehen und die Lakaien hochmütige Gesichter schneiden. Und der gläserne Bottich, luftdicht verschlossen im Keller, der wird dem Herzog zu einem Gegenüber, das nicht schweigt, sondern beschwört. Und der Herzog beschwört ihn durch frommen Spruch und inständiges Gebet. So ist es die Art der alchymischen Künstler, zu denen Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg sich zählt.
Drei Monate sind vergangen. Und wieder ist Neumond diesmal im Zeichen des Krebses, wenn die Sonne den Höhenflug am Firmament bereits abzubremsen hat, weil der Schöpfer es am vierten Tages seines großen Schöpfungswerkes genauso festlegte und für alle Zeit befahl. Da wird nun der Geist gehoben, wird aus der Maische der Alkohol destilliert, nicht hastig, sondern wiederum in einer langsamen Folge wohlüberlegter und abgemessener Handgriffe, die vorher so oft geübt worden sind, dass sie heute keine Unsicherheit mehr kennen. Der süßliche und zugleich etwas bittere Duft des spiritus plantae, der hier und da der Apparatur des Meisters Vincent aus Lauscha doch entweichen konnte, macht sich im Kellerlaboratorium zu Gotha bemerkbar und belebt den Geist des Herzogs Friedrich.
Bald ist das Werk abgeschlossen. Der glitzernde Kühler hat seiner Aufgabe gut gewillfahrtet. Den Geist der Pflanze Rainfarn schwenkt der Herzog in einem Kolben hin und her, füllt ihn in eine zweite Phiole und stellt sie neben diejenige, in der die Seele des goldenen Gewächses dem Weiteren zu allem bereit entgegen harrt. Geist und Seele, beide getrennt und doch aufeinander verwiesen.
Aber noch immer ist das Werk längst nicht vollendet, weil ja noch der Körper fehlt. Materia muss zu anima und spiritus hinzutreten. Sonst kann die tinctura coelestis nicht entstehen. Deshalb - und nur deshalb - wird jetzt die vom Alkohol befreite Maische der fast farblose gewordenen Blätter geröstet, calcinatio maxima nennt der Chymicus diesen Schritt. Oh, das ist ein mächtiges Feuer in dem alchemistischen fornax athanorii - in dem Ofen, den Meister Vincent ebenfalls im Gewölbe des Schlosses Friedenstein aufgebaut hat. Und der noch nicht bezahlt ist. Es wird geröstet, bis nichts mehr von den Blättern übrig bleibt als die grauweiße Asche der ehemals so umfangreichen Pflanzenmenge. Und diese Asche nun? Sie wird in Wasser getan, geschüttelt und die vorhandenen Salze werden im Wasser der Schwarza, von dem der Herzog Friedrich sich von Albrecht Anton von Schwarzburg-Rudolstadt hat kommen lassen, gelöst. Und am kommenden Tage werden große gläserne Schalen mit diesem Wasser in die Sonne gestellt, welche unbarmherzig vom Himmel brennt - es ist der Johannestag des Jahres 1687. Das Wasser steigt als Dampf auf zum glühenden Frühsommerhimmelszelt, das Salz bleibt in durchsichtigen und schimmernden Kristallen zurück. Friedrich schabt es mit einem Holzspatel von den Glaswänden der Schalen und füllt das Salz in eine dritte Phiole, die nun als Behältnis des Pflanzenkörpers neben jene beiden anderen gestellt wird, in welchen Seele und Geist des Rainfarns voneinander getrennt bereits geborgen sind.
Fünf Monate sind nun insgesamt vergangen, als sich wieder ein günstiges Zeitfenster am Himmelszelt eröffnet und auf die Gnade der himmlischen Heerscharen und ihres Herrn und Gebieters vertrauend, geht Friedrich erneut an sein Werk. In diesen fünf Monaten hat sich nicht nur die Pflanze verwandelt, sondern auch er selbst, der mit ihr gearbeitet hat. Jede Phase hat ihn gebunden, jede Phase hat ihn dazu verpflichtet, ein Stück weiterzugehen, nicht abzubrechen und nicht sich selbst aufzugeben und das Ganze zu verraten. In all dieser Zeit ist er in intensivem Gespräch mit seinem Hofprediger und Beichtvater Johann Christoph Oetinger, dem Vater des nachmaligen Alchemisten und Pfarrers Friedrich Christoph Oetinger aus Württemberg gewesen. Denn ein Mensch, der Blei in Gold verwandeln will, braucht geistlichen Beistand.
Als die Sonne im Zeichen Löwe steht und der Mond sich von ihr gerade zu entfernen beginnt, endlich am 8. August des Jahres 1687, kommt nun nach den langwierigen Prozessen der Trennung die Wiedervereinigung. SOLVE ET COAGULA. Nachdem die Goldpflanze aufgeteilt wurde in Seele, Geist und Körper, erfolgt jetzt ihre Neuschaffung in der Zusammenführung ihrer drei Bestandteile. Die Tinktur entsteht.
Friedrich nimmt mit bebender Hand die drei Phiolen vom Bord herab. Das Öl, den Spiritus und das Salz. Goldener Rainfarn aus dem Jahr 1686. Aber es ist nicht mehr Rainfarn als Pflanze - sondern es ist der Gedanke des Goldes, das als Wesen in dieser Pflanze eingeschlossen die goldenen Blüten wirkt und schaffen muss. Und nun vereinigt der Herzog die drei wieder miteinander. Nicht, dass er den Inhalt der drei Phiolen einfach zusammen mischte, wie eine Magd ihre Spüllauge! Nein, nein - sondern nach den Maßen, die der Herzog sich mit seinem geistlichen Beistand Oettinger lange erarbeitet hat. Gemäß jener Proportionen, die nicht nur in den geheimen Büchern aufgezeichnet stehen, sondern auch der Erfahrung aller Gedanken und Träume, die seine Hohheit in den zurückliegenden Monaten heimgesucht haben. Und siehe da - es entsteht eine graue schmierige Substanz, eine halbflüssige und lichtdichte, unscheinbare, aber in sich geschlossene, nun nicht mehr simplicia materia, sondern substancia transformatica. Und das bedeutet mehr als die Summe irgendwelcher einzelnen Teile.
Friedrich spricht die Namen aus, die ihm seine Bücher - deren Kosten noch offenstehen - überliefert haben, nicht als Beschwörung - bei Gott nicht als Beschwörung - sondern als Erinnerung an jene gute Weltordnung, zu der er sich selber natürlich auch bekennt (gut lutherisch-evangelisch). Er steht in der Reihe derer, die vor ihm ähnlich gearbeitet haben, und während er das alles ausspricht - geschieht nichts. Zumindest nichts Sichtbares. Und gerade darin liegt ja bekanntlich die Strenge und Verlässlichkeit des alchymistischen opus alienum.
Das Pflaster, auf dessen Oberfläche Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg nun die graue, salzig und krautig riechende Schmiere aufträgt, ist von kundigen Frauenhänden gewoben worden. Dieses Pflaster besteht aus feinem Leinen und ist ein wichtiger Gehilfe und Werkzeug aller alchymischen Goldhersteller.
Und nun? Ja - da liegt auch das schwere graue Blei, es liegt vor dem Herzog, ist in kleine Kugeln geformt worden, von der Größe genau so beschaffen, wie wir es von den Blütenständen der Rainfarnpflanze kennen.
Friedrich tritt heran, ohne Hast, ohne Zweifel, denn Zweifel wäre jetzt ein Fehler, und Fehler sind dem Chymicus nicht erlaubt, und während er das mit der schmierigen coelestischen Tinktur getränkte Pflaster an eines der Bleikügelchen führt, ist alles in dieser Bewegung enthalten, die Monate der Vorbereitung, die Nächte der Entscheidung, die Geduld, die der Mann aus Gotha sich abverlangt hat.
Ob das Blei wirklich und wahrhaftig in Gold sich verwandelte? ist in diesem Augenblick nicht mehr die entscheidende Frage. Denn entscheidend ist, dass der Herzog alles getan hat, was getan werden konnte, dass er die Möglichkeiten seines Standes, seines Wissens, seiner Zeit ausschöpfte. Nicht aus einer schnurrigen Laune heraus, nicht wie in einem albernen Spiel, sondern als Dienst, als Versuch, die bleierne Last seines Herzogtums nicht hinzunehmen, sondern zu verwandeln. Wie sagte doch jener auf der Straße liegende kleine Sperling in der Geschichte des getreuen herzoglichen Kutschers:
„Man tut, was man kann!”
Autor:Matthias Schollmeyer |

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