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Krasse Geschichten (Teil 3.1)
DER SPERLING - ODER WIE ALLES BEGANN

Man muss sich die Verhältnisse vergegenwärtigen, unter denen ein Herzog wie Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg zu regieren hatte: ein Land von zersplitterter Gestalt, hervorgegangen aus jener großen Teilung, die den ernestinischen Besitz Ernst des Frommen in kleinere, doch nicht minder aufwendig zu unterhaltende Höfe zerlegt hatten, jeder mit seinem Anspruch auf Repräsentation, Ordnung und Dauer. Die Mittel hingegen standen in keinem angemessenen Verhältnis zu diesen Ansprüchen; es war eine beständige Spannung zwischen Würde und Möglichkeit, zwischen Form und Substanz.
In einer solchen Lage gewinnt die Alchemie eine eigentümliche Plausibilität. Sie erscheint nicht als Kuriosität, sondern als ein ernsthaft erwogenes Mittel, die Diskrepanz zwischen dem Gegebenen und dem Geforderten zu überbrücken. Friedrich wandte sich ihr daher nicht aus bloßer Liebhaberei zu, sondern aus einem entschiedenen Willen zur Konsolidierung seines Herzogtums. Er ließ sich von kundigen Männern unterweisen, richtete in den Gewölben seines Schlosses geeignete Arbeitsräume ein und verfolgte das Ziel, durch die Kunst der Chrysopöie jene Wandlung herbeizuführen, die nicht nur die Metalle, sondern mittelbar auch die bedrängte Ordnung seines Landes in eine tragfähigere Gestalt überführen sollte. Und dann kam der Tag, an dem sich der Herzog dazu durchrang, sein Theoretisches Wissen in der Praxis zu erproben. Anstoß zur wackeren Tat gab letztlich aber eine kleine Begebenheit, von der der Kutscher seiner herzoglichen Gnaden berichtet hat:

Durchlauchtigster Herzog, gnädigster Landesvater,
wenn es Eurer Hoheit genehm ist, so erlaube ich mir in untertänigster Ehrfurcht, eine kleine Begebenheit vorzutragen, die mir jüngst auf einer Fahrt widerfahren ist und die, obgleich gering an äußerem Gewicht, doch von sonderbarer Bedeutung zu sein scheint.

Es trug sich zu, dass ich mit der herrschaftlichen Kutsche den gewohnten Weg befuhr, die Pferde wohl im Zuge, das Geschirr fest und alles in guter Ordnung, als ich auf der Straße einen kleinen Sperling erblickte, der sonderbarerweise nicht, wie es seiner Natur entspräche, davonflog, sondern reglos auf dem Rücken lag, die Füße gen Himmel gereckt, als hätte er sich in eine ihm fremde Verrichtung begeben.

Da ich nun das Tier nicht mutwillig unter die Räder bringen wollte, ließ ich die Pferde anhalten, zog die Zügel straff, stieg vom Bocke herab und trat näher hinzu, um mich zu vergewissern, ob es noch Lebenszeichen von sich gebe oder bereits verendet sei.

Allein, als ich mich zu ihm niederbeugte, gewahrte ich, dass der kleine Vogel mit großer Anstrengung nach oben blickte, als hinge sein ganzes Wesen an dem, was über ihm sich spannte, und die dünnen Beinlein steif emporstreckte, als trüge er eine Last, die keinem so geringen Geschöpf zugemutet werden sollte.

Da konnte ich mich nicht enthalten, ihn, wie es mir in jenem Augenblicke einfiel, gleichsam anzureden und sprach: „Du kleiner Vogel, was treibst du hier für ein seltsames Werk?“

Darauf, so will es mir erscheinen, als hätte er mir geantwortet, und sei es nur in meinem eigenen Verstande, vernahm ich die Worte: „Ich stemme mich wider den Himmel, auf dass er nicht herniederstürze auf die Erde.“

Darob musste ich unwillkürlich lächeln und sprach: „Meinst du, kleines Tier, du vermöchtest mit deinen schwachen Kräften aufzuhalten, was doch der ganzen Welt nicht aufzuhalten gegeben ist?“

Hierauf schwieg er eine kleine Weile, als erwäge er die Schwere der Sache, und sodann, mit einer Ruhe, die mir bis ins Herz gedrungen ist, vernahm ich: „Man tut, was man kann.“

Diese schlichte Rede, Durchlauchtigster, hat mich so sehr bewegt, dass ich sie mir wohl gemerkt und noch am Abend in meinem Hause vor Weib und Kindern vorgetragen habe, und sie alle befanden, dass darin eine gute und merkliche Lehre verborgen liege.

Darum habe ich mir unterfangen, Eurer Hoheit diese kleine Geschichte ebenfalls vorzutragen, in der untertänigsten Hoffnung, sie möge, obgleich von geringem Ursprung, doch eines Augenblicks der gnädigen Aufmerksamkeit würdig sein.

Diese Geschichte also gab den Ausschlag für Herzog FriedrichI., Teile der Kellergewölbe seines Gothaer Schlosses Friedenstein zu einem Laboratorium umzurüsten. Was dort dann unter Anbringung gläserner Gerätschaften, exotischer Substantiae und großen Gottvertrauens geschah, wird im nächsten Beitrag (KRASSE GESCHICHTEN 3.2) zu lesen sein. 

Autor:

Matthias Schollmeyer

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