KRASSE GESCHICHTEN (Teil 1)
HANANIAS UND SAPHIRA
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Es war eine jener Stunden, in denen selbst die Luft zu ruhen scheint. Als hätte sie beschlossen, sich nie mehr zu bewegen, um das Geschehende auf keinen Fall zu stören. So lag in jenem Hause, das den Jüngern als Versammlungsort diente, der eigentümlichste Zustand zwischen Erwartung und Müdigkeit – wie ein Nachmittag, der sich nicht recht entscheiden kann, ob er in den Abend übergehen oder lieber doch einfach stehenbleiben sollte.
Die junge Gemeinde, die sich um die Erinnerungen an den gemordeten und auferstandenen Gottessohn erst zögernd aber dann doch recht entschlossen gebildet hatte, lebte in merkwürdiger Eintracht. Keine laute, begeisterte Eintracht, sondern eine stille, fast schläfrige Übereinstimmung der Herzen. Man brachte einander dar, was man hatte. Auch Felder wurden verkauft, Häuser aufgegeben und der daraus gewonnene Besitz in die Hände der Apostel gelegt, als wäre das alles ohnehin nur eine Last gewesen, die man endlich abwerfen durfte. Es geschah ohne Pathos, eher mit jener leichten Erleichterung, mit der man einen zu engen Rock ausziehen kann.
Unter denen, die dieses gemeinschaftliche Schauspiel betrachteten, waren auch Hananias und seine Frau Saphira. Hananias war kein schlechter Mensch. Das wäre zu einfach gewesen. Er war vielmehr einer jener Leute, die sich gern im Zustand angenehmer Selbstzufriedenheit einrichten – nicht unähnlich dem Herrn Oblomow aus der Feder Iwan Gontscharows, der es vorzog, die Welt vom Divan aus zu betrachten. Auch Hananias hatte seine inneren Polsterungen: kleine Rechtfertigungen, sanfte Ausreden, ein behagliches „Es wird schon genügen“. Das Weib Saphira hingegen besaß einen klareren Blick, doch auch sie war nicht frei von jener leisen Neigung, die Dinge ein wenig günstiger darzustellen, als sie es waren – besonders, wenn das dem eigenen Vorteil diente.
Eines Tages verkauften auch diese beiden ein Stück Land. Der Erlös lag vor ihnen auf dem Tisch. Er glänzte nicht besonders. Es war kein dramatischer Augenblick. Kein Gewissen schlug laut an. Vielmehr entstand zwischen ihnen eine Art stilles Einverständnis, fast wie ein Blickwechsel zweier Menschen, die sich ohne Worte verständigen:
„Man muss ja nicht gleich alles geben.“ Es war kein Entschluss im eigentlichen Sinne. Eher ein sanftes Hinübergleiten in eine bequemere Möglichkeit. „Natürlich“, sagte Hananias schließlich, während er einen größeren Teil des Geldes beiseite legte, „natürlich geben wir es – aber doch nicht ganz. Das wäre unklug.“ Saphira nickte ein vernünftiges Nicken. Jenes Nicken, welches die Welt zusammenhält, wie sie ist seit sie ist.
Und so geschah es, dass Hananias den Rest nahm und ihn zu den Aposteln brachte. Der Raum war derselbe wie immer, aber die Luft hielt sich selbst an, und nun lag also etwas in dieser Luft, das sich nicht benennen ließ. Es war – als ob jemand eine unsichtbare Spannung hineingelegt hätte.
Petrus saß dort auf einem Hocker vor einem Tischchen. Er sah Hananias an. Nicht streng. Nicht laut. Sondern mit jener ruhigen Durchdringung, die keine Bewegung braucht.„Hananias“, sagte er, „warum hat der Widersacher dein Herz erfüllt, daß du den Heiligen Geist belügst?“
Das war ein Satz. Er klang nicht wie ein Vorwurf, sondern wie eine Feststellung – ähnlich der Bemerkung, dass es draußen geregnet habe, während man schlief. Hananias wollte antworten. Vielleicht hatte er sogar eine Antwort vorbereitet. Doch sie kam nicht mehr über seine Lippen. Irgendetwas in ihm löste sich – nicht dramatisch, nicht mit einem Aufschrei, sondern leise, fast höflich. Und er fiel nieder. Und er starb. Sofort. Tot. Ein paar junge Männer trugen ihn hinaus.
Die Zeit verging. Vielleicht drei Stunden. Vielleicht auch weniger – Zeit war in diesen Tagen ein unzuverlässiger Begleiter. Dann kam Saphira. Sie trat ein, ohne Eile, ohne Ahnung. Der Raum empfing sie wie zuvor, nur dass jetzt neben der Stille der Luft noch eine kaum merkliche aber sehr sonderbare Leere zu spüren war.
„Sag mir“, fragte Petrus ruhig, „habt ihr euer Land um so viel verkauft?“ Saphira antwortete ohne Zögern. Es war die Antwort, die längst zwischen ihr und ihrem Mann beschlossen worden war. Sie war glatt, vollständig, und sie passte. „Ja, um so viel.“
Nichts veränderte sich im Raume – und doch war alles anders. „Warum seid ihr übereingekommen, den Geist des Herrn zu versuchen?“ sagte Petrus, und dann, mit jener eigentümlichen Ruhe, die keinen Ausweg mehr offen lässt: „Siehe, die Füße derer, die deinen Mann hinausgetragen haben, sind vor der Tür und werden dich auch hinaustragen.“ Das war kein erhobener Ton, kein Zorn. Nur die sachliche Beschreibung dessen, was gerade bereits geschieht.
Und im selben Augenblick fiel Saphira nieder zu den Füßen des Apostels Petrus. Als die Jünglinge hereinkamen, fanden sie sie tot; und sie trugen auch sie hinaus und begruben sie neben ihrem Mann.
Zurück blieb die Gemeinde. Und was blieb, war keine Furcht im gewöhnlichen Sinne. Es war eher eine Art Erwachen – als hätte jemand die weichen Polster aus dem Raum entfernt. Die Dinge waren plötzlich wieder hart, klar, unverrückbar.
Man hätte meinen können, es sei nur um Geld gegangen. Aber das wäre zu wenig gesagt. Es ging um etwas anderes: um jene feine, kaum merkliche Verschiebung im Inneren des Menschen, durch die er beginnt, sich selbst eine Rolle vorzuspielen immer wieder – bis er sie schließlich selbst für wahr hält.
Hananias und Saphira hatten nicht einfach etwas zurückbehalten. Sie hatten versucht, in einer Wirklichkeit zu leben, die keine Doppelböden duldet – und zugleich wollten sie die alte Bequemlichkeit nicht aufgeben. Das aber ist keine tragfähige Konstruktion. Sie trägt nicht. Sie bricht zusammen - lautlos und ohne viel Aufhebens zu machen.
Autor:Matthias Schollmeyer |

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