Würde und Schwierigkeit
DER KONSERVATIVISMUS
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Bevor wir über Konservatismus sprechen, müssen wir zunächst ein merkwürdiges Phänomen unserer Zeit betrachten. Wer eine neue Theorie entwickelt, wird gehört. Wer eine alte Wahrheit verteidigt, muss sich rechtfertigen.
Darin liegt bereits eine geistige Vorentscheidung verborgen. Das Neue besitzt in den Augen des modernen Menschen einen Vorschuss an Glaubwürdigkeit. Das Alte hingegen steht unter Verdacht. Es muss beweisen, dass es noch existenzberechtigt ist.
Aus dieser Voraussetzung ergibt sich eine eigentümliche Asymmetrie zwischen konservativem und linkem Denken.
Die politische Linke lebt von Entwürfen. Sie entwirft neue Gesellschaftsmodelle, neue Menschenbilder, neue Sprachregelungen, neue Identitäten und neue Zukunftsvisionen. Sie ist gleichsam eine Fabrik geistiger Projekte. Kaum ist ein Entwurf verwirklicht, erscheint bereits der nächste. Konstruktion geht in Dekonstruktion über, Dekonstruktion in Rekonstruktion, und die Bewegung selbst wird zum eigentlichen Inhalt.
Der Konservative befindet sich dagegen in einer schwierigeren Lage. Seine Grundfrage lautet nicht: »Was könnten wir alles verändern?« Seine Grundfrage lautet: »Was dürfen wir nicht verlieren?«
Das klingt weniger aufregend.
Während der Revolutionär von der Zukunft spricht, erinnert der Konservative an Voraussetzungen. Während der eine Horizonte eröffnet, verweist der andere auf Fundamente. Während die eine Seite Visionen produziert, untersucht die andere die Statik des Gebäudes.
So entsteht fast zwangsläufig der Eindruck, die Linke sei kreativ und der Konservative ideenarm. Die eine Seite erscheint jung, bunt, beweglich und experimentierfreudig. Die andere wirkt grau, vorsichtig und gelegentlich sogar langweilig.
Doch dieser Eindruck beruht auf einer Verwechslung.
Denn nicht jede neue Idee ist ein Fortschritt. Ebenso wenig ist jede überlieferte Ordnung bloß ein Relikt vergangener Zeiten. Wer ein Haus betritt, bewundert häufig die neuen Möbel, die modernen Lampen und die frischen Farben. Kaum jemand spricht über die Fundamente. Und doch entscheidet nicht die Farbe der Wände darüber, ob das Haus stehen bleibt.
Gerade darin liegt die eigentümliche Tragik des Konservativen. Seine größten Erfolge bleiben oft unsichtbar. Wenn eine Gesellschaft stabil bleibt, wenn Familien funktionieren, wenn Rechtssicherheit herrscht, wenn Vertrauen zwischen Menschen möglich ist, dann erscheint all dies selbstverständlich. Man bemerkt die tragenden Säulen erst, wenn sie beschädigt werden.
Die Linke gewinnt daher häufig den Kampf um die Aufmerksamkeit. Der Konservative führt dagegen den schwierigeren Kampf um die Voraussetzungen der Aufmerksamkeit selbst.
Denn jede Gesellschaft lebt von Voraussetzungen, die sie nicht täglich neu erfinden kann. Sprache, Recht, Sitte, Familie, Religion, kulturelles Gedächtnis und geschichtliche Erfahrung entstehen nicht in einem Legislaturjahr. Sie wachsen über Generationen hinweg.
Der eigentliche Streit zwischen konservativem und progressivem Denken verläuft daher tiefer als die üblichen politischen Auseinandersetzungen. Er betrifft die Frage, wie der Mensch zur Wirklichkeit steht.
Ist die Welt ein Rohstofflager für unsere Entwürfe?
Oder ist sie eine Wirklichkeit, die uns vorausgeht und die zunächst verstanden werden will, bevor sie verändert werden darf?
Von der Antwort auf diese Frage hängt weit mehr ab als das Schicksal einzelner Parteien. Von ihr hängt ab, ob eine Kultur noch weiß, wovon sie lebt.
Die eigentliche Krise unserer Zeit besteht vermutlich nicht darin, dass die Menschen die Orientierung verloren hätten. Viel ernster ist die Möglichkeit, dass sie den Wunsch nach Orientierung verloren haben. Wer nicht mehr weiß, wohin er geht, kann immerhin noch nach dem Weg fragen. Wer aber die Frage nach dem Weg für überholt erklärt hat, befindet sich bereits in einer tieferen Verirrung.
Das Wort „konservativ“ hat in den letzten Jahrzehnten eine eigentümliche Wandlung durchgemacht. Für die einen bezeichnet es eine Tugend, für die anderen einen Vorwurf. Kaum jemand fragt noch, was dieses Wort ursprünglich meinte. Der Konservative war nämlich keineswegs der Feind jeder Veränderung. Er war lediglich derjenige, der vor dem Umbau eines Hauses zunächst wissen wollte, ob die tragenden Mauern erkannt worden sind.
Hier berühren wir eine Frage, die weit über die Tagespolitik hinausreicht. Kann eine Gesellschaft überhaupt bestehen, wenn sie nur noch aus Projekten besteht? Kann eine Kultur leben, wenn sie ausschließlich von Zukunftsentwürfen zehrt und ihre Erinnerung verliert?
Der moderne Mensch lebt in einer Welt beispielloser technischer Möglichkeiten. Er kann Gene verändern, Informationen in Sekunden um den Erdball schicken, künstliche Intelligenzen erschaffen und Maschinen bauen, die Leistungen vollbringen, welche frühere Generationen für Wunder gehalten hätten. All dies verdient Bewunderung. Doch gerade deshalb stellt sich eine andere Frage mit neuer Dringlichkeit: Wer entscheidet, wozu diese Fähigkeiten eingesetzt werden?
Technik beantwortet die Frage nach dem Können. Sie beantwortet nicht die Frage nach dem Sollen.
Die großen Ideologien des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts glaubten, diese Frage beantworten zu können. Sie versprachen Erlösung durch Nation, durch Klasse, durch Rasse, durch Wissenschaft oder durch Revolution. Die Bilanz dieser Versuche liegt offen vor uns. Das Blut der Schlachtfelder, die Lager und die Massengräber bilden die dunklen Randnotizen jener Bücher, in denen die Erlösung der Menschheit angekündigt wurde.
Man hätte erwarten können, dass nach solchen Erfahrungen eine neue Bescheidenheit eintritt. Doch der Mensch hat eine bemerkenswerte Fähigkeit: Er vergisst seine Irrtümer schneller als seine Hoffnungen.
So treten heute neue Heilslehren auf den Plan. Sie sprechen andere Sprachen und benutzen andere Begriffe, aber ihre innere Struktur bleibt dieselbe. Wieder wird die Welt als Material betrachtet, das geformt werden soll. Wieder erscheint die Geschichte als ein Projekt, das von aufgeklärten Menschen endlich richtig verwaltet werden müsse. Wieder entsteht die Versuchung, den Menschen nicht mehr als Geheimnis, sondern als Gegenstand gesellschaftlicher Planung zu behandeln.
Hier beginnt die eigentliche Aufgabe konservativen Denkens.
Sie besteht nicht darin, die Vergangenheit zu vergöttern. Die Vergangenheit war niemals ein Paradies. Wer die Geschichte kennt, weiß um ihre Grausamkeiten, ihre Ungerechtigkeiten und ihre Torheiten. Konservatives Denken entsteht vielmehr aus der Einsicht, dass der Mensch älter ist als jede Theorie über ihn.
Es gibt Wahrheiten, die wir nicht erfunden haben. Es gibt Ordnungen, die nicht das Ergebnis parlamentarischer Abstimmungen sind. Es gibt Bindungen, die tiefer reichen als Verträge. Die Familie gehört dazu. Die Sprache gehört dazu. Die Kultur gehört dazu. Die Religion gehört dazu.
Wer diese Dinge nur noch als frei verfügbares Material betrachtet, ähnelt einem Erben, der das Dachgebälk seines Hauses verheizt, weil er Brennholz benötigt. Für kurze Zeit wird es warm sein. Danach beginnt das Haus einzustürzen.
Deshalb ist die konservative Grundhaltung im Kern eine Haltung der Dankbarkeit. Sie erkennt an, dass wir nicht bei Null beginnen. Jeder Mensch tritt in eine Welt ein, die er nicht geschaffen hat. Er empfängt Sprache, Wissen, Sitten, Lieder, Gebete und Erinnerungen. Er lebt von einem geistigen Kapital, das andere vor ihm angesammelt haben.
Das bedeutet keineswegs, dass alles Überlieferte gut wäre. Auch Traditionen müssen geprüft werden. Aber geprüft werden kann nur, was überhaupt noch vorhanden ist. Wer alles zerstört, bevor er urteilt, macht jedes Urteil unmöglich.
An dieser Stelle berührt die Frage des Konservatismus die Frage nach Gott.
Denn letztlich hängt alles davon ab, ob die Wirklichkeit einen Sinn besitzt, der größer ist als unsere Pläne. Wenn es keinen solchen Sinn gibt, dann bleibt tatsächlich nur die Macht des Stärkeren, des Klügeren oder des Lauteren. Dann wird Politik zu einer Konkurrenz von Entwürfen, die sich gegenseitig verdrängen.
Wenn aber die Welt nicht unser Eigentum ist, sondern uns anvertraut wurde, dann verändert sich die Perspektive. Dann besteht Fortschritt nicht mehr darin, die Schöpfung nach Belieben umzubauen. Fortschritt bedeutet vielmehr, tiefer zu verstehen, was sie ist.
Die großen Katastrophen der Moderne sind oft dort entstanden, wo der Mensch aufhörte, sich als Geschöpf zu begreifen. An die Stelle der Ehrfurcht trat die Konstruktion. An die Stelle des Hörens trat die Planung. An die Stelle der Weisheit trat die Machbarkeit.
Vielleicht besteht die eigentliche konservative Tugend deshalb in etwas sehr Einfachem: im Verzicht auf die Anmaßung der Allwissenheit.
Der Konservative weiß, dass die Welt komplizierter ist als seine Ideen. Er weiß, dass jedes Handeln Folgen hat, die niemand vollständig überblicken kann. Er weiß, dass der Mensch nicht Gott ist. Gerade darum verliert er nicht den Kopf. Denn wer glaubt, die Geschichte erlösen zu müssen, gerät leicht in Panik. Wer hingegen weiß, dass die Welt schon vor ihm bestanden hat und auch nach ihm bestehen wird, gewinnt jene Gelassenheit, die nicht aus Gleichgültigkeit entsteht, sondern aus Demut.
Vielleicht ist dies die unscheinbare Weisheit, die unsere Zeit am dringendsten braucht.
Autor:Matthias Schollmeyer |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.