Schwangerschaftsabbrüche
Gynäkologe: Kann keine Liberalisierung herleiten

Foto: epd-bild/Heike Lyding

Der Berliner Gynäkologe Matthias David, Koordinator einer Leitlinie zum Schwangerschaftsabbruch der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, hat sich intensiv mit der vom Bundesgesundheitsministerium veröffentlichten Elsa-Studie befasst. Im Interview  mit Birgit Wilke erläutert er, warum er die Untersuchung kritisch sieht.

Vor wenigen Tagen veröffentlichte das Bundesgesundheitsministerium die Elsa-Studie. Forschende haben die Situation ungewollt schwangerer Frauen in Deutschland untersucht und kommen zu dem Schluss, dass die Versorgung nicht gut ist und es zu viele Barrieren für die Frauen gibt, bis sie einen Abbruch vornehmen können. Kritiker der derzeitigen Regelung nehmen das als Beleg, um die Gesetzgebung zu liberalisieren. Wie sehen Sie das?
Matthias David:
Ich kann das aus den Ergebnissen nicht herleiten. Die Ausgangshypothese einer schlechten Versorgungslage für ungewollt schwangere Frauen, die einen Abbruch wollen, trifft meines Erachtens nicht zu. Und auch die Schlussfolgerung, dass wir eine weitere Liberalisierung der Regelung für den Abbruch benötigen, kann ich nicht nachvollziehen.
Mir erscheint etwa die zur Grundlage genommene Fahrdauer von bis zu 40 Minuten mit einem Auto bis zu einer medizinischen Einrichtung, die dann den Abbruch durchführt, als sehr willkürlich. Wir haben für unsere 2023 veröffentlichte "Erreichbarkeitsstudie" einen anderen Ansatz gewählt und uns dabei an einer Festlegung des hessischen Ministeriums für Soziales und Integration von 2021 orientiert. Unsere Datenanalyse zeigt, dass es unter diesen Bedingungen keine "Versorgungsengpässe" gibt.
Wenn man sich die Daten zur Erreichbarkeit in der Elsa-Studie anschaut, kann ich aus meiner Sicht nur sagen: Im Vergleich mit anderen wichtigen Operationen ist die Versorgung für die betroffenen Frauen sogar vergleichsweise gut.

Wie blicken Sie auf die Schwangerenkonfliktberatung, die aus Sicht der Forschenden eine Barriere darstellt? Der dort ausgestellte Schein ist notwendig, damit der Arzt eine Abtreibung vornehmen kann.
Auch diese Kritik kann ich nicht nachvollziehen: Vor jeder Operation muss der Arzt den Patienten ausführlich, verständlich und mit genügend zeitlichem Abstand zur medizinischen Maßnahme über mögliche Risiken, vorhandene Alternativen und Konsequenzen aufklären. Warum dann nicht bei einem so besonderen, letztlich vom Ziel in der modernen Medizin einmaligen Eingriff wie dem Schwangerschaftsabbruch?

Anders als bei einer normalen Operation geht es hier ja nicht nur um die Risiken eines Eingriffs, sondern um eine ethische Frage, der Abwägung zwischen dem Selbstbestimmungsrecht der schwangeren Frau und dem ungeborenen Leben.
Das macht eine Beratung meines Erachtens umso dringlicher, gerade wenn Frauen unsicher sind, ob sie einen Abbruch durchführen lassen sollen. Wir konnten in eigener Veröffentlichung 2024 nachweisen, dass sich rund ein Fünftel der Frauen nach einem solchen Beratungsgespräch dafür entscheiden das Kind auszutragen: Jährlich nehmen also wahrscheinlich etwas mehr als 120.000 Frauen eine Beratung wahr, die Zahl der Abtreibungen liegt aber bei etwa 100.000. Auch aus diesem Grund finde ich die Beratung außerordentlich wichtig und die Arbeit der Beraterinnen sehr wertvoll.

Die Wissenschaftler befragen die Frauen auch zu Stigmatisierungen, die sie bei einer Abtreibung befürchten und die sie erlebt haben.
Wenn man sich die Zahlen anschaut, hat auch der allergrößte Teil der Frauen nicht über Stigmatisierungserlebnisse berichtet, nämlich 72,8 Prozent, weder im sozialen Umfeld noch im Rahmen der medizinischen Versorgung. Und so erlebe ich es auch hier in der Klinik in Berlin-Wedding: Zu uns kommen Frauen mit sehr unterschiedlicher sozialer und familiärer Situation. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie sich durch eine Stigmatisierung belastet fühlen. Das wird in anderen Ländern wie etwa Polen anders aussehen.

Sie haben auch Kritik an der Methodik der Elsa-Studie anklingen lassen.
Die unterschiedlichen Gruppen, die jeweils befragt wurden, sind vergleichsweise klein und damit nicht repräsentativ: Es sind etwa 33.000 Frauen angeschrieben worden. Nach dem Rücklauf waren es dann rund 4.600 Frauen, die sich beteiligt haben, das sind etwa 15 Prozent. Diese Stichprobe wird im Elsa-Studienbericht selbst als nicht repräsentativ eingestuft.

Vor allem die Rekrutierung der Gruppe der Frauen mit ungewollten Schwangerschaften und Abbruchwunsch war erwartungsgemäß schwierig. Das schreiben die Forschenden selbst - auch, dass die dezentrale Versorgung eine repräsentative Erhebung über eine Zufallsstichprobe an den Einrichtungen unmöglich mache.

Das kann ich nachvollziehen. Dann muss man aber auch dazu stehen, dass die Ergebnisse nicht repräsentativ und verallgemeinernde Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen deshalb sehr problematisch sind. Ich finde es auch schwierig, Teilnehmerinnen über die internationale Organisation "Women on Web" zu rekrutieren, die in Deutschland telemedizinisch Schwangerschaftsabbrüche betreut und die die Medikamente dafür per Post verschickt.

Als Mediziner, der selbst Schwangerschaftsabbrüche durchführt, kommen Sie also in vielen Punkten zu ganz anderen Schlüssen als die Autoren der Studie?
Ich habe den fast 1.000-seitigen Schlussbericht mit großem Interesse gelesen und habe Respekt vor dem Elsa-Team. Meines Erachtens muss aber quasi zum einen als Überschrift über den Ergebnissen stehen, dass die Stichproben alle nicht repräsentativ sind. So ist etwa die Zahl der Befragten der Gruppe "Schwangerschaftsabbruch" mit etwa 600 bei pro Jahr etwa 100.000 Abbrüchen in Deutschland verschwindend gering. Deshalb als zweiter Punkt: Vorsicht beim Ziehen von weitreichenden Schlussfolgerungen. Drittens: Viele der in den Stichproben ermittelten Zahlen werden negativ interpretiert, sie sind aber meiner Ansicht nach erfreulich. Ich stufe etwa die mitgeteilte Zufriedenheit mit der ärztlichen Betreuung von 80 bis 90 Prozent als sehr gut ein.

Mir scheinen die Schlüsse, die die Autoren und Autorinnen ziehen - schlechte Versorgung, die ich nicht sehe, und deswegen die Forderung nach einer Liberalisierung der Regelung für Schwangerschaftsabbrüche - sehr eigenwillig. Eine weitere Liberalisierung ist aus meiner Sicht eine rein politische Frage. Aus langer Berufserfahrung kann ich nur sagen, dass wir mit dem seit rund drei Jahrzehnten bestehenden Kompromiss bei der Regelung des Schwangerschaftsabbruchs gut zurechtkommen, er hat die Gesellschaft in dieser Frage befriedet.

Die Politik hat bislang kaum reagiert auf die Studie. Was würden Sie sich wünschen?
Ich find die Zurückhaltung verständlich und würde es begrüßen, wenn das Ministerium oder der Gesundheitsausschuss im Bundestag noch mal in einer Art Anhörung eine Gruppe von Experten zur Bewertung der Studie einlädt. Hier wünsche ich mir, dass auch Ärztinnen und Ärzte in angemessener Zahl vertreten sind. Dann könnte in Ruhe erörtert werden, was aus dieser Studie ableitbar ist und was nicht. Und ableitbar ist - auf der Basis einer wissenschaftsbasierten Begründung, sozusagen "evidenzbasiert" - nach meiner Einschätzung relativ wenig.
 
(kna)

Elsa-Studie

2019 hatte der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine Studie zu den psychischen Folgen von Abtreibungen in Auftrag gegeben. Mit dem Regierungswechsel 2021 wurde das Studiendesign verändert. So steht Elsa für "Erfahrungen und Lebenslagen ungewollt Schwangerer - Angebote der Beratung und Versorgung". Im August 2025 wurde die fast 1.000 Seiten umfassende Studie durch das Bundesgesundheitsministerium veröffentlicht.

Ziel des Forschungsvorhabens Elsa war demnach, die Belastungssituationen von Frauen zu untersuchen, die eine ungewollte Schwangerschaft austragen oder abbrechen. Das Verbundprojekt bestand aus sechs Teilprojekten mit spezifischen Themen, die von sechs Forschungszentren in enger Kooperation umgesetzt wurden. Begleitet wurde das Projekt durch einen Projektbeirat.

Autor:

Online-Redaktion

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