Kirche und Katastrophen
Im Zeichen des (Roten) Kreuzes

In Uniform vor dem Altar: Olaf Braun kam in seiner Heimatkirche St. Laurentius in Farnroda mit Sohn Paul-Philipp über sein Ehrenamt ins Gespräch. Die orangefarbene Einsatzkleidung ist sonst eher für den Ernstfall gedacht. In der Kirche trug er sie bis dahin nie. Trotzdem ist sein Engagement kein Widerspruch.
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  • In Uniform vor dem Altar: Olaf Braun kam in seiner Heimatkirche St. Laurentius in Farnroda mit Sohn Paul-Philipp über sein Ehrenamt ins Gespräch. Die orangefarbene Einsatzkleidung ist sonst eher für den Ernstfall gedacht. In der Kirche trug er sie bis dahin nie. Trotzdem ist sein Engagement kein Widerspruch.
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Kirche und Katastrophen: Das vereint Olaf Braun als ehrenamtlicher Sanitäter im Deutschen Roten Kreuz (DRK) und Kirchenältester in Farnroda (Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen). Mit Sohn Paul-Philipp Braun sprach er über sein Engagement, woher er die Kraft nimmt, und was das Ehrenamt für sein Leben bedeutet.

Paul-Philipp Braun: Sag mal, wie ging das für dich eigentlich los, mit dem Ehrenamt im Roten Kreuz?
Olaf Braun: Angefangen habe ich 1976, damals kam ich über eine Schularbeitsgemeinschaft zu den Jungen Sanitätern. In den letzten beiden Schuljahren habe ich die Arbeitsgemeinschaft mit geleitet, und dann hat es sich so ergeben. Egal, wo ich war, ich habe immer wieder den Weg zum Roten Kreuz gefunden.
Während des Studiums in Jena habe ich mich als Ausbilder beworben und meinen Lehrschein gemacht.

Aber das Studium hast du ja nicht ganz durchgezogen …
Ja, genau. Trotzdem bin ich beim DRK geblieben, habe in Eisenach nach der Wende die Jugendarbeit mit aufgebaut und 1991 als Vertreter der Landesleitung des Jugendrotkreuzes den Landesjugendring mitbegründet. Schon damals hatte ich immer wieder Kontakt mit kirchlichen Jugendorganisationen. Christhard Wagner war als Jugendpfarrer auch dabei.
Irgendwann war ich für die Jugendarbeit zu alt und engagierte mich noch stärker im Katastrophenschutz. Das heißt: erst in der Sanitätsgruppe, der Katastrophenschutz kam später. Heute bin ich als Kreisbereitschaftsleiter für alle Ehrenamtlichen in den Bereitschaften des Kreisverbandes zuständig. Das sind dann die Menschen, die in ihrer Freizeit Veranstaltungen absichern, die Feuerwehren bei Großeinsätzen unterstützen oder sich bei Großschadenslagen um Verletzte kümmern.

Die Geschichte kenne ich ja nun. Aber ich hab dich wohl noch nie gefragt, wieso du das eigentlich alles so gemacht hast.
Ich hatte eine Tante, die schon zu DDR-Zeiten im Roten Kreuz bei uns im Ort gewesen ist. Sie hat mir eines Tages eine Sanitätstasche zum Spielen geschenkt. Und daraus hat sich das dann entwickelt.

Das ist ja einige Jahre länger, als ich überhaupt lebe. Und trotzdem machst du es immer noch. Wieso?
(lacht) Das ist viel länger! Es ist einfach ein Teil meines Lebens geworden. Ich war immer dabei und freue mich, dass ich heute die Verantwortung für alle Ehrenamtlichen in diesem Bereich im Kreisverband habe. Für mich ist das nicht anders vorstellbar.

Lass uns einen kleinen Sprung in dein anderes Ehrenamt machen. Du bist Kirchenältester in Farnroda, dabei hast du dich erst 2006 taufen lassen. Wie kam es eigentlich dazu?
Ich bin schon während meiner Schulzeit in die Christenlehre gegangen, dann aber nicht mehr in den Konfirmandenunterricht. Ich kann gar nicht mal richtig sagen, wieso das so war.
Trotzdem hatte ich immer irgendwo eine Beziehung zum Christentum und zu biblischen Geschichten. Irgendwie war ich da immer nah dran. Du bist ja zum Beispiel in einen evangelischen Kindergarten gegangen und hast dich ja selbst für die Taufe entschieden. So kam bei mir auch die Überlegung.

Du meinst, weil ich mich habe taufen lassen, wolltest du das auch?
Naja, du warst ja nicht von Geburt an getauft, hast es aber gewollt und umgesetzt. Das war schon eine Art Richtungsweg. Auch für deine Schwester.
Ihr habt euch gemeinsam taufen lassen …
Ja, das stimmt. Und dann kam ja unser beider Werdegang, der schon von dieser Entscheidung beeinflusst wurde.

Eine Taufe ist eben eine tiefgreifende Entscheidung, das weiß ich gut 15 Jahre später umso mehr. Hatte es denn für dich auch solche Auswirkungen? Vielleicht auch auf dein Ehrenamt beim Roten Kreuz?
Ich denke, dass das auf jeden Fall eine Rolle spielte. Der Gründer des Roten Kreuzes, Henry Dunant, ist ein gläubiger Christ gewesen. Da hat das eine das andere gewiss bedingt.
Und so weit auseinander sind wir im Roten Kreuz und in der Kirche nicht mit dem, was wir tun. Das Ehrenamt zur Menschlichkeit und zum Wohle des Nächsten, das Helfen nach dem Maß der Not und die christliche Nächstenliebe, die liegen für mich eng beieinander.

Und trotzdem sind es ja nicht nur Christen, mit denen du arbeitest und auf die du triffst …
Das stimmt schon, aber auch Christen treffen in ihrer Nächstenliebe nicht immer nur auf Christen.

Nun bist du ja nicht nur Gemeindemitglied, sondern auch im Gemeindekirchenrat. Eigentlich sollte jede Gemeinde Notfallpläne haben, mit denen sie auf eventuelle Katastrophen vorbereitet ist. Beschäftigt ihr euch damit?
Um ehrlich zu sein, ist das ein Thema, das bei uns nicht unbedingt auf der Agenda steht. Wir gestalten das Gemeindeleben, es geht um offene Veranstaltungen und die Unterstützung unserer Pastorin bei Gottesdiensten. Wenn natürlich jemand kommt und Hilfe braucht, dann wird selbstverständlich geschaut, wie man helfen kann. Beispielsweise in der Flüchtlingsarbeit. Selbst wenn wir da nicht die große Rolle spielen, so ist unsere Gemeinde immer offen, und auch wir haben mittlerweile Mitglieder, die eine Flucht hinter sich haben. Einige von ihnen kämpfen darum, hierbleiben zu dürfen. Von denen, die die Anerkennung haben, engagieren sich manche inzwischen in der Gemeinde.

Für wie bedeutsam siehst du in diesem Zusammenhang das Thema der interreligiösen Bildung beziehungsweise des interreligiösen Austauschs?
Ich würde an dieser Stelle gar nicht von interreligiös, sondern von interkulturell sprechen. Und schon jetzt arbeiten wir auf vielen Ebenen, sowohl im DRK als auch in den Kirchen, über Grenzen hinweg. Natürlich ist es wichtig, dass man nicht unterscheidet, wo jemand herkommt, wie er aussieht und woran jemand glaubt. Wer in Not ist, dem muss geholfen werden.

Ist das etwas, das du auch aus der christlichen Perspektive deinem ehrenamtlichen Team mitgeben kannst?
Ja, das geht schon. Zwar kann ich das nicht so betont als Christ machen, aber in der Auffassung und der Aufgabe, die wir in den ehrenamtlichen Bereitschaften haben, auf jeden Fall. Wie gesagt: Die inhaltlichen Unterschiede sind nicht so groß.

Als Kreisbereitschaftsleiter führst du die ehrenamtlichen Bereitschaften im Roten Kreuz an, weißt besser als viele andere, wie es um das Ehrenamt bestellt ist. Können diese Menschen mit Migrationshintergrund vielleicht die Lücken, die es im ehrenamtlichen Bereich gibt, zumindest teilweise füllen?
Ich denke auf jeden Fall! Beim Roten Kreuz haben wir bereits sehr gute Erfahrungen damit gemacht, und auch in der letzten Gemeindekirchenratswahl ist ein junger Mann in unser Gremium gekommen, der einen Fluchthintergrund hat.

Was macht die Verbindung deiner beiden Ehrenämter für dich ganz persönlich aus?
Über das Ideelle hatten wir ja bereits gesprochen. Da geht es einfach darum, einen Menschen zu sehen, der Hilfe braucht, und ihm diese Hilfe angedeihen zu lassen. Dabei kann ich nicht wirklich trennen, es ist eher ein fließender Übergang. Ich denke nicht darüber nach, ob ich jetzt im Ehrenamt hier oder dort bin. Das hat beides etwas mit Grundzügen zu tun, die man mitbringt, und die man dort ausleben kann.

Wenn du dir für das Ehrenamt in Deutschland etwas wünschen dürftest, im kirchlichen Bereich oder bei den Hilfsorganisationen – Was wäre das?
Das ist eine schwierige Frage. Wenn man sagt, dass man sich mehr Anerkennung wünscht, dann ist das sicher richtig. Ich muss aber auch sagen: Ich erfahre schon sehr oft Anerkennung.

Wie sieht die Anerkennung aus?
Das kann schon ein gutes Wort sein. Wenn jemand sagt, dass er die Arbeit, die wir machen, gut findet. Aber auch, dass die Politik immer mal wieder zum Ehrenamt steht, das ist eine Form der Anerkennung. Es ist ja nicht so, dass wir total unerkannt sind. Trotzdem würde ich mir manchmal wünschen, dass alle Ehrenamtlichen einen Tag lang ihr Engagement ruhen lassen. Nur um zu zeigen, wie wichtig das ist.
In Krisenzeiten, wie auch während der Corona-Pandemie, steht man als Gesellschaft natürlich zusammen. Da ist das ganz selbstverständlich, und ich glaube, da spreche ich für die Helfer im Roten Kreuz und auch für die Gemeindekirchenräte. Leider ist diese Unterstützung nur oft und schnell vergessen. Da wünsche ich mir, dass es sich ändert.

Und eine Bezahlung des Ehrenamtes?
Förderung ja, aber nicht als Bezahlung. Dann ist es kein Ehrenamt mehr! Wir arbeiten in allen Bereichen freiwillig und unentgeltlich, das darf sich nicht ändern. Ansonsten sehe ich den Anreiz, diese Aufgaben zu übernehmen, in Gefahr. Trotzdem muss nach Wegen und Möglichkeiten gesucht werden, wie die Gesellschaft ihre Freiwilligen unterstützt. Freifahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln wären so eine Möglichkeit.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Innenminister, bei dem ein junger Feuerwehrmann den Wunsch äußerte, dass die Feuerwehrleute eine Ausnahmegenehmigung zum uneingeschränkten Parken bekämen. Denn bei uns geht es im Notfall oft um jede Minute. Das wäre eine praktische Hilfe und Unterstützung.
Es sollte also immer wieder geprüft werden, wie Engagement noch mehr als bisher gefördert werden kann, ohne die Unterstützung in Abrede zu stellen, die wir bereits erfahren.

Zurück zu dir persönlich. Hattest du schon Situationen beim Roten Kreuz, in denen der Glaube eine ganz besondere Rolle gespielt hat?

Es gibt Momente, in denen ich an eine Belastungsgrenze komme. Auf der anderen Seite weiß ich, dass ich gehalten werde. Wenn es auch komisch klingen mag: Manchmal sind es dann schon ganz einfache Predigten, die mir helfen. Wenn ich Situationen habe, in denen ich nicht mehr weiß, wo ich hingehöre, und mir Gedanken mache, ob Dinge so funktionieren, dann hilft meistens der Glaube in irgendeiner Form. Da spüre ich dann so einen Funken.

Und ganz konkret heißt das?
Ohne eurem Team schmeicheln zu wollen, aber das geht mir bei manchen Beiträgen in »Glaube + Heimat« so. Ich erinnere mich an ein "Wort zur Woche" von Pfarrer Friedhelm Kasparick mit der Überschrift "Echte Wertschätzung statt Selbstüberschätzung". Das hat mir wirklich etwas gegeben. Und ich hoffe, nicht nur mir – ich werde es in einer unserer nächsten Stunden bei der Katastrophenschutz-Ausbildung besprechen.

Wie das?
Indem ich ganz einfach mit seinen Worten anfange: "Hochmut kommt vor dem Fall. Wenn ich selber nicht mehr realistisch sehe, wer ich bin und was ich kann, und, sobald etwas nicht funktioniert, die Schuld bei den anderen suche, fängt Hochmut an."
Das hilft über manches hinweg. Auch über das, was man bei anderen vielleicht nicht unbedingt versteht. Aber nach solchen Texten kann man manches klarer sehen.

Autor:

Paul-Philipp Braun aus Erfurt

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