Mannstedt/Thüringen
Der Taufstein von Mannstedt
- hochgeladen von Ines Telle
Seit 1562 steht er in der Kirche von Mannstedt – und erstaunlich gut erhalten hat er mehr als 460 Jahre überdauert. Der Taufstein erzählt von einer einflussreichen Adelsfamilie, von einem unbekannten Steinmetz, von einem später berühmten Musiker und von unzähligen Menschen, die an ihm getauft wurden.
Wer heute vor dem Taufstein steht, kann noch immer die Details erkennen, die ihn zu einem besonderen Werk der Renaissance machen: die harmonischen Formen, die Kanneluren, die Inschriften und das sorgfältig gearbeitete Wappen. Anders als viele Zeugnisse vergangener Jahrhunderte ist er nicht als Fragment erhalten. Er steht noch immer dort, wo er geschaffen wurde – in der Kirche von Mannstedt.
Auf der umlaufenden Platte steht: „Konrad von Bemelberg – Ritter – 1562“
Diese Inschrift führt unmittelbar in die Geschichte des Taufsteins und seiner Stifter.
Ein Ritter im Dienst Kaiser Karls V.
Der Name „von Bemelberg“ ist eine historische Schreibweise des bekannten thüringisch-hessischen Adelsgeschlechts von Boyneburg. Die Familie besaß über Generationen Lehens- und Besitzrechte in Mannstedt und prägte die Geschichte des Ortes.
Konrad von Bemelberg (1494–1567) gehörte zu den bedeutenden Vertretern des Geschlechts. Als Feldhauptmann stand er im Dienst der Habsburger und Kaiser Karl V. und nahm an zahlreichen Feldzügen des 16. Jahrhunderts teil. 1530 wurde er auf dem Reichstag zu Augsburg von Karl V. zum Goldenen Ritter geschlagen; 1554 erfolgte seine Erhebung in den Freiherrenstand.
Für Mannstedt besonders bedeutsam war sein naher Verwandter Wallrab von Boyneburg, der das Rittergut besaß. Er ließ 1561/62 den Edelhof errichten und stiftete vermutlich auch den Taufstein.
Eine solche Stiftung war Ausdruck persönlicher Frömmigkeit, zugleich aber ein Zeichen von Rang und Einfluss. Das Wappen der Familie machte sichtbar, wer in Mannstedt Besitz und Verantwortung trug. Der Taufstein wurde damit zu einem steinernen Zeugnis der Verbindung zwischen Adelsfamilie, Ort und Kirche.
Die Spuren des unbekannten Meisters
Wer den Taufstein genauer betrachtet, entdeckt noch eine weitere Geschichte. Am Schaft befindet sich das viergeteilte Wappen des Stifters. Zwischen den Kanneluren haben sich die Steinmetzzeichen mit den Initialen „W.-H.“ erhalten.
Wer dieser Meister war, ist heute nicht bekannt. Sein Name ist verschwunden – sein Werk aber steht noch immer vor unseren Augen. Gerade der außergewöhnlich gute Erhaltungszustand des Taufsteins lässt die handwerklichen Details auch nach mehr als vier Jahrhunderten noch deutlich hervortreten.
So bewahrt der Stein nicht nur den Namen des Stifters, sondern auch die kleine Signatur jenes Menschen, der ihn geschaffen hat.
Ein Kind, das Geschichte schrieb
Mehr als sieben Jahrzehnte nach der Entstehung des Taufsteins wurde hier ein Kind getauft, dessen Lebensweg später weit über Mannstedt hinausführen sollte: Wolfgang Michael Mylius. Im Jahr 1636 empfing er an diesem Taufstein die Taufe. Später ging er nach Gotha und wurde Kapellmeister am Hof des Herzogs von Sachsen-Gotha-Altenburg. Als Musiker und Komponist erlangte er über seine Heimat hinaus Anerkennung.
Seine Geschichte macht den Taufstein auf besondere Weise lebendig. Denn plötzlich bekommt die lange Reihe der Namenlosen ein Gesicht: Hier stand einst ein Kind, das Jahrzehnte später am Gothaer Hof Musik machte.
Wie viele andere Kinder und Erwachsene vor und nach ihm an diesem Stein getauft wurden, lässt sich heute kaum noch sagen. Ihre Namen sind vielfach vergessen. Der Taufstein selbst aber ist geblieben.
Worte, die über Jahrhunderte tragen
Zu seiner Geschichte gehören nicht nur Namen und Wappen, sondern auch die Worte, die in den Stein eingeschrieben wurden.
Am Sockel steht:
„Wenn jemand nicht geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Königreich Gottes kommen.“ (Johannes 3,5)
Am oberen Rand des Beckens heißt es:
„Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.“ (Markus 16,16)
Die Inschriften geben dem Taufstein seine eigentliche Botschaft. Sie sprechen von Wasser und Geist, von Glaube und neuem Leben. Was für die Menschen des 16. Jahrhunderts Bekenntnis und Wegweisung war, steht auch heute noch über jeder Taufe.
Ein lebendiges Denkmal
Der Mannstedter Taufstein ist deshalb mehr als ein kunsthistorisch wertvolles Stück aus der Renaissance. Er verbindet Ortsgeschichte und Glaubensgeschichte auf ungewöhnlich anschauliche Weise.
In seinem Stein begegnen sich die Spuren der Boyneburger, das Handwerk eines unbekannten Meisters, die Lebensgeschichte des Musikers Wolfgang Michael Mylius und die vielen unbekannten Menschen, die hier getauft wurden.
Und weil der Taufstein noch heute in der Kirche steht, ist seine Geschichte nicht abgeschlossen. Noch immer kann an diesem Becken ein Mensch getauft werden. Dann treffen sich Vergangenheit und Gegenwart: ein Stein von 1562 und ein neues Leben.
460 Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Doch die Geschichte dieses Taufsteins geht weiter – mit jedem Menschen, der an ihm getauft wird.
Autor:Ines Telle |

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