Klimawandel und Elbe
Folgen für die "Lebensader Sachsen-Anhalts"

Natur und Kultur liegen in Wörlitz nah beieinander. Der Park wurde am Wörlitzer See, einem Seitenarm der Elbe, angelegt. Er erstreckt sich über eine Fläche von 112,5 Hektar. Zu sehen sind im Vordergrund das Gotische Haus, im Hintergrund Schloss und Petrikirche.
  • Natur und Kultur liegen in Wörlitz nah beieinander. Der Park wurde am Wörlitzer See, einem Seitenarm der Elbe, angelegt. Er erstreckt sich über eine Fläche von 112,5 Hektar. Zu sehen sind im Vordergrund das Gotische Haus, im Hintergrund Schloss und Petrikirche.
  • Foto: epd-bild/Steffen Schellhorn
  • hochgeladen von Angela Stoye

Trockenheit und Tiefenerosion setzen der Elbe zu. Auf dem Fluss fährt kaum noch ein Schiff. Beim 4. Elbesymposium am 27. März ging es um das 2017 verabschiedete Gesamtkonzept Elbe, die Bestandsaufnahme nach vier Jahren sowie Problemlösungen.

Von Angela Stoye

In früheren Jahren seien es häufig Konflikte zwischen Wirtschaft und Naturschutz gewesen, die die Diskussionen prägten. „Heute“, so Joachim Liebig am Beginn des 4. Elbesymposiums, „geht es gemeinsam mit Wirtschaftsverbänden, der Landwirtschaft, Naturschutzverbänden und den Welterbestätten in der Region um Lösungen für die Elbe.“ Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts mahnte angesichts des Wassermangels der vergangenen Jahre endlich Lösungen an. Die sich deutlich verändernden Rahmenbedingungen forderten jetzt Entscheidungen, sagte Liebig am 27. März bei dem online abgehaltenen Symposium in der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt. „Der Fluss trägt die Last“ lautete das Thema.
Die Elbe samt Auen und Nebenflüssen bildet im Osten Sachsen-Anhalts das Biosphärenreservats Mittelelbe, zu dem auch das Dessau-Wörlitzer Gartenreich gehört. Um die Nutzung des Flusses als Wasserstraße mit entsprechenden Ausbauplänen wird seit langem gerungen. Mit dem seit 2017 vorliegenden Gesamtkonzept Elbe sollen die unterschiedlichen Interessen und Ziele der Menschen am Fluss und der Nutzer angemessen berücksichtigen werden. Doch die Umsetzung stockt. Zudem setzt die Trockenheit der Jahre 2018/2019 setzt der Region ebenso zu wie die fortschreitende Erosion der Fluss-Sohle. Das bereitet Sorgen.

„Technischer Schutz allein hilft auf Dauer nicht“

„Die Elbe ist die Lebensader von Sachsen-Anhalt“, betonte Klaus Rheda, Staatssekretär im Umweltministerium von Sachsen-Anhalt, und sie wirke sich erheblich auf das Leben der Menschen aus. Rheda erinnerte an das extreme Hochwasser von 2013. Seitdem habe das Land fast eine Milliarde Euro für den Hochwasserschutz ausgegeben und fast 95 Prozent der geplanten Aus- und Umbauten geschafft. „Doch technischer Schutz allein hilft auf Dauer nicht“, betonte er. Unter dem Motto „Mehr Raum für Flüsse“ habe man 23 Maßnahmen für den Bau von Poldern und für Deichrückverlegungen vorgesehen. Als Folge des Klimawandels und des Niedrigwassers trockneten die Auen aus, was zum Rückgang der Artenvielfalt am Fluss führe. Gegen die Erosion der Fluss-Sohle gebe es Projekte, um den Trend umzukehren. Sorge bereite das kurz vor dem Abschluss stehende bilaterale Abkommen zwischen Deutschland und Tschechien zur Entwicklung der „Binnenwasserstraße Elbe“. Dazu seien die Bundesländer an der Elbe nicht gefragt worden, was bei der nächsten Umweltministerkonferenz zur Sprache kommen solle. Offenbar sei es bei dem Abkommen nur um wirtschaftliche Interessen gegangen. „Die Elbe muss ein frei fließender Fluss bleiben. Das sind wir ihr schuldig.“

„Niedrigwasserperioden treten immer häufiger auf“

„Der Klimawandel wird immer spürbarer. Extreme Ereignisse haben enorm zugenommen“, unterstrich Dirk Messner. Der Präsident des Umweltbundesamtes mit Sitz in Dessau-Roßlau nannte als Beispiel den Elbe–Pegel Magdeburg, der innerhalb von nur fünf Jahren den jemals dort gemessenen Höchst- und Niedrigst-Wasserstand aufgewiesen habe (2013: 7,47 Meter; 2018: 46 Zentimeter – Anm. der Redaktion). „Perioden von Niedrigwasser treten immer häufiger auf und werden immer länger“, so Messner. Die Folgen seien bekannt: Ökosysteme darben, die Landwirtschaft leidet, Arten sterben und es fahren keine Schiffe mehr. Eine naturnahe Wasserlandschaft könne die Folgen abfedern. Es müsse ein Paradigmenwechsel stattfinden, weg von den alten Lösungen, Wasser aus der Landschaft abzuführen, hin zu der Frage, wie man das Wasser in der Landschaft halten könne. Zwar sei Deutschland ein wasserreiches Land, das bisher keine Probleme hatte. „Künftig werden wir auch in Deutschland Regionen sehen, die Wasserstress haben und in denen die Nutzungskonkurrenz deutlich zutage tritt.“ Auch die Schifffahrt könne nicht so bleiben, wie sie ist. Darüber müsse man frühzeitig reden. Gewässerschutz sei eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft. „Ohne Klima- und Umweltschutz gibt es auch keine starke Wirtschaft“, so Messner.

„Die Schiffe müssen an die Elbe angepasst werden“

Für Hans-Heinrich Witte, Präsident der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt, ist das Gesamtkonzept Elbe der Grundstein, von dem aus die Binnenelbe in die Zukunft entwickelt werden könne. Ziel seien 20 bis 30 Jahre für die Umsetzung. Witte ist zuversichtlich, dass „es gemeinsam gelingt, die Erosion der Fluss-Sohle zu mindern“. Zudem sprach er sich dafür aus, alte Flussarme wieder an die Elbe anzubinden. Derzeit geschehe das zum Beispiel an der Aller in Niedersachsen. „Auch die Schiffe müssen in Größe und Antrieb an die Elbe angepasst werden.“

„Naturnahe Auen lohnen sich“

Mit dem Wert und der Wertschöpfung in und mit natürlichen Landschaften hat sich die Umweltökonomin Alexandra Dehnhardt befasst. Die Elbe und ihre Auen hätten einen hohen Wert. „Aber dieser wird in gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen häufig noch unzureichend berücksichtigt, so die Mitarbeiterin des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung in Berlin. Dabei gebe es viele Gründe für den Erhalt. Natur, Landschaft und Umwelt seien öffentliche Güter – ohne einen Marktpreis. Aber oft werde nur nach marktgängigen Kriterien entschieden. Angesichts von Klimawandel und dem Verlust der Artenvielalt brauch es eine „transformativen Wandel“. Dehnhardt verwies auf die Studie „Naturkapital Deutschland“. Demnach haben Flusslandschaften auch einen hohen Wert für Erholung und Tourismus. Nicht umsonst sei der Elberadweg einer der beliebtesten Radwege Deutschlands. „Naturnahe Auen lohnen sich“, so die Wissenschaftlerin, die eine Neuausrichtung der Gewässerpolitik forderte. Der immaterielle Nutzen solcher Landschaften müsse stärker in Entscheidungen einbezogen werden. „Nur so können wir den Herausforderungen begegnen.“

„Flusstourismus ist eher klimafreundlich“

Als „Kind der Region“, wie sich Elke Witt bezeichnet, plädierte sie für sanften Tourismus an der Elbe. „Flusstourismus ist natur- und landschaftserhaltend und eher klimafreundlich“, so die Leiterin des Tourismusverbandes Welterberegion Anhalt-Dessau-Wittenberg. Zudem sei er Erwerbsquelle für die Bevölkerung. Das Weltkulturerbe ringsum sei eine zusätzliche Attraktion zum Naturerbe, die nicht nur Touristen aus Deutschland anziehe. Unter den rund 300.000 Radlern, die 2019 auf dem Elberadweg unterwegs gewesen waren, kamen immerhin elf Prozent aus dem Ausland. Witt regte an, das Baden im Fluss im Bereich der Städte und in freier Natur wiederzubeleben. Auch Martin Luther habe gerne in der Elbe gebadet. „Das könnte er heute wieder tun, weil das Wasser endlich wieder sauber ist.“

Autor:

Angela Stoye aus Magdeburg

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