PASSIONSGESCHICHTEN (12)
VON STERN & TROST - Gründonnerstagszauber

Eclipse

Auch von den Finsternissen muss nun geredet werden. Sonne, Mond und Sterne hätten ihr Licht verhüllen wollen, meldet die Passionsgeschichte (Mt 27,45). Es ist so, als ob das Schöpfungswort Gottes, welches beim vierten Tag die Lichter am Himmel heraufführt, rückgängig gemacht werden wollte. Ähnliches lesen wir schon in den kleinen synoptischen Apokalypsen, wo jene Überlegung Raum gewinnt, die Kräfte des Himmels müssten ins Wanken geraten. Wie sollte es auch anders sein, wenn der Herr ihrer Heerscharen zur Hölle hinabzusteigen hat.
Viele Altarbilder zeigen den betenden Jesus im Garten Gethsemane. Oft ist dabei ein Gestirn zu sehen, das sich zu verdunkeln im Begriff steht. Solche Bilder lassen an Mond- oder Sonnenfinsternisse denken. Historisch gesehen kann es eine Sonnenfinsternis freilich nicht gewesen sein, da Sonne und Mond dabei in der Neumondposition stehen müssten: Erde-Mond-Sonne. Eine solche Konstellation ist aber beim Passahfest undenkbar, denn Passah wird stets zur Vollmondzeit gefeiert. Eine Mondfinsternis dagegen? Diese könnte nur im übertragenen Sinne insinuiert sein: Bei der Mondfinsternis stehen die betroffenen Himmelskörper in folgender Reihe: Sonne-Erde-Mond. Eine solche Finsternis erscheint aber erst zur Nacht, während die Kreuzigung bekanntlich am Freitagnachmittag stattfand.

Es wird schnell deutlich, dass es sich dort, wo die Evangelien von Finsternis schreiben, nicht um eine historisch tatsächlich stattgefunden habende Himmelskörper-Finsternis handelt. Sondern bei der Suche einer passenden Umschreibung jener karfreitäglich-fatalen Welt-Wahrnehmung hat man gern auf die wohlerprobte alte Eklipsensymbolik zurück gegriffen. Die finster gewordene Welt ist vom Zeit und Raum ordnungsvoll abrollenden Gestirnsschein entblößt. Der gesamte Kosmos selbst leidet am Sterben seines einstmaligen Schöpfers. Wer denn als Himmelslicht könnte mit eigenem Schein weiterhin noch scheinen wollen, wenn doch der Urschein erlosch? Gottesfinsternis.

Gottesfinsternis ist Sternenfinsternis. Martin Buber wollte nicht an Jesus - sondern wie Jesus glauben. Und er meinte, an der Gottesfinsternis seiner eigenen Zeit (der späten Moderne) sei das Christentum mit schuld, denn es habe sich wie die Erde zwischen Sonne und Mond gestellt und könne nun den Schein der Sonne, der vom Mond zur Nacht auf die Erde zurückgeworfen werden könnte, des eigenen Schattens wegen, den es zum Monde aussendet, selber nicht mehr sehen. Eine Unmittelbarkeit zu Gott, die es einmal gegeben haben muss, ging damit verloren. Wie dem auch sei - der gelehrte Jude argumentiert anders als der Christ es dogmatisch tun zu müssen meint. Unmittelbarkeit zu Gott geschieht dem Christen, der seine kirchliche Dogmatik noch zu beherzigen versucht, am Kreuz Jesu. Wie? Wenn Jesus sich bei äußerlichster Gottes-Ferne in den Worten aus Psalm 22 an das Geheimnis der innerlichsten Gottes-Nähe bettet. Dem so Glaubenden lichten sich seine Finsternisse unter Umständen dann zum Glanz sonderbarer Dämmerungen ... 

Dem nachmaligen Dichter, Maler und Visionär William Blake (1757-1857) erschien, als er noch ein Kind war, Gott selbst zuweilen im Küchenfenster der niedrigen Stube seines Elternhauses in der Londoner Broad Street. Und vom obersten Geschoss dieses Gebäudes aus sah der spätere Illustrator der Danteschen Divina Commedia Sterne und Planeten. Denen zog er „im Gewebe seiner Dichtung ihre Bahnen nach” (Peter Ackroyd: William Blake. Dichter Maler Visionär, München 1995 / S.14). Ja - es ist dies das Äon Emanuel Swedenborgs - und man schämt sich im 18. Jahrhundert solcher Hellsichtigkeiten nicht …

Auch Jesus soll den tröstenden Engel mit dem stärkenden Kelch gesehen haben. Lukas lässt ihn erscheinen (Lk 22,43) - manche Bibelausgaben drucken den kleinen Satz freilich nicht ab - oder verstoßen ihn als späteren Zusatz mit Sternchen in aufklärerische Anmerkungen. Aber was denn sieht der Meister im Garten Gethsemane nachts anderes am Himmel? Was tröstet selbst uns noch nachts vom Himmel her? Mond und Sterne, Engelglanz und Planetenstand. Die große Ordnung des vierten Schöpfungstages. Auch Abraham wurde von Gott zur Nachtzeit hin und wieder vors Zelt zitiert, wenn er wieder einmal nicht glauben konnte. Abraham sollte dann die Sterne zählen und aus deren Menge auf die Menge der eigenen Nachkommen schließen. Und stand nicht schon der Stern über der Geburtsstube zu Bethlehem? Hat denn der achte Psalm im vierten Vers nicht aus der Beobachtung der Sterne die Frage genommen, was der Mensch sei - und zugleich auch die einzige Antwort darauf: Nur wenig Geringeres als die Engelgötter es sind?

Wer also am Gründonnerstagabend aus dem Gottesdienst nachdenklich nach Hause zurückkehrt, wird sie alle sehen, Wolkenfreiheit vorausgesetzt. Und wer in keinen Präsenzgottesdienst sich zu gehen getraute, der traue sich wenigstens, beherzt ins Offene unter das Meer der Sterne zu treten. Oben erscheint das Tröstende …

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

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