PASSIONSGESCHICHTEN (15)
von der Geduld der Steine - de patientia lapidorum

Steinfußboden (Dorf-Kirche zu Rösa in der Dübener Heide)

Der Evangelist Johannes erinnert an den Namen jenes Jerusalemer Platzes, auf dem sich das Verhör des beklagten Jesus von Nazareth vollzogen haben soll. Hebräisch: Gabbata - lateinisch: Lithostratos (Joh 19,13). Eine kahle Steinfläche mit Mosaiken und kunstvollen Einlegearbeiten soll dieser Richtplatz gewesen sein ... Jedenfalls saß man dort entweder als Richter bzw. stand als Zeuge oder Beschuldigter. Hier unten sozusagen auf einer „fastewigen” steinernen Bildfläche. Über sich am Himmel (auch fastewig) das Bild der Sterne - seit Millionen Jahren gleich. Auf dem harten Steinfeld hat sich manches Verhör vollzogen. Tränen sind in den Ritzen des Mosaiks versickert. Blut sowieso - und derbe Flüche haben die Steine hören müssen. Auch Schreie um Gnade und ablehnende Urteilssprüche.

Diesmal (der Vortag des Sabbaths war  angebrochen) hören die Steine auch anderes. Die Frage des von Rom her eingesetzten Verwaltungsknechts Pilatus an einen Gottkönig, der als jüdischer Wanderprediger verkleidet drei Jahre lang aufgetreten war: „Was ist Wahrheit?” So lautete die Frage des Römers. Johannes lässt Jesus zu dieser Frage schweigen. Aber Nonnos von Panopolis (byzantinischer Dichter des fünften Jahrhunderts) übertrug unser nach Aussage Dr. Martin Luthers „recht zartes Hauptevangelium” in Hexameter und lässt Jesus dem Pilatus auf seine Frage nach der Wahrheit folgende Antwort geben:

„Dazu bin ich freilich geboren
und deshalb bin ich gekommen,
ewig beglückende Wahrheit zu künden
den suchenden Menschen.
Jeder, der fest sich entschloss,
das Joch der Wahrheit zu tragen,
hört die untrügliche Botschaft,
die ich verkünde.”

(18. Gesang 76-80)

Danach gibt es sie also doch! Die gewaltige (oft als große Lüge verdächtigte) Trösterin aus dem Bereich der Philosophie. Es gibt die Wahrheit. Ihr Name: VERITAS PERENNIS - als Joch ist sie zu tragen, sagt Nonnos. Wer ihr Joch abwirft, wird fortgerissen und haltlos. Wer jedoch das Joch der Wahrheit auf sich nimmt, findet Kraft, weise über sie zu schweigen, wenn Törichte unverschämt nach ihr fragen. Man verneigt sich vor der Wahrheit auf dem harten Steinpflaster der Realität, dient ihr und verleugnet sie nicht durch allerlei opportunistische Relativierung.

Die verschlagene Behauptung der Paradiesschlange, es gäbe gar keine göttliche Wahrheit, sondern nur irgendwelche sozialen Konstrukte, ist uralt. Gegenwärtig erlebt die Absage an das, was lange als bewährte Wahrheit gegolten hat, wieder einmal eine ganz besonders begeisterte Selbstinflation. Leute ohne eigene Identität verrennen sich in geschickt und künstlich angelegten illustren Irrgärten. Stanislav Lem scheint die enorme Sogwirkung des als Wissenschaft getarnten Unsinns geahnt zu haben. In Vorlauf zu heutigentags  grassierend um sich greifendem Genderwahn und unverschämter Cancel-Cultur ersann er uns die fiktive Gestalt einer Professor*in namens „Alice Donda.“ Dieselbe propagierte frech folgende Theorie: Dass nämlich aus einer bestimmten kritischen Masse falscher Information dank raffinierter Wiederholungen und Akkumulation ihrer informellen Fakes tatsächlich real existierende Materie werden könne! Angesichts manch irrwitzigen Unsinns, der über „Wahrheit” von Expert*innen gegenwärtig laut geäußert wird, ward die „Planetin“ tatsächlich inzwischen um einige Tonnen schwerer. Ist’s ein Grund dafür, dass die Erdachse zu Taumeln begann und unser Klima tatsächlich in Gefahr geriet? Weit noch über das hinaus, was die Weltretter*innen behaupten, ist durch den Unsinn falscher Konstrukte, deren narrative Framings tagtäglich über der Wahrheit erbrochen werden, das Schiff aus der Fahrrinne geraten.

Unbefakte Wirklichkeit bleibt einfach. Sie ist das Joch, das nur zu ertragen und abzuschütteln ohne großen Schaden anzurichten nicht möglich ist. Wer die Wahrheit wegerklären will, muss entweder sehr listig sein oder es nicht besser wissen. Sein Aufprall auf Lithostratos wird in beiden Fällen gewaltig sein. Die alten Steine erwarten den Impact des modernen Lügengedöhns’ mit gelangweilter Geduld. Wer die Tränen und das Blut eines verurteilten Gottes geschmeckt hat, kümmert sich nicht um Gezeter, das angesichts des Bestehens ewiger Wahrheiten von denen ausgeht, die die Wahrheit hassen und ihre klaren Begrifflichkeiten besser heute als morgen zerstört am Boden liegen sehen wollen …

Autor:

Matthias Schollmeyer

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