DES PFARRHERREN I.R. LEBERECHT GOTTLIEBS
adventliche Reise an die Ecken des Seins (Teil 10)

auf dem Weg nach Neotanien ... wie Alles mit Allem zusammenhängt
  • auf dem Weg nach Neotanien ... wie Alles mit Allem zusammenhängt
  • hochgeladen von Matthias Schollmeyer

Leberecht war aus dem Raumzeitgleiter gestiegen, hatte sich an den Strand gesetzt und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Vor ihm lag ein kleiner Papyrusfetzen, auf dem ein paar Worte geschrieben standen. Diese Worte lauteten: „Nicht nur Tod und Auferstehung. Kümmere dich um die Geburt.” Der alte Pfarrer hatte nie aufgehört, seinen Homer zu lesen und das Neue Testament, jenes kleine spätantike Literaturheftchen, welches von allen Kirchen seit zwei Jahrtausenden bewirtschaftet wird, kannte er (bis auf den 3. Johannesbrief) weite Strecken mehr als auswendig. Wer aber hatte nun diese Worte hier geschrieben und wie kamen dieselben in den Gleiter? Leberecht hatte ja ziemlich überstürzt im Grabe Jesu den Raumgleiter bestiegen und dabei wahrscheinlich nicht bemerkt, dass da dieser Zettel auf dem Sitz gelegen hatte. Erst hier, am See, beim Aussteigen, war der Zettel vom Sitz gefallen. Leberecht rekapitulierte:

1. Ich bekam vom Kirchenamt den Auftrag, neue Ansiedlungsmöglichkeiten für die virengeschädigte Erdzivilisation draußen im Weltall zu finden.
2. Deshalb bestieg ich am 24.Juni des Jahres 2037 im Dresdner Kirchenamt den Raumzeitgleiter.
3. Ich bin wütend geworden, weil ich mitbekommen habe, dass diese Kirchenamtsleute keinen Plan hatten - und habe dabei den Steuerhebel angebrochen.
4. Dadurch bin ich immer mehr statt in die Zukunft in die Vergangenheit geglitten - und bei der Kaiserin Theodora gelandet. Dort in Ungnade gefallen und wieder abgehauen.
5. Fixe Idee! Ich wollte Jesus gerne sehen und bin am Gründonnerstag verhaftet worden. Anstelle des Barabbas wieder freigekommen (Was ist eigentlich aus B. geworden?).
6. Ich wollte dann mit Christus ehrlich in die Hölle fahren und bin aber nur in seinem Grab gelandet und dort eingeschlossen worden. War auch irgendwie die Hölle ...
7. Die Wächter des Grabes haben mich unwissentlich befreit. Der Raumzeitgleiter Purgatorio war nicht mehr in der Grabeshöhle.
8. Ich habe dadurch aber die Rolle des Verkündigungsengels am Ostermorgen wahrgenommen.
9. Der Raumzeitgleiter ist dann in der Gruft irgendwie wieder aufgetaucht (ohne Piloten!) 
10. Ich bin in den Gleiter gestiegen und nun am 1. Tag der neuen Woche nach Christi Auferstehung am See Genezareth angelangt.
11. Ich habe diesen Zettel gefunden mit der Botschaft, dass ich mich um die Geburt Christi kümmern soll, nachdem ich mich bereits um Tod und Auferstehung verdient gemacht habe.

So etwa stellte sich Leberecht Gottlieb das bis dato Geschehen in einer Art geistiger Weihnachtskrippe vor seinen Augen auf. Wieviel Zeit mochte seit dem Einstieg in die Pugatorio einerseits und dem Sitzen am See Genezareth andererseits verstrichen sein? Der Pfarrer i.R. überlegte und kam zu dem Ergebnis, dass GAR KEINE ZEIT verstrichen war. Dass es Zeit gar nicht gab - und den Raum auch nicht. Er kam zu dem Ergebnis, dass es nur Veränderungen in und an seiner und durch seine Person gegeben habe. Und diese Veränderungen in ihrer Gesamtheit waren jene Ereignisse, welche er selber erlebte und diejenigen, die mit ihm zu tun bekommen hatten  in ihrer Zeit und an ihren Orten ebenfalls erlebt hatten. Nur, dass er bereits wusste, dass es Maschinen geben würde, die diesen sonderbaren Prozess unterstützten - indem sie ihn abkürzten, umdrehten oder verlängerten. Je nachdem, wie man die Hebel positioniert. Jene anderen aber wussten das sicher nicht - außer Christus vielleicht, der ihm den Raumgleiter zurückgeschickt hatte. Entweder aus der Hölle oder schon aus dem Elysium?

Leberecht atmete tief ein und wieder aus - und schaute auf das galiläische Meer. Er fragte sich, wer er selber nach diesen wenigen durchlebten OZI-Manipulationen eigentlich nun sei. Denn was ihn besonders erschrocken gemacht hatte, das war der Umstand, dass er in der kleinen luftdicht abgeschlossenen Gruft, in der er so lange gelegen, hatte atmen können. Er war nicht erstickt. Und das konnte eigentlich nicht sein. War er schon gestorben? Oder gab es gar keinen Tod bei Lichte besehen. Und dann war er ja auch Barabbas gewesen. Und der Verkündigungsengel. Gerade jetzt sah er da draußen Fischer bei der Arbeit. Sie zogen eben das Netz ein und schauten zu ihm her.

Zu Leberechts Füßen glimmte noch einHolzkohlenfeuer, das wohl jemand noch vor seiner Ankunft hier unbeaufsichtigt hatte brennen lassen. Unvorstellbar für die Zeit seines Pfarramtes im sächsischen Mumplitz. Da hätte sicher irgendein besorgter Bürger gleich die 112 angerufen. Leberecht schob ein paar Äste auf die Glut und erschrak. Denn der Unterschied zwischen ihm und dem auferstandenen Jesus schien plötzlich auf ein Nichts zusammenzuschrumpfen. Die Jünger des Meisters, keine anderen als diese mussten es wohl sein, die da aus den schwärzlichen Booten sprangen, leerten  ihren Kähne aus und riefen immer wieder das Wort „einhundertdreiundfünfzig”. Eigentlich sind es ja einhundertvierundfünfzig! So dachte Leberecht, der Pfarrer i.R. Denn einer der Jünger war nicht an Land gefahren, sondern kam an Land geschwommen, so wie es im Johannesevangelium geschrieben steht. Der Petrus war es. Oh - wie schämte der sich, weil er seinen Meister verleugnet hatte. Noch weit draußen war er in die See gesprungen. Jetzt aber waren alle elf zusammen und er, Leberecht, war der zwölfte Jünger - ego sum Iudas Ischariotes. Aber die Apostel-Elf hielt gerade ihn für den Auferstanden - und man verneigt sich scheu. Da legte Leberecht noch eins drauf, legte ein paar Kohlen in die Glut und bald aßen sie schweigend von den Fischen. Dann - er konnte es nicht lassen - fragte Leberecht den Petrus, ob er ihn lieb habe - und brachte damit den armen ersten Papst in große Bedrängnis. Fast bis an die Tränen.

Es war also alles wahr. Man konnte bis in alle Zukunft nach der Vergangenheit schauen - und eine solche Reise machte das Evangelium wahr, bzw. wurde von dem Evangelium wahr gemacht. Man wurde irgendwo in diese Geschichte irgendwie hineingenommen. Und das war der Kick. Ja - man wurde mit Christus gleichzeitig, wie Kierkegaard es zu formulieren versucht hatte. Und so war Christus mitten dabei. Christus als Gemeinde existierend. Et Christus est communio sanctorum, et communio sanctorum Christus est. Zu guter Letzt nahm Leberecht den Papyrusfetzen, den Christus  (wer denn sonst?) geschrieben haben musste - und las ihn seinen (Christi!) Jüngern vor, indem dieselben ihn (den Ruheständler) für den Auferstandenen hielten: „Nicht nur Tod und Auferstehung. Kümmere dich um die Geburt.” Und nachdem Leberecht diese Worte gesprochen hatte, bestieg er die Purgatorio, legte vorsichtig den Hebel um und wurde zusehends entrückt, wie es ihm von Henoch, Elia und noch anderen berichtet worden war. Die Jünger aber standen da und staunten … Denn mit dem Staunen beginnt die Kirchengeschichte immer wieder neu.

In weiteren Beiträgen (siehe Feuilleton) erfahren wir bis zum Silvestertag, was der Pfarrer i.R. Leberecht Gottlieb auf seiner Reise an die Ecken des Seins und die Enden des Nichts erlebt hat. Wie er auch wieder zu uns zurückkehrt und am Ende alles gut wird …

Autor:

Matthias Schollmeyer aus Wittenberg

Webseite von Matthias Schollmeyer
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