F a r b e n
"Taten und Leiden des Lichts"
- Goethes Farbenkreis
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Licht, um das sich alles dreht, hat wache Menschen schon immer die interessantesten Theorien ersinnen lassen. Albert Einstein z.B. stellte viele seiner Überlegungen aus dem Bereich der theoretischen Physik auf das Axiom, dass nichts in der Welt schneller fahren könne als das Licht fährt. Und dass solches Licht etwas sei, das uns umgibt, wie Wasser den Fisch, Luft den Vogelschwarm und der Sinn den Geist. Es soll nun ein wenig um das Licht und seine Farben gehen. „Farben sind Taten des Lichts, sind Taten und Leiden des Lichts!” schreibt Goethe am Beginn seiner Farbenlehre.
In der Stadt Wolfen nahe bei Bitterfeld gibt es eine Firma namens AGFA. AGFA bedeutet soviel wie „Aktien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikation.” Diese Firma stellte u.a. schon immer auch Farbfilme her - und wurde nach dem Krieg eins jener Unternehmen, die für die Reparationsansprüche der Sowjetunion ausbluteten. Nach 1964 erhielt der Wolfener Betrieb den Namen ORWO. ORWO stand für „Original Wolfen.”
Wenn man damals in der DDR-Stadt Wolfen, wo die weltberühmten Farbfilme hergestellt wurden, lebte - war Farbe eher ein Wunder, denn normale Realität. „Das müssen aber arme Leute sein” hat der gleichaltrige Sohn einer Patentante aus Botswana nebenbei bemerkt, als ihm ein Foto von der Wolfener Konfirmationsfeier zugesandt worden war. Es handelte sich natürlich um Schwarz-Weiß-Fotos. Hätte die Familie einen Farbfilm genommen, wäre die Ansicht aber nicht viel anders ausgefallen. Denn die mitteldeutschen Städte nahe der sozialistischen Industriestandorte Leipzig, Leuna, Eilenberg, Delitzsch, Bitterfeld und Wolfen entfärbten sich im Laufe der Arbeiter- und Bauernrepublik von Jahr zu Jahr immer mehr zu einem nichtssagenden Grau in Grau. Aber paradoxerweise stellte man gerade hier in Wolfen jene Farbfilme her - mit welchen man weltweit Farben festhalten konnte - wenn sie denn zu sehen waren, wie in Botswana.
Ich erzähle sehr gerne Lichtgeschichte. Weil - es gibt nichts Interessanteres als das Licht. Auch in Botswana fotografierte man damals mit Filmen von AGFA-ORWO. Als die Konfirmationsfotos der zwei befreundeter Familien in Wolfen nebeneinander auf den Küchentisch gelegt wurden, eins aus Wolfen und das ander aus Botswana, kamen der Wolfener Mutter die Tränen. Denn die Graustufen der Bilder aus Wolfen waren in nichts mit der Buntheit der afrikanischen Farbenpracht zu vergleichen - die Farbfilme wurden in Wolfen hergestellt - aber die Farben wohnten in Afrika - und kamen von dort zu den Wolfenern zurück.
„Arme Leute!” die kein Licht haben. „Arme Leute!” denen man das Licht ausgestellt hat. „Arme Leute!” denen die Farben verloren gegangen sind. Farben sind Taten und Leiden des Lichts. Und das Licht war das erste, was Gottes Wort schuf. Dieses Wort war bei Gott und Gott war das Wort und das Wort war das Licht der Menschen - in all seinen Farben. Wort und Gott und Licht sind Variablen, die ineinander konvertierbar sind - zumindest hat das Johannesevangelium in den ersten Zeilen seines Textes solches zu denken versucht.
Und hier noch eine andere Geschichte von Farbe und Licht, um die es heute im Predigttext geht. Eine mir bekannte Lehrerin, die ihrem Beruf am Rande der weiter oben bereits ausführlich erwähnten Industrielandschaft nachgeht, erzählte mir eines Tages entgeistert und tief berührt, wie ein Schüler der fünften Klasse (sein Name ist Manuel) unlängst gefragt hatte, „wann denn draußen in der Welt alles bunt geworden sei.” Der Schüler Manuel (übersetzt bedeutet dieser Vorname „Gott mit uns”) meinte wahrscheinlich Folgendes: „Ebenso, wie es erst nur die Schwarz-Weiß-Fotografie gab und erst viel später die Farbfotografie Einzug gehalten habe, wäre auch in der Wirklichkeit ab einem bestimmten Datum das Ganze der Welt von Schwarz-Weiß-Grau auf Bunt-In-Farben umgestellt worden.” Das ist schon tatsächlich eine interessante Überlegung, die in unschuldig-kindgemäßer und noch unverbildeter Art und Weise das Thema des heutigen Predigttext aufnimmt, der an dieser Stelle nun auch endlich verlesen werden soll:
„Das Gericht begann damit und besteht bis heute darin, dass das Licht in die Welt kam. Wenn auch die Menschen die Finsternis meistens mehr als das Licht liebten, weil ihre Werke böse gewesen sind … Wer Böses tut, muss das Licht hassen. Er kann deswegen nicht zum Lichte wollen, weil seine Werke sonst aufgedeckt werden würden. Wer aber die Wahrheit tut, der tritt gern in’s Licht hinaus, damit offenbar werde, wie seine Werke in Gott getan sind.” (Johannes 3,19ff)
Das Johannesevangelium ist das philosophische unter den im Neuen Testament enthaltenen vier Lebensberichten über Jesus von Nazareth. Die vier Autoren haben sich Mühe gegeben, den Mann Jesus aus Nazareth in’s rechte Licht zu stellen und zu beschreiben:
- Markus’ Text beginnt mit einem Bußruf: „Ändert euer Leben, denn das Reich Gottes ist angebrochen!”
- Matthäus fängt an mit der Ahnentafel von Adam aus - und führt die lange Reihe der Vorfahren bis in den Stall von Bethlehem.
- Lukas verbindet die Geschichte des Nazareners Jesus mit dem Schicksal des römischen Imperiums - und ist damit so etwas wie die historische Variante unter den Jesusbiographien.
- Johannes aber führt das Ganze bis in die Tage vor der Schöpfung zurück - Johannes geht sogar weit hinter alle Anfänge und alle Urknalle zurück. Er fängt beim Licht an, das er dem ewigen Wort zuordnet. Wort ist Licht und Licht ist für Johannes kein blendender Blitz, sondern Strahlung von Sinn.
Nicht alle von uns schätzen solche literaturanalytischen Bemerkungen in der Predigt. Die meisten suchen irgendwann in den Tagen des Alters nur noch Trost, der irgendwie hilft. Wobei Trost dann tatsächlich nur noch das sein wird, was wir auch dann glauben können, wenn und obwohl wir es zugleich selber sehr stark bezweifeln. Ja - das ist Trost! Trost hat mit dem Licht zu tun. Licht ändert alles. Licht lässt die Dinge in einem ganz anderen Glanze erscheinen. Ein Schimmer, der die Dinge sonderbar verwandelt. Licht lässt uns die Dinge neu sehen - und dieses Sehen tröstet, heilt, verwandelt und macht die Dinge anders.
Von solchem Sehen und Gesehen-Werden erzählte die seltsame und unüberbietbare Geschichte aus dem 21. Kapitel des 4. Mosebuches. Dort soll man auf das Bild einer rötlichen Schlange aus Kupfer schauen, wenn man von einer giftigen lebendigen Otter gebissen worden ist. Mose fertigt uns zu diesem Zwecke das Bild einer solchen Schlange an - und richtet das gelungene Kunstwerk mitten im Lager des Volkes an einer Stange auf und - so macht das Bild des Gebissen-Werdens öffentlich mitten im Lichte Halt. Alle die gebissen werden und die Schlange im Lichte sehen, sterben nicht am Biss. Es ist so, als ob der Schaden, der entstanden ist, an und auf das Bild umgelenkt wird. Weggelenkt wird vom sterblichen Leib des Gebissenen auf den eher unsterblichen Geist des Gebissenen. Umlenkung durch Anschauung. Wer traut sich, auf diese Art in das Licht zu blicken? Wer möchte sich vom Licht das Bild dessen, was ihn bedroht, zutragen lassen? Alle die solches tun, könnten dem Unheil widerstehen - sagen die Texte.
Darf man behaupten, dass mit der Christusbotschaft der Kirche Bewegung in die Welt gekommen ist, in der so gerne mit den Mächten der Finsternis paktiert wurde? Ein neuer Film wurde eingelegt - ein Farbfilm sozusagen? Ist die Welt vielfältiger geworden, seit das Christentum missionierend unterwegs gewesen ist? Freilich - viel Schindluder hat man mit der Botschaft Jesu treiben wollen und tatsächlich auch getrieben. Nicht selten haben die Mächte der Finsternis sich ins Fäustchen gelacht über die, die meinten, das Licht gebracht zu haben.
All das muss uns schon bekümmern - aber nicht in erster Linie. Denn „die Sonne schaut auch in die finstersten Aborte und wird dabei nicht schmutzig.” Wer in der Bibel der Kirche und in ihren Texten liest, der blickt mit dem Licht in das Licht. Der findet auch hier und da wirklichen Trost. Darin liegt zugleich freilich auch die Schwierigkeit aller Buchreligionen: Man muss lesen können - und kritisch verstehen wollen. Das Christentum ist insofern ohne ein gewisses Quantum Mut nicht zu denken. Selber zu lesen - und sich im Gelesenen zu erkennen, das ist die Aufgabe. Darum zu bitten, sich vorlesen zu lassen - und sich im Gehörten zu erkennen.
Die Schlange hängt in dieser oder jener Gestalt für alle sichtbar an der Vertikalen - im Licht der Erkenntnis wäre ihr zu begegnen. Amen …
Autor:Matthias Schollmeyer |
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