so wird es sein in diesen tagen
OMA SANDRA
- Oma Sandra - (Bild K.I. generiert)
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Und nun müssen wir uns an die Geschichte von Oma Sandra machen. Sie heißt: Oma Sandra oder der feste Glaube. Dabei wird es sich nicht nur um eine futuristische Dystopie handeln, sondern um die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Weit hinaus in das Jahr 2120 führt der Weg.
Die Kirchen gibt es längst nicht mehr. So geht es los. Und in der Grammatik keine Tempusformen mehr. Einzelne Menschen jedoch haben von ihren Großeltern noch Reste des Glaubens übermittelt bekommen. Dazu gehört auch Sandra, die selber schon Oma ist. Der altmodische Name Sandra rührt daher, dass ihre Mutter Gwendolyn hieß und deren Mutte - also Sandras Großmutter - Nicolé. Eine ferne Verwandte aller dieser Damen aber trug den Name Ilse. Und Ilse war vor Urzeiten Mitglied in einem Gemeindekirchenrat Südthüringens gewesen. Diese Ilse also wusste vom Herrn Jesus und seinem Kreuz. Man durfte in den Jahren, als Oma Ilse lebte, und das führt uns zurück in die 30er Jahre des einundzwanzigsten Jahrhunderts - man erlaube mir, neu anzusetzen - man durfte der Kirche eigentlich nicht angehören. Es gab sie auch fast gar nicht mehr und auch die alte Parteiendemokratie war mit Stumpf und Stil ausgerissen worden aus dem blumigen Beet der Geschichte.
Man weiß nicht mehr ganz genau, wie das alles geschehen war, aber Roboter hatten wohl eines Tages die Macht erringen können. Lanciert von den Angehörigen einer über Nacht auf den Plan getretenen Partei hatten sie die Herrschaft an sich gerissen und übten sich mit eisernem Stabe und harter Hand im Politisieren. Das Christentum war ganz rasch verboten worden, nur noch eine einzige Religion war erlaubt. Auf den Türmen der Stadt, die bis hinauf in unendliche Höhen errichtet worden waren - um daselbst mit Hilfe von Flügeln dem Winde seine Energie abzugewinnen - waren Lautsprecher angebracht, welche bereits früh um fünf Uhr und zum letzten Mal abends um 22 Uhr mit vernehmbarer Stimme die Axiome der Gesellschaft verkünden. Zuhören wird Pflicht sein.
Zurück zu Oma Sandra. Sie besitzt noch ein kleines Heftchen aus alter Zeit, ein Papierbuch, wie es sonst keines mehr zu geben scheint auf dem gesamten Erdkreis nicht. Dieses Papierbuch mit 365 Seiten bestand jede Seite aus senkrechten und waagerechten Zeilen und darin hatte jemand mit Bleistift, hie und da auch mit Kugelschreiber - Angehörigen gegenwärtigen Äons wird im Bezug auf solche Geräte bekannt sein, dass es sie früher in Hülle und Fülle gab ... Wer noch eins für sich beanspruchen kann, der sei glücklich gepriesen. Dort also waren Worte eingezeichnet, eingeschrieben und die leeren Kästchen mit Buchstaben ausgefüllt. Und man konnte draußen als Titel in alter Schrift lesen KREUZWORTRÄTSELSPASS. So stand es verfügt. Und dieses Kreuzworträtselbuch hatte in der Mitte auf Seite 184 ein Kreuz, und das überhaupt war das Geheimzeichen. War der Talisman des ehemaligen Abendlandes. War das uralte Zeichen, das Dämonen bannte, Kranke gesund machte, Verzweifelte fröhlich werden ließ und böse Menschen auf die Knie hinab zwang. Um dieses Kreuz herum waren Worte angeordnet, wie zum Beispiel eins mit vier Buchstaben. Der erste war ein K, der zweite ein R, als dritter folgte ein E, viertens ein U und das fünfte Zeichen war ein Z. Also waren es insgesamt fünf Buchstaben und nicht vier. Fünf Wunden am Körper des Gottes und vier Himmelsrichtungen der alten Zeitrechnung. Fünf Buchstaben, sagte sie sich jedes Mal, obwohl sie es wusste. Fünf. Nicht vier. Fünf Wunden. Vier Himmelsrichtungen - die Windrose. Und eine Mitte. Die Roboter hatten das Wort „Mitte“ abgeschafft. Es gab nur noch Prozesse. Einige Quadrate des Kreuzwortbüchleins waren noch frei und man musste Worte finden - um ihre Rätsel zu vollenden. Und es sind Worte, die es nicht mehr gab, verbotene Christenworte. Auf diese Worte stand großmächtige Strafe und unauslöschliche Pein.
Wenn es Oma Sandra schlecht ging - das war oft der Fall - dann nahm sie ihr Kreuzworträtselbuch her und tat so, als ob sie an den Rand mit unsichtbarer Schrift ihre Wünsche und Hoffnungen aufschriebe und flüsterte dazu unaussprechliche Worte mit ihren trockenen Lippen. Dann tropften Tränen auf das Papier aus den Augen von Oma Sandra. Es war saugfähiges Papier aus uralter Zeit. Und nahm das Papier die Tränen der Oma Sandra vollständig auf - und nichts davon ging verloren in Ewigkeit nicht. Sandra, die Oma, glaubte, dass Gott - wer auch immer das sei - von weithin herüber kraft dieser vier Buchstaben ihr half. G, O, T und noch einmal T - Buchstaben, die der geheime Name beinhaltet. Irgendwie - um ihrer Tränen willen. "Und das", sagte sie, "das ist die wahre Religion". Oma Sandra.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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