VERWANDLUNGEN
Lesen als Sakrament
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Es soll hier von der merkwürdigen und beinahe anstößigen Behauptung die Rede sein, dass Texte dem Menschen helfen können, sein Leben zu bestehen. Nicht irgendwelche Texte, nicht Gebrauchsanweisungen und Verwaltungsprosa, sondern starke Texte, solche von eigentümlicher Dichte und innerer Glut. Vor allem die Evangelien – gleich ob nach Markus, Lukas, Matthäus oder Johannes – daneben Opernlibretti, große Filmdrehbücher, autobiographische Bekenntnisse. Texte also, die nicht informieren, sondern verwandeln.
Freilich liest nicht jeder. Und auch wer liest, tut es nicht immer freiwillig. In der Schule wird das Lesen zur Pflicht, im Wartezimmer zum Zeitvertreib, im Zug zum Mittel gegen Langeweile. Es verliert seinen Charakter als feierliche Handlung. Dabei war das Lesen einmal eine nahezu sakrale Geste – ein Eintritt in einen Raum, der nicht mit den Füßen, sondern mit der Aufmerksamkeit betreten wird.
Die These, die ich wagen möchte, ist kühn: Die Welt, wie sie uns außerhalb des gelesenen oder gehörten Wortes begegnet, ist nicht eigentlich tot, doch sie liegt noch in einer Art Dämmerzustand. Sie ist lethargisch, unerlöst von ihrem eigenen dumpfen Schweigen. „Schläft ein Lied in allen Dingen / die da träumen fort und fort, / und die Welt hebt an zu singen, / triffst du nur das Zauberwort.“ – Man weiß, dass das von Eichendorff stammt, jenem Romantiker, der noch ahnte, dass in der Materie ein Rest von Gesang verborgen liegt. Dieses Lied aber hebt nicht von selbst an. Es bedarf des „Zauberworts“.
Dieses Zauberwort ist kein einzelnes Vokabelchen. Es ist das innere Programm eines Textes, das durch aufmerksames, hingegebenes Lesen in Gang gesetzt wird. Nicht durch gelehrt-literarkritisches Zerpflücken, sondern durch ein Lesen, das sich Zeit nimmt, das wiederholt, das laut wird, weil das Wort gesprochen sein will. In diesem Augenblick geschieht etwas Eigentümliches: Der Text verwandelt sich in ein Ereignis.
Man könnte nun in einer gewissen Geringschätzung sagen, dies spiele sich alles nur „im Kopf“ ab. Aber der Kopf ist kein luftleerer Raum. Die Augen im Kopf sehen, die Ohren am Kopf hören, die Stimme aus dem Kopfe spricht, der Atem trägt das Wort. Das Gelesene wird gehört, das Gehörte wird erinnert, das Erinnerte wird gegenwärtig. Und es entsteht eine Brücke von der Realität zur Meta-Realität, die wir am besten mit dem Wort Geheimnis bezeichnen können – nicht als Ersatz der Welt, sondern als ihre innerste Durchdringung mit dem, was jenseits der Welten, die wir kennen, angesiedelt sein müsste …
Diese Realität beginnt zu schwingen. Sie legt sich wie ein Gewand über das, was wir für die bloße Materialität der Dinge halten. Sie umkleidet sie nicht von außen wie eine Theaterdekoration, sondern durchwirkt sie, bis das fremd Gelesene und das selber Erlebte ununterscheidbar werden. Am Ende ist es so, dass das, was wir gelesen haben, zur inneren Wahrheit unserer eigenen Sache wird, während das bloß Sichtbare daran nur noch ihr äußeres Kleid geblieben zu sein scheint.
Nehmen wir das Gleichnis vom armen Lazarus und vom reichen Mann aus dem Lukasevangelium. Der Reiche lebt in Saus und Braus, täglich, selbstverständlich. Vor seiner Tür liegt Lazarus, wund, hungrig, auf die Brosamen hoffend, die selbst die Hunde vor ihm erreichen. Und eben diese Hunde lecken seine Wunden – ein Bild von trostloser Würdelosigkeit, das man nicht so schnell vergisst.
Wer diese Geschichte nur einmal gehört hat, mag sie als moralische Parabel ablegen, die zu Hilfeleistungen den Armen gegenüber anregen soll. Wer sie aber immer wieder hört – vielleicht am Sonntag in der Kirche, im Zusammenhang der Eucharistie, im Chor der anderen, die sie ebenfalls hören –, der erfährt, dass sie mehr enthält als Sozialkritik. Sie wird zu einer Deutungs-Struktur des Lebens selbst.
Gerät man nun – Gott bewahre – in eine Lage, die der des Lazarus ähnelt, so ist man nicht mehr bloß ein namenloser „Herr X“. Man erinnert sich selbst als Lazarus vor der Tür des Reichen. Das eigene Leid erhält damit eine Form, einen Namen, eine Geschichte. Es wird hineingenommen in eine größere Erzählung. Und indem man sich in dieser Erzählung wiedererkennt, wird das Schicksal tragbar – nicht leicht, aber bedeutungsvoll. Man trägt seine Ketten wie Schmuck, nicht aus Eitelkeit, sondern weil sie nicht mehr bloß die eigenen Ketten sind. Sie gehören zu einer biblischen Gestalt, und indem man sich mit ihr identifiziert, wird man selbst in gewisser Weise biblisch.
Hier geschieht, was Kierkegaard „Gleichzeitigkeit mit Christus“ nannte: Alles, was wir erleben, steht in einer geheimnisvollen Nähe zu Christus. Nicht als billige Mystik, sondern als existentielle Deutung. Christus hat nicht nur einst gelitten – sein Leiden wird im Heute gegenwärtig, und unser Leiden wird in diesem Licht als etwas Größeres verstanden, und ist nicht mehr nur noch Schmerz, Tablette, Krankenhaus und Pflegeheim. In diesem Sinn „sind“ wir selber dann Christus - nicht als Anmaßung , sondern der Teilnahme wegen, die uns die Erinnerung an das Gelesene ermöglicht.
Das Lesen der heiligen Texte rüstet den Menschen aus für das Bestehen des Lebens. Ohne heilige Textgrundlage blieben unsere Erfahrungen zerstreut. Man könnte hundert Jahre leben, vieles sehen, vieles erdulden, vieles genießen – und dennoch keine Erfahrung im eigentlichen Sinne machen. Denn Erfahrung entsteht erst dort, wo das Erlebte in einen Zusammenhang tritt. Ohne Deutung zerfällt alles in Wiederholung, in isolierte Episoden ohne Lehre und ohne Freude.
Darum darf die Verbindung zur Textwelt nicht abbrechen. Man könnte fast sagen, sie gleicht jenem fernen Ideenreich, von dem Platon so oft sprach – freilich nicht als abstraktes Gedankengebäude, sondern als gelebte, erinnerte, einverleibte Zuordnung jedes Dings zu einer ewigen Realität. Und - das ist nun sehr wichtig: Diese Ordnung betrifft nicht nur den Geist, sondern auch den Leib.
Nicht zufällig ist der Gottesdienst selbst ein Heilsdrama. Das Läuten der Glocken, der Weg zur Kirche, das Eintreten in den kühlen, lichtgedämpften Raum, das Einatmen des Weihrauchs, das gemeinsame Stehen, Knien, Sitzen, Schreiten – all dies ist kein Beiwerk. Es ist Verkörperung des Gelesenen. Das Hören der Schrift, die innere Erschütterung durch ihre Konsequenz, der Trost, der daraus zugleich erwächst; der Gesang, in dem die eigene Stimme sich öffnet; schließlich das Essen des Brotes und das Trinken des Weines in dem Bewusstsein, dass hier mehr geschieht als Nahrungsaufnahme – dass hier ein unserer Körperlichkeit Anverwandeltes empfangen wird, das wir Leib und Blut dessen nennen, der die Pforten der Hölle überwunden hat.
Solche Erfahrungen müssen verstetigt werden. Ein einzelnes Ergriffenwerden verwandelt noch nicht. Metamorphose geschieht durch Wiederholung, durch Einübung, durch Geduld. Der natürliche Mensch wird nicht schlagartig zum Träger göttlicher Wahrheit; er wird es durch Treue im Kleinen, durch das immer erneute Lesen, Hören, Mitsingen, Mitvollziehen.
Darum ist es ein Trost, die alten Menschheitserfahrungen zu kennen, die in den heiligen Texten niedergelegt sind. Sie zu lernen, sie zu lieben – und sie auch zu prüfen, zu befragen, zu durchdenken. Kritik zerstört sie nicht; sie vertieft ihr Verständnis. Erst im Durchgang durch die eigene Aneignung gewinnen sie ihre volle Tragweite.
So bleibt am Ende nichts Banales zu sagen, sondern nur dies: Lesen ist keine Nebentätigkeit. Es ist eine Weise zu leben. Wer liest, wird von dem Gelesenen gelesen - und ewig erinnert. Wer sich den starken Texten aussetzt, gewinnt eine innere Form. Und ohne diese Form bliebe die Welt im Halbschlaf.
Autor:Matthias Schollmeyer |

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