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KRASSE GESCHICHTEN (Teil 2)
IN GERASA - Markus 5

Es war eine Gegend, in der Dinge nicht gern benannt werden. Selbst Wind, der vom See herüber wehte, schien sich zu scheuen, eindeutig zu sein. Als wüsste er, daß jedes Geräusch das aufwecken könnte, was besser ruhen sollte. Auch die Hügel schienen dem zuzustimmen. Grau lagen sie da, von einer gleichgültigen Beständigkeit und zwischen ihnen zogen sich alte Grabeshöhlen hin wie vergessene Gedanken.

Dort lebte ein Mann. Der Mann.

Sollte man nicht lieber sagen, dass er hauste? Nein, auch das wäre zu bestimmt gewesen. Er war einfach da. Zwischen den Steinen, zwischen den Gräbern, zwischen den Resten dessen, was einmal Leben gewesen war. Er war da. Die Leute aus der Gegend hatten sich daran gewöhnt, ihn nicht mehr als einen der ihren zu betrachten. Er gehörte weder ganz zu den Lebenden noch ganz zu den Toten. Er war etwas Dazwischenliegendes, und wie so oft im Leben wird gerade das Dazwischen mit der größten Ruhe hingenommen.

Man hatte versucht, ihn zu binden. Mit Ketten. Mit Fesseln. Mit jenem guten Willen, der denkt, die Dinge ordnen zu können. Doch nichts hielt. Die Ketten lagen irgendwann im Staub, als hätten sie sich selbst entschlossen, ihre Aufgabe aufzugeben. Und der Mann blieb.

Nachts schrie er.

Es waren keine Worte, keine Bitten, keine Klagen. Eher ein fortgesetztes Ausweichen vor etwas, das ihn zugleich festhielt. Er schlug sich mit Steinen, nicht aus Wut, sondern fast mit einer gewissen Gewohnheit, als gehöre es zu seinem Zustand, sich selbst zu verletzen, um sicherzugehen, daß er noch da war. Die Zeit verging. Oder auch nicht. In solchen Gegenden verliert die Zeit jeden Eifer.

Eines Tages kam ein Boot.

Es war nichts Besonderes daran. Ein einfaches Boot, wie man es auf diesem See häufig sah. Doch die Art, wie es anlegte, hatte etwas Endgültiges, als sei es nicht zufällig hierher gekommen, sondern genau hierher.

Ein anderer Mann stieg aus.

Er ging nicht hastig. Auch nicht zögernd. Es war ein Gehen, eher ein Schreiten - das keinen Widerstand erwartete.
Als der Besessene ihn sah, geschah etwas Merkwürdiges. Er lief auf ihn zu. Nicht wie jemand, der angreifen will, und auch nicht wie einer, der Hilfe sucht. Es war eher, als würde etwas in ihm gezwungen, sich dorthin zu bewegen, wo es nicht bleiben konnte.

Er fiel nieder.

Der andere – Jesus – sah den Mann an. Nicht lange. Nicht eindringlich. Eher so, wie man etwas betrachtet, das man kennt, ohne es erklären zu müssen.

„Fahre aus, du unreiner Geist.“

Es war kein Befehl im gewöhnlichen Sinne. Mehr eine Feststellung dessen, was jetzt geschieht.

Und da, zum ersten Mal seit langer Zeit, sprach er. Oder vielmehr: es sprach aus ihm. Und es sprach:

„Was haben wir mit dir zu schaffen, Jesus, du Sohn Gottes des Höchsten? Wir beschwören dich, quäle uns nicht.“

Der Ton war eigenartig. Das hatte nichts von der Wildheit der nächtlichen Schreie des Mannes. Er war klar, beinahe nüchtern, als würde hier eine Angelegenheit geregelt, die längst entschieden war.

„Wie heißt du?“

Die Antwort kam sofort. Schäumend brachten sich die wenigen Worte über die Lippen des Besessenen:

„Legion heiß ich; denn unser sind viele.“

Das war ein Wort. Das stand im Raum. Hatte Gewicht. Nicht wegen seiner Bedeutung, sondern weil es offenbar machte, was man sonst nicht sieht. Wie ein Mensch nicht nur einer ist, sondern aus vielem besteht, und daß dieses Viele sich gegen das Eine wenden kann.

Aus einiger Entfernung glotzte eine Herde Schweine herüber. Sie glotzten, wühlten und fraßen. Und glotzten. Gleichgültig. So, wie Tiere es tun, ohne Anteil an dem, was Menschen umtreibt.

Die Geister fingen an zu bitten. Sie baten Jesus. Es war ein merkwürdiges Bitten, frei von Demut, aber auch frei von Widerstand. Eher wie eine letzte Bitte um eine Richtung. Und es wurde ihnen gestattet.

Was dann geschah, ging schnell vor sich. Die Schweine gerieten in Bewegung, zuerst unruhig, dann entschieden, dann unaufhaltsam. Sie liefen den Abhang hinab, als hätten sie plötzlich ein Ziel, das sie zuvor nicht hatten. Sie rannten, sie rasten, sie schossen davon. Und stürzten in den See. Das Wasser schloss sich über ihnen, ohne Kommentar.

Zurück blieb der Mann. Er saß da. Ruhig. Bei sich selbst. Es war kein triumphaler Augenblick. Kein Aufleuchten. Eher eine seltsame Nüchternheit, als hätte man einen Raum gelüftet, der lange verschlossen gewesen war.

Die Leute aus der Gegend kamen vorsichtig heran. Sie sahen ihn – und fürchteten sich. Nicht vor dem, was er gewesen war. Daran hatten sie sich gewöhnt. Sondern vor dem, was er jetzt war. Einer von ihnen. Das war es, was sie nicht ertrugen. Denn etwas war verschwunden, das sie nicht benennen konnten, und gerade deshalb hatte es ihnen Sicherheit gegeben.

Sie baten den anderen Mann, der mit dem Boot nach der Gegend von Gerasa gekommen war, zu gehen. Er ging. Der Geheilte aber stand auf. Er wollte mitgehen. Es war kein leidenschaftlicher Wunsch. Eher eine stille Einsicht: daß man, wenn man einmal herausgeführt wurde, nicht gern zurückbleibt. Doch es wurde ihm nicht erlaubt. „Geh hin in dein Haus und verkündige, wie viel dir Gott getan hat.“ Also blieb er.

Und man kann sich vorstellen, daß die Tage danach nicht leichter waren als die Nächte zuvor. Nur anders. Denn nun war er einer. Nicht mehr viele. Und das ist eine größere Aufgabe, als man gewöhnlich annimmt.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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