Spannung
Erich Przywara
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Erich Przywara (1889–1972) gehört zu den eigenwilligsten katholischen Denkern des 20. Jahrhunderts. Der Jesuit, geboren im schlesischen Kattowitz, trat früh in den Orden ein und wurde zu einem der einflussreichsten theologischen Vermittler zwischen Philosophie und Mystik. Seine Vorträge und Schriften wirkten weit über die katholische Welt hinaus. Denker wie Karl Barth oder Hans Urs von Balthasar nahmen an seinem Denken Maß – manchmal zustimmend, manchmal in entschiedener Gegenwehr.
Przywaras zentraler Gedanke lässt sich mit einem einzigen Ausdruck umschreiben: Spannung.
Der Mensch steht vor Gott nicht in behäbiger Ruhe herum, sondern befindet sich in einer lebendigen, oft schmerzhaften Polarität. Przywara hat diese Struktur mit seinem berühmten Begriff der analogia entis beschrieben – der „Analogie des Seins“. Zwischen Gott und Welt besteht weder Gleichheit noch bloße Fremdheit. Vielmehr liegt dazwischen eine schwingende Beziehung: Ähnlichkeit im Unähnlichen. Der Mensch ist Gott verwandt, ohne je mit ihm identisch zu werden.
Darum wird das Geheimnis Gottes auch nicht im eigentlichen Sinn verstanden. Es wird erfahren.
Przywara sprach in diesem Zusammenhang von einer Linie, die er – für uns heute etwas irritierend – die „Todeslinie“ nannte. Gemeint ist die Grenze, an der menschliche Begriffe an ihr Ende gelangen. Wer dort steht, kann Gott nicht mehr erklären. Aber gerade dort beginnt eine andere Form des Wissens: das existenzielle Wissen der Begegnung.
Ein Bild erkläre diesen Gedanken. Eine Saite auf einer Gambe erklingt nur dann, wenn sie gespannt ist.
Ist sie zu locker, bleibt sie stumm. Ist sie zu straff, reißt sie. Erst die rechte Spannung bringt den Ton hervor. In der alten reinen pythagoreischen Art gestimmt, entsteht aus mehreren solcher Saiten ein ganzer Raum von Klang, der sich gegenseitig resonierend verstärkt. So, meinte Przywara, verhält es sich mit dem menschlichen Leben. Der Mensch lebt zwischen Polen: Freiheit und Gehorsam, Nähe und Distanz, Wissen und Geheimnis. Wird diese Spannung verdrängt, verstummt etwas Wesentliches im Dasein.
Der Philosoph Peter Sloterdijk wollte einen ähnlichen Sachverhalt später in anderer Sprache beschrieben haben. Er spricht von Vertikalspannung: Der Mensch lebt zwischen Erde und Höhe, zwischen Alltag und Transzendenz. Ohne diese Spannung sinkt er in eine flache Existenz.
Hier liegt auch eine der Schwierigkeiten der Gegenwart. Eine Kirche, die diese ihre eigene Spannung verlöre, begänne innerlich zu zerfallen. Sie würde dann organisatorisch beschäftigt sein, moralisch belehrend werden oder kulturell dekorativ – aber kaum noch anziehend. Attraktiv wird sie erst dort, wo sie wieder das wagt, was Przywara meinte: das Uneindeutige.
Uneindeutigkeit nicht als Ausdruck von Unentschlossenheit, sondern als Treue zur Vielschichtigkeit der Wirklichkeit.
Denn die Wirklichkeit ist größer als alle Formeln. Sie steht Gott gegenüber – oder, radikaler und zugleich paradox gesagt: sie gehört ihm an, ohne Gott zu sein. Wenn nämlich Gott das Ganze ist, dann lebt der Mensch immer schon innerhalb dieses Geheimnisses. Und die Aufgabe besteht nicht darin, das Mysterium aufzulösen, sondern darin, in seiner Spannung zu leben. Wie eine Saite, die gerade genug gespannt ist, um zu klingen.
Autor:Matthias Schollmeyer |

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