SERENADE AN DIE MUSIK (V. Williams)
der Sternenhimmel

Es gibt Augenblicke im Leben, in denen zwei Welten einander zu bekämpfen scheinen, aber sich in Wirklichkeit deshalb begegnen, um sich gegenseitig zu vollenden. Die sogenannte nächtliche Szene aus Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ gehört zu diesen seltenen Augenblicken. Lorenzo blickt hinauf zum Sternenhimmel und spricht von jener Musik, die jede einzelne Sphäre in ihrer Bahn erklingen lässt. Nicht die kleinste der leuchtenden Welten, sagt er, bewege sich, ohne den Chor der Engel zu bereichern. Der Mensch aber hört diese Harmonie nicht mehr, weil seine Seele in dem „schweren Gewand der Vergänglichkeit“ lebt:

Wie sanft der Mondschein schläft auf diesem Hügel!
Hier wollen wir uns setzen und die Töne
Der Harmonie in unsre Ohren lassen.
Sanfte Stille und die Nacht
Sind der süßen Eintracht Freund. –
Setzt euch, Jessica!
Sieh, wie der Himmel
Mit Scheiben lichten Goldes dicht besät!
Nicht die kleinste, die du siehst,
Bewegt sich, ohne wie ein Engel zu singen
Im Chor der hellgeaugten Cherubim.
Solche Harmonie wohnt in den unsterblichen Seelen.
Doch solange dieses irdene Kleid aus Staub
Uns grob umhüllt, vermögen wir sie nicht zu hören

Der Mensch, der keine Musik in sich selbst hat,
Den süßer Töne Eintracht nicht bewegt,
Taugt zu Verrat, zu List und Raub.
Trau einem solchen nicht.
Merk auf die Musik!

Man könnte versucht sein, hierin lediglich einen schönen poetischen Traum zu sehen, eine letzte Erinnerung an die antike Welt, die an den beseelten Kosmos glaubte. Das Christentum hat diese Ahnung nicht zerstört. Es hat sie sozusagen getauft.

Die Kirche hat niemals gelehrt, dass die Sterne bedeutungslos seien. Sie hat vielmehr gelehrt, dass sie Geschöpfe sind. Eben darin liegt ihre Würde. Was Geschöpf ist, verweist auf einen Schöpfer. Der Himmel verliert seinen Zauber nicht dadurch, dass er nicht Gott ist; vielmehr gewinnt er seine eigentliche Schönheit dadurch, dass er Gottes Werk ist. Die Psalmen sprechen dieselbe Sprache wie Shakespeare, wenn sie verkünden, „dass die Himmel die Ehre Gottes erzählen und die Feste seiner Hände Werk verkündigt.“ Nicht die Sterne erlösen den Menschen. Aber sie erzählen von dem, der Himmel und Erde geschaffen hat – und erlösen kann.

So erklärt sich auch, weshalb die alte Sternenkunde nicht einfach aus dem Gedächtnis der Kirche gelöscht wurde. Gewiss hat die Ecclesia alle jene Formen der Astrologie brüsk zurückgewiesen, die den Menschen zum willenlosen Spielball eines kosmischen Mechanismus machten. Der Mensch ist frei. Er ist Ebenbild Gottes und deshalb niemals das Produkt einer mechanischen Planetenkonstellation.

Aber etwas anderes geschah zugleich. Die ehrfürchtige Betrachtung des Himmels, das Wissen um die Ordnung der Gestirne, die Überzeugung, dass der Kosmos eine Sprache besitzt – all dies wurde nicht vernichtet, sondern in den größeren Horizont des Glaubens aufgenommen.

Besonders orientalische Kirchen haben diese kosmische Frömmigkeit bis heute in einer Weise bewahrt, welche den Christen des Westens manchmal fremd geworden ist. Ihre Liturgien kennen den Himmel nicht als bloße Kulisse, sondern als Mitfeiernde und wirkliche Wesenheit. Sonne und Mond, Sterne, Wasser und Feuer treten gleichsam in den Lobgesang der Schöpfung ein. Der Mensch steht nicht isoliert vor Gott, sondern inmitten eines Universums, das selbst Gottesdienst feiert – und ist. Auch die römische Kirche hat diesen Gedanken niemals aufgegeben. Das Osterlob besingt die Nacht, die Sterne, das Licht der Kerze und den Lauf der Zeiten. Weihnachten wird nicht zufällig mit dem Stern von Bethlehem verbunden. Die Weisen aus dem Morgenland finden den König gerade deshalb, weil sie den Himmel zu lesen verstanden. Ihre Wissenschaft wird nicht verworfen; sie wird an ihr Ziel geführt.

Vielleicht liegt hierin eine der schönsten Taufen von Teilen des alten und (damals noch) gebildeten Heidentums. Nicht indem das Frühere ausgelöscht wurde, sondern indem es seinen eigentlichen Sinn fand. Die antike Vorstellung einer Weltenharmonie ward nicht widerlegt, sondern gereinigt. Die Musik der Sphären ist der Lobgesang der Schöpfung. Die Mächte des Schicksals wurden als Geschöpfe des einen Gottes verstanden. Aus der Furcht vor den Sternen wird das Staunen über ihre Ordnung, die am vierten Schöpfungstag in Kraft gesetzt wurde.

So wird gerade der Christ in einer klaren Sommernacht den Blick zum Firmament erheben, ohne sich zwischen Wissenschaft und Frömmigkeit entscheiden zu wollen. Er will dabei die Sternbilder betrachten, ihre uralten Namen sprechen, ihre Wanderungen verfolgen und sich zugleich im Glaubensbekenntnis der Alten Kirche beheimatet wissen. Denn Wahrheit widerspricht sich nie – sie ergänzt sich komplementär. Wo Gott der Schöpfer des Kosmos ist, dort kann jede wahre Erkenntnis der Schöpfung zu einem Schritt auf ihn zu bedeuten.

Vielleicht ist das der tiefste Sinn jener Shakespeare-Worte, die Vaughan Williams in Musik verwandelt hat. Die eigentliche Harmonie des Himmels ist nicht verstummt. Verstummt ist nur unser Gehör. Die Sterne singen noch immer. Sie besingen nicht sich selbst, sondern den, dessen schöpferisches Wort sie einst aus dem Nichts gerufen hat, wie die Kirche es lehren zu dürfen behauptet. Der Glaube nimmt dabei dem Himmel nichts von seiner geheimnisvollen Tiefe; er eröffnet ernst den letzten Horizont seines Leuchtens. Und so wird jede sternenhelle Mondnacht zu einer stillen Liturgie, in der der Mensch ahnt, dass über ihm nicht bloß unermessliche Räume liegen, sondern eine Ordnung, deren Schönheit älter ist als alle Religionen und deren Ursprung tiefer reicht als alle Philosophie. Wer den Himmel so betrachtet, verfällt weder dumpfem Aberglauben noch dummem Rationalismus. Er lernt vielmehr jene demütige Weisheit, die in den Sternen Götter erkennt, die dem einen Gott dienen sollen und dienen dürfen, als leuchtende Buchstaben seiner Schöpfung, die seit Anbeginn den Namen ihres Schöpfers verherrlicht.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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