Du, du ...
... gehst an mir vorbei
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Es war eine dieser Dorfkirchen, die schon lange verschlossen sind. Nicht böswillig verschlossen, nicht feindselig – eher wie ein altes Haus, dessen Bewohner ausgezogen sind und das nun auf nichts mehr wartet. Höchstens darauf, dass jemand sich erinnert, wozu es einmal da gewesen ist.
Die Frau, die dort vorbeikam, hieß Johanna Katharina. Sie war eine von jenen Menschen, die man früher als empfindsam bezeichnet hätte und später als medial. In ihrer Jugend hatte sie Wünschelruten geführt und wusste, wie sich verborgene Wasseradern unter der Erde melden – ein leises Ziehen, ein kaum wahrnehmbares Zittern im Holz. Als sie an der Kirche vorbeiging, blieb sie stehen. An der Tür hing noch ein verwittertes Plakat mit Gottesdienstterminen. Sonntag Rogate. Pfingsten. Erntedank. Die Daten waren längst vergangen. Der Wind hatte die Ecken gelöst, so dass das Papier leicht hin und her schlug wie die Flügel eines müden Schmetterlings.
Aber Johanna Katharina hatte plötzlich den Eindruck, dass von dem Gebäude etwas ausging – kein Geräusch im gewöhnlichen Sinn, eher ein Summen, ein kaum wahrnehmbares Vibrieren, so wie ein Stein summt, wenn irgendwo tief unter ihm Wasser fließt.
Sie ging um die Kirche herum bis zur Apsis im Osten. Dort legte sie die Hand an das alte Mauerwerk. Der Stein war kühl. Und während sie dort so stand, fiel ihr ein Lied ein. „Du, du gehst an mir vorbei …” Sie musste nicht lange überlegen, warum ihr gerade dieses Lied einfiel. Denn plötzlich kam es ihr vor, als ob nicht sie das Lied erinnerte, sondern als ob die Kirche selbst es sang. Nicht laut. Nicht klagend. Eher mit jener trockenen, beinahe gleichgültigen Traurigkeit, mit der Hildegard Knef es einmal gesungen hatte. Die Kirche sang nicht von einer Liebe zwischen zwei Menschen. Sie sang von den Menschen selbst:
Weißt du noch, sang sie. Weißt du noch, als du klein warst. Als du als Säugling hierhergetragen wurdest, fest eingewickelt, und das Wasser aus der Taufschale über deine Stirn rann und kleine Wellen schlug, so dass die Blümchen darin leise schwankten. Und wie das Licht aus dem Fenster fiel und sich im Wasser spiegelte. Und wie der Staub in dem Sonnenstrahl tanzte. Du hast damals noch nichts verstanden. Aber wir haben dich gesehen.
Erinnerst du dich noch, als du konfirmiert wurdest. Wie du vor dem Altar knietest und diesen Spruch bekamst: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Du hast damals geglaubt, dass dieser Satz ein Leben lang tragen könne. Du hast ihn sogar einmal auswendig gewusst. Und jetzt gehst du an mir vorbei.
Weißt du noch, als du deine Eltern begraben musstest. Nach diesem schrecklichen Unfall. Das ganze Dorf war hier. Alle standen dicht gedrängt. Manche hatten schwarze Mäntel, andere nur ihre Arbeitsjacken, weil niemand Zeit gehabt hatte, etwas Feierlicheres anzuziehen. Und meine alten spätgotischen Figuren aus Lindenholz sahen auf dich hinab – diese stillen Gesichter, die schon so viel gesehen haben. Die Küsterin legte dir die Hand auf die Schulter. Sie ist inzwischen auch gestorben. Aber damals war sie da.
Aber nun - du. Du gehst an mir vorbei.
Und später. Als du wieder vor dem Altar standest und deinem Mann das Ja-Wort gabst. Und später, viel später, als du ihn betrogen hast. Glaubst du wirklich, das hätte ich nicht gesehen. Ich habe es gesehen. Und ich habe es auch verstanden. Denn der Mensch ist ein Wesen, das Dinge tut, von denen es früher geglaubt hat, sie niemals tun zu müssen. Es ist nichts Außergewöhnliches. Wir haben dir vergeben.
Nun gehst du an mir vorbei. Einfach so. Und dann kam der Krieg. Die Menschen knieten hier und flehten. Die Glocken läuteten. Und eines Tages kamen Männer und nahmen die Glocken mit, weil sie eingeschmolzen werden mussten. Dann war es still.
Still gehst du jetzt an mir vorbei. Du gehst an mir vorbei, als hätte es das alles nicht gegeben. Und als du selbst starbst. Da hat man dich nicht mehr hierhergetragen. Keine Orgel. Kein Lied. Kein Segen. Man hat dich draußen auf dem Friedhof begraben. Schnell, als ob man eine Arbeit erledigen müsste. Du gingst schon lange an mir vorbei.
Du, du gehst an mir vorbei … Die Kirche sang ihr Lied weiter, ohne Bitterkeit. Wie Hildegard Knef - halb gesungen, halb gesprochen, wie alte Gebäude sprechen, wenn sie sprechen: langsam, trocken, ohne Vorwurf. Johanna Katharina stand noch immer mit der Hand an der Mauer. Ihr wurde plötzlich seltsam zumute. Sie nahm sich vor, sobald sie nach Hause käme, alles aufzuschreiben – diesen nüchternen Klageruf eines alten Gotteshauses.
Doch noch während sie diesen Gedanken fasste, kam ihr eine andere Frage. Eine Frage, die sie nicht mehr losließ. Wo ist eigentlich ein Zuhause, wenn man an der Kirche vorübergeht, an dem Haus, in dem Gott einmal wohnen musste, als ob alles vorbei wäre.
Autor:Matthias Schollmeyer |

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