Anschauliche Beispiele der Gnade Gottes

Heilige sind Vorbilder und ein Zeichen von Gottes Gegenwart, aber kein Heiliger kann dem Menschen das Heil schenken.
Von Corinna Dahlgrün

Katholische Christen beten zu Heiligen und rufen sie um Hilfe an, evangelische nicht – ein Unterscheidungsmerkmal, das den Evangelischen seit der Reformation wichtig ist. Doch auch bei uns gibt es zwei Sichtweisen.
Die Reformierten betonen die Differenz zwischen Gott und Mensch: Am Menschen ist nichts »heilig«. Heiligenverehrung ist eine Vergötterung der Kreatur und hat zu unterbleiben (Calvin, Heidelberger Katechismus).
Lutherisch wird zwischen sinnvollem Gedenken an die Heiligen und nicht erlaubter Anrufung unterschieden. Das Gedenken ist nützlich: Es stärkt Glauben und Gottvertrauen, denn es erinnert an die Gnade, die Gott schenkt. Und: Heilige sind Vorbilder in Liebe, Geduld und guten Werken. Doch zu ihnen zu beten entspricht nicht der Bibel. Christus allein ist unser Fürsprecher vor Gott.
Kennt die Bibel Heilige? Für das Neue Testament sind alle getauften Christen heilig, die »Gemeinschaft der Heiligen«. Sie bemühen sich um Heiligung, ohne damit Heilige zu werden. Das heißt: Sie versuchen durch ihr Leben Gott immer näher zu kommen. Damit danken sie Gott für das Geschenk der Gnade, für die Rechtfertigung.
Wer Gott besonders nahe kam, wurde innerhalb der Gemeinde der Heiligen als »Heiliger« bezeichnet. Und aus Kolosserbrief 1,24 wurde dann gefolgert, dass er bei Gott für die Gemeinde eintreten konnte.
Näher am Ohr Gottes? Also schien die Fürbitte der Heiligen besonders wirkungsvoll. Seit dem Mittelalter, in dem der richtende Gott sehr fern schien und viel zu groß, als dass sich ein kleiner Mensch an ihn wenden durfte, wandte man sich lieber an die Heiligen. Von ihnen erhoffte man – weil sie Menschen waren – Verständnis. Und sie waren, so der Volksglaube, auf bestimmte Bereiche spezialisiert, und darum schneller oder effektiver in ihrer Hilfe.
Besser, man wandte sich im Gewitter an die Heilige Barbara, die dafür zuständig war, dass der Blitz nicht ins Haus einschlug, statt an Gott, der das Gewitter ja geschickt hatte, um die Menschen für ihre Sünden zu strafen, sie zu erziehen oder zu prüfen. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Auch die katholische Kirche betont die Einzigartigkeit und Einmaligkeit der Mittlerschaft Christi – kein Heiliger kann dem Menschen das Heil schenken. Heiligenverehrung gilt zwar als legitim und wichtig, ist aber weder Pflicht noch heilsnotwendig.
Evangelische Heilige? Einzelne Heilige der römisch-katholischen Tradition werden evangelisch wiederentdeckt. Dies gilt in besonderem Maße für solche, die den Armen und der Schöpfung nahe waren, wie Franz von Assisi oder Elisabeth von Thüringen. Ebenfalls beliebt sind obrigkeitskritische Heilige wie Katharina von Alexandrien. Andere kommen hinzu: Vertreter eines gewaltfreien Widerstands (Dietrich
Bonhoeffer, Martin Luther King, Mahatma Gandhi) und Menschen, deren Handeln besonders durch Liebe geprägt war (Mutter Teresa).
Meist dienen diese Heiligen als Vorbilder. So stellte Bischof Wolfgang Huber zu Beginn des Bonhoeffer-Jahres 2006 fest, dass Bonhoeffer »ein evangelischer Heiliger« sei, an den wir uns erinnern sollten, weil er mutig und unter Aufopferung seines Lebens für die Ideale Jesu eingestanden sei. Hier droht eine Gefahr: das unrealistische Bild einer Vollkommenheit, das dem konkreten Heiligen nicht gerecht wird und ihm seine Menschlichkeit raubt. Wenn dann noch jeder Satz – etwa Luthers – als heilig gelten soll, wird es schwierig. Eine andere Gefahr ist unsere Überforderung durch ein Ideal, dem kein Mensch gerecht werden kann.
Die evangelische Wiederentdeckung der Heiligen ist gut und nützlich, denn Heilige sind anschauliche Beispiele der Gnade Gottes und machen sichtbar, dass Gottes Heil konkret ist. So stärken sie den Glauben – und den Mut, denn sie gehorchen Gott mehr als den Menschen und widerstehen dem Zeitgeist.
Dreierlei bleibt zu beachten: Es geht nicht um die Person des Heiligen, es
ist immer Christus, der in ihnen begegnet.
Heilige sind Geschenke Gottes für die Gemeinschaft, sie erinnern so gerade uns Evangelische daran, dass wir die Gemeinschaft brauchen.
Heilige sind Zeichen für die Gegenwart Gottes und für das Heil, das er allen schenken will.

Dr. Corinna Dahlgrün ist Professorin für Praktische Theologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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