»Ich habe hier meine Familie gefunden«

Mit Kopftuch im Kindergarten: Die Syrerin Sahir Safaya betreut seit September Kinder in der Kita »Marie-Hauptmann-Stiftung« des Halberstädter Cecilienstifts.
  • Mit Kopftuch im Kindergarten: Die Syrerin Sahir Safaya betreut seit September Kinder in der Kita »Marie-Hauptmann-Stiftung« des Halberstädter Cecilienstifts.
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Integration: Sahir Safaya stammt aus Syrien und ist Muslima. Sie leistet Freiwilligen-
dienst in einem christlichen Kindergarten in Halberstadt.

Von Dana Toschner

Im Treppenhaus der Kita »Marie-Hauptmann-Stiftung« des Halberstädter Cecilienstifts kraxeln ein paar Knirpse in Gummihosen die Treppe herunter. Sie wollen auf den Spielplatz hinterm Haus. Dass heute eine Frau mit Kopftuch auf sie aufpasst, scheint sie nicht zu verwundern. Sie kennen Sahir Safaya schon seit einigen Wochen – und haben sich an das Kopftuch gewöhnt. »Natürlich waren sie am Anfang neugierig, haben gefragt, warum ich das trage und welche Farbe meine Haare haben«, erzählt die 34-jährige Syrerin. »Ich habe ihnen gesagt, dass mir das Kopftuch gefällt, und dann habe ich es kurz abgemacht und ihnen meine Haare gezeigt.« Seither war das Kopftuch kein Thema mehr.
Wie reagieren Eltern und Großeltern? »Es läuft erstaunlich unkompliziert«, sagt Nicole Tägtmeyer, die die Einrichtung vertretungsweise leitet. Absichtlich habe man die Eltern und die Kinder nicht extra darauf vorbereitet, dass eine muslimische Frau Anfang September im Kindergarten ihren Bundesfreiwilligendienst beginnt. »Wir waren uns im Team einig. Wir gehen mit Frau Safaya so um, wie mit jedem anderen Freiwilligendienstler oder Praktikanten auch. Bei uns ist jeder herzlich willkommen«, sagt Nicole Tägtmeyer.

Offenes Klima und Neugier

Dieses offene Klima in der Einrichtung gefällt Karsten Matthies. Er ist beim Cecilienstift unter anderem für die Freiwilligendienste zuständig. Als auf seinem Tisch die Bewerbung von Sahir Safaya landete, war er gleichermaßen überrascht wie neugierig. »Ich wusste, dass Flüchtlinge auch Bundesfreiwilligendienst ableisten können, aber bislang haben die sozialen Träger in unserer Region kaum Erfahrung damit«, sagt er. Dass Sahir Safaya an Allah glaubt und nicht an unseren Gott, den Gott des Christentums, bereitet ihm keine Bauchschmerzen. Auch Holger Thiele, Vorstand und Verwaltungsdirektor des Diakonissen-Mutterhauses Cecilienstift sieht im anderen Glauben kein Problem. »Als diakonische Einrichtung sind wir grundsätzlich offen für Mitarbeiter unterschiedlicher Religionen. Aber es liegt uns natürlich am Herzen, dass sie sich mit dem christlichen Leitbild der Stiftung auseinandersetzen, denn es ist eine wichtige Handlungsgrundlage für unsere Arbeit.«
Die Syrerin wurde mit offenen Armen empfangen, als sie zum Probearbeiten in den Kindergarten kam. »Wir fanden sie auf Anhieb sympathisch«, sagt Nicole Tägtmeyer. Sahir Safaya lächelt bescheiden, sagt leise »Danke«. Sie fühlt sich wohl und kann gut mit den Kleinen umgehen – schließlich hat sie selbst vier Kinder; einen Sohn und drei Töchter.
Während es in Syrien üblich ist, dass der Mann zur Arbeit geht, während sich die Frau um Kinder und Haushalt kümmert, sieht sie, dass in den meisten deutschen Familien auch die Frauen arbeiten. »Das ist für mich eine neue Situation, aber ich finde es richtig gut. Es gefällt mir, hier zu arbeiten«, sagt sie.
Ein besonderer Moment war ihr erster Arbeitstag. »Zu dieser Zeit feiert man im Islam eigentlich das viertägige Opferfest, eines unserer wichtigsten Feste. Hier in Deutschland war es nun für uns ein ganz normaler Tag. Am Abend waren aber alle zufrieden und glücklich.« Zu sehen, wie sich ihre Kinder einleben, ist ein gutes Gefühl.

Diakonie half bei der Wohnungssuche

Der Start in Deutschland, im Frühjahr 2015, war nicht einfach. »Ich wollte meine Heimat nie verlassen«, sagt Sahir Safaya. »Aber ich musste das tun, die Kinder hatten immer Angst.« Die Familie hatte wegen des Kriegs viel verloren. Das Geschäft ihres Mannes – er war selbstständig und hatte einen Stoffladen – war ausgebrannt, und ihre Wohnung war unbewohnbar. Neun Monate lang war die Familie bei Bekannten untergekommen. Der Bruder der jungen Syrerin arbeitete damals als Arzt in Wernigerode und setzte alle Hebel in Bewegung, um seine Schwester samt Familie nach Deutschland zu holen. »Wir bekamen eine Ausnahmegenehmigung«, sagt Sahir Safaya. Anfang März 2015 sind sie nach Halberstadt gekommen. »Die Diakonie hat uns geholfen, eine Wohnung zu finden.« Die ersten drei Monate waren extrem schwierig. Die Safayas fühlten sich fremd und allein. Die Kinder verstanden in der Schule nicht, worüber die anderen sprachen, sie konnten sich nicht verständigen. »Ich habe viel geweint, war unglücklich und habe überlegt, nach Syrien zurückzugehen. Trotz des Krieges.« Doch die schlimmen Bilder, die sie aus ihrer Heimat im Kopf hatten, hielten sie davon ab. »Unser Sohn, er war damals erst drei Jahre alt, hatte vom Balkon aus mit angesehen, wie eine Bombe auf das Schulgebäude in der Nachbarschaft fiel. Kinder lagen auf dem Hof, überall war Blut, die Rettungswagen kamen, aber zwei Mädchen sind gestorben. Noch heute sagt unser Sohn, er möchte nie nach Syrien zurück.«
Inzwischen hat sich die Familie eingelebt, sie hat Kontakte geknüpft, zu anderen Muslimen und zu Deutschen. Sahir Safaya hat Sprach- und Integrationskurse absolviert. Ihrem Mann fällt das Sprachenlernen schwerer, aber er möchte arbeiten. Sahir Safaya ist glücklich über die Chance des Bundesfreiwilligendiensts. »Wenn mich meine Cousinen und Tanten fragen, warum ich bei einem christlichen Arbeitgeber arbeite, dann sage ich ihnen: Ich habe hier meine Familie gefunden. Die anderen Mitarbeiterinnen sind wie Schwestern für mich. Ich fühle mich hier wohl.«

Autor:

EKM Nord aus Magdeburg

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