»Wir sind sichtbar geworden«

Jürgen Reifarth vor dem Lutherdenkmal an der Erfurter Kaufmannskirche
  • Jürgen Reifarth vor dem Lutherdenkmal an der Erfurter Kaufmannskirche
  • Foto: Diana Steinbauer
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»Kirche in der Krise oder Wir reformieren gerade« lautet der Titel eines Vortrages bei der Tagung »Reformation: Zurück in die Zukunft« am 27. Januar in Erfurt. Diana Steinbauer sprach darüber mit Pfarrer Jürgen Reifarth, Beauftragter des Kirchenkreises Erfurt für das Reformationsjubiläum.

Herr Reifarth, das klingt ein wenig nach einem alten Gebäude, das sich zum Stadtgeburtstag fein macht, in dem aber keiner mehr leben will.
Reifarth:
Die Kirche ist eine immer zu reformierende und wenn in einem Haus keiner mehr leben will, dann muss renoviert werden oder wir schauen uns nach neuen Wohnungen für unsere Seelen um, die Geist und Herz gemäßer sind.

Was hat das Jahr 2017 für die Kirche gebracht?
Reifarth:
Eine Außensicht ist: Kirche hat gesellschaftlich etwas zu sagen und wird auch gehört. Binnenkirchlich erlebe ich äußerst unterschiedliche Einschätzungen. Manche haben mehr als ein Kreuz geschlagen, als 2017 und die Dekade vorbei war, und atmen auf. Viele, gerade die bei den Kirchentagen auf dem Wege Beteiligten, haben kleine, aber feine Veranstaltungen erlebt, mit wesentlichen Gesprächen, oder auch große, gelungene Feiern in der Öffentlichkeit, mit Musik, internationalen Gästen und toller Stimmung. Was davon in die Zukunft weist, das wollen wir am 27. Januar benennen.
Die regionalen Medien haben sehr intensiv über das Jubiläum berichtet, die Touristiker sind sehr zufrieden; beide haben auf ihre Art »Verkündigung« betrieben, nämlich mit Personen, Orten und Themen bekannt gemacht. Und sehr wichtig: Das Jahr war eine ökumenische Veranstaltung – auch das ist ein gutes Signal in Kirche und Gesellschaft.

Eine gemeinsame Botschaft aller Veranstaltungen und Kirchentage ist vielen scheinbar aber verborgen geblieben. Wie schätzen Sie das ein?
Reifarth:
Zuerst: Wir sind sichtbar geworden – draußen und mit dem, was wir sind und können. Aber wir vermochten es nicht, die vielstimmigen Botschaften unter einer Vision zu versammeln. Das empfinde ich als schmerzliche Fehlstelle. Reformatorische Themen und Impulse gab es genügend. Man könnte zwar sagen: Vielstimmig ist evangelisch. Aber die säkularisierte Gesellschaft differenziert hier nicht. Sie fragt: Was hat die Kirche dazu zu sagen? Wir sind bei den Feierlichkeiten teilweise der Versuchung erlegen, Events, Orte und Teilnehmerzahlen schon für die Botschaft zu halten.

Der Theologe Paul M. Zulehner spricht von einer tiefen Überlebenskrise, in die die Kirchen in Europa geraten seien. Sehen Sie das ebenso und welche Überlebensstrategien müssten entwickelt werden?
Reifarth:
Sicherung und Traditionswahrung nehmen sehr viel Energie in Anspruch. Wir brauchen Kraft für die Wege, dir vor uns liegen. Und dafür sehe ich im Osten Kompetenzen, denn wir haben ja große Umbrüche gestaltet. Manche der heutigen Fragen sind schon zu DDR-Zeiten gestellt worden und haben für damals gültige Antworten gefunden. Paul Zulehner ist jemand, der in Visionen denkt. Das gefällt mir.

Welche Impulse für die Zukunft müssen aus 2017 unbedingt mitgenommen werden?
Reifarth:
Es ist dran, vor die Kirchentüren zu gehen, über die Schwelle, und dort nicht nur zu predigen, sondern zuzuhören und ins Gespräch zu gehen. Dass, was aus unserm Auftrag in der Gesellschaft zu tun nötig ist, das fällt uns dann in den Schoß.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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