Christian Bormann
Er nimmt seinen Hut

Der Herrnhuter Stern vor der einstigen Reichsbahndirektion am Erfurter Bahnhof ist nur ein Zeichen, das Christian Bormann nach seiner Pensionierung hinterlässt.
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Engel von der Bahn: 30 Jahre lang setzte sich Christian Bormann im Betriebsrat für seine Mitarbeiter ein. Nun geht der bekennende Christ in den Ruhestand.

Von Paul-Philipp Braun

Seinen Zylinder setzt Christian Bormann eigentlich nur an Feiertagen auf. Ob dieser 30. November aber wirklich ein Feiertag ist, ist er sich nicht so sicher. Ein Blick in sein Büro lässt eher auf das Gegenteil schließen: dort sind die Fenster verhangen, auf dem Schreibtisch liegen schwarze Decken; weiße Kerzen, aufgestellte Bilder und eine bereitgelegte Spielzeugpistole muten eher wie ein trauriger Abschied an.

30 Jahre im Betriebsrat

"Ich habe mich heute morgen hier reingeschlichen und alles so vorbereitet, damit die Kollegen auch sehen, dass das Ende wirklich naht", sagt Christian Bormann und kann sich – bei aller Trauer – ein herzliches Lachen über dieses kleine Schauspiel nicht verkneifen, denn seinen Humor behält er. Ein Abschied ist es für ihn aber allemal. 49 Jahre lang stand er im Dienst der Eisenbahn. Erst bei der Deutschen Reichsbahn, nach deren Reform bei der Infrastruktur-Tochter der Deutschen Bahn, der DB Netze. Fast 30 Jahre war er hauptberuflich Vorsitzender des für Thüringen zuständigen Betriebsrats. Rund 900 Mitarbeiter vertrat er, unter anderem in Konzernrunden mit dem damaligen Bahnchef Hartmut Mehdorn. Dass die Arbeitnehmervertretung zwar nicht immer leise, aber in der ganzen Zeit ohne eine gerichtliche Auseinandersetzung ablief, darauf ist er an diesem letzten Tag besonders stolz.

Umzug mit der Eisenbahn

"Angefangen habe ich als Schienenfahrzeugschlosserlehrling, und mit der Zeit kamen immer mehr Aufgaben dazu", erinnert Christian Bormann sich an seine ersten Jahre. Dann erzählt er vom Wegzug aus Görlitz, dem Weg nach Weimar. Seine Frau Jutta hatte damals eine Stelle an der Technischen Universität in Ilmenau bekommen, der Umzug nach Thüringen stand bevor, und wie es sich für einen Bahner zu gehören scheint, fand dieser komplett mit dem Zug statt: "Wir haben alles am Bahnhof in Görlitz in einen Gepäckwagen geladen und es in Weimar dann in unsere Wohnung gegenüber dem Bahnhof gebracht." 40 Jahre ist das nun her, und Thüringen ist für ihn längst so etwas wie Heimat geworden.

Ministerpräsident kommt zum Abschied

Viele Freundschaften und Weggefährten haben sich so ergeben, eine davon ist auch der spätere Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke), der es sich an Christian Bormanns letztem Tag nicht nehmen lässt, persönlich in die coronabedingt kleine Abschiedsrunde zu kommen. "Ich erinnere mich gern an die 30 gemeinsamen Jahre", sagt Bodo Ramelow, bevor er mit dem scheidenden Betriebsratsvorsitzenden einige Anekdoten austauscht.
Zu ihnen gehören auch die Theateraufführungen, die Christian Bormann beim Sommerfest des Unternehmens ins Leben rief, und die Management- und Arbeitsebene immer wieder gleich-machten, weil alle in die Kostüme schlüpfen konnten und sollten. Diplomatie und Entschlossenheit sind es, die Christian Bormann auszeichnen und ihn drei Jahrzehnte lang zu einem engagierten und erfolgreichen Kämpfer für die Rechte seiner Mitarbeiter machten.
Einen nicht unerheblichen Anteil daran mag, so scheint es, auch Christian Bormanns christlicher Glaube zu haben. Denn wenngleich er sich als einen "sparsamen Kirchgänger" bezeichnet, seine christlichen Werte hat Christian Bormann immer mit sich getragen. Schon früh sind diese Bestandteil seiner Weltsicht geworden: "Als Kind hat meine Mutter mich ins Unitätskinderheim der Herrnhuter Gemeine gegeben. Sie war der Meinung, dass diese letzte Bastion für christliche Erziehung für Jungen gut für mich sei."

Stern als Begleitung

Doch nicht nur die Werte, wie der Respekt vor allen Menschen, waren es, die Christian Bormann prägten. Auch den Brauch der Herrnhuter Sterne behielt er bei: "Ich kann die noch heute mit verbundenen Augen zusammenstecken." Ein Stern, den Christian Bormann zwar nicht immer selbst bastelt, der aber trotzdem inzwischen zu einer eigenen Tradition geworden ist, das ist der auf dem Erfurter Willy-Brandt-Platz. "Hier fehlt einfach ein Stern", habe er sich vor etwa zehn Jahren gesagt und beschlossen, einen solchen über dem Eingang der einstigen Reichsbahndirektion zu befestigen. Immer zwischen dem Ersten Advent und Epiphanias hängt nun der Herrnhuter Stern über dem Bahnhofsvorplatz. Gehalten wird er von zwei ungenutzten Fahnenmasten. "Die stammen noch aus DDR-Zeiten, und ich glaube, dass es auch ein schönes Symbol ist, dass dort nun ein christlicher Stern hängt", sagt er.

Auch, weil Bormann schon während der Zeit, als dort noch Fahnen wehten, mit dem System und seinen Vertretern in einem inneren Konflikt war. Es sei, meint Christian Bormann, vermutlich die Herrnhuter Prägung, dass er nicht einfach klein beigeben könne und wolle, dass er auch bei Unrecht und Unzufriedenheit standhaft bleibe. Zwar würde er nie behaupten, in dieser Zeit im Widerstand gewesen sein zu sein – das Wort ist ihm zu groß –, trotzdem habe er sich nicht alles gefallen lassen und sich oft dagegen ausgesprochen. Dass er also nach der Wende die Chance nutzte, Dinge in seinem Betrieb aktiv zu verändern, das sei nur folgerichtig. Nun aber nimmt Christian Bormann seinen Hut, den er, und das ist ihm wichtig, aber vor allem erst einmal zieht. Vor seinem Team und seinen Mitmenschen.

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Paul-Philipp Braun

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