Andacht
Gepflanzt wie ein Baum am Wasser

Bild: Herr Weizenegger

Liebe Mitmenschen!

Wir unternehmen heute eine Reise ins 432 Kilometer entfernte Burgau. Genauer gesagt in die evangelische Christuskirche. Pfarrer Peter Gürth spricht die Fragen aus, die auch mich in diesen Tagen vermehrt beschäftigen. Vom „Brennglas“ oder vom „Katalysator“ von Entwicklungen ist angesichts der Coronakrise in der Politik, in den Medien und in der Kirche die Rede. Es sind Fragen, die treffen evangelische Kirchengemeinden in den alten und den neuen Bundesländern gemeinsam. Wer sind wir heute? Wonach sehnen wir uns? Wo sind Energiepunkte und lebendiges geistliches Leben, wo blüht etwas auf und möchte wachsen? Wo verdecken wir mit Geld und aufwändigem Personaleinsatz, das etwas nicht mehr so funktioniert, wie noch vor Jahrzehnten? Kunstinstallation. Wendepunkt Perspektive, so heißt die Ausstellung in der modernen Kirche in Burgau. Sie sehen im Kirchenraum verschiedene Holzskulpturen. In der Mitte eine umgekehrte Holzwurzel, deren Arme sich lebendig in die Höhe strecken. Sie steht auf dem Kopf. Ein Energiefeld mitten im Raum. Die Kirchenbänke sind leicht schräg zulaufend zum Altar zentriert. Es ragen in jeder zweiten Bank Organzabahnen zwei Meter hoch in den Raum. „Wir sehen den Mitmenschen nur noch vermittelt, durch Screens, egal ob digital, Plexiglas, oder mit einer Mund-Nasen-Bedeckung“ ist bei Pfarrer Gürth zu lesen. Die unmittelbare Kommunikation auch durch Mimik und Gestik ist gestört, verändert, überlagert. Keine Gottesdienste in der Gemeinde … manche Kirchenältestengremien haben das beschlossen bis Ende August. Andere fangen langsam mit einem gut durchdachten und verantwortungsvoll umgesetzten Hygienekonzept wieder an. Ist Gott systemrelevant? Für mich? Für meinen Ort? Vielleicht hilft es aufzustehen und die Sitzposition zu verändern? In Burgau habe ich nur vom Gang aus eine freie Sicht auf den Altar und das Kreuz als Ort der besonderen Nähe Gottes in diesem Raum. Die Holzskulpturen von Holzkünstler Bernhard  Schmid weisen dem Besucher den Weg. Eine blaue Skulptur am Eingang zieht die Aufmerksamkeit an sich. Sie wirkt einladend … nicht in der Kirchenbank Platz zu nehmen, sondern den Weg geradewegs nach vorn anzutreten. Der Blick nach vorn zur Christuskerze, den warmen Holzskulpturen mit ihren bizarren Formen und Bewegungen strahlen Schönheit und Wärme aus. Sie lenken mit all ihrer gespeicherten Lebenskraft meine Aufmerksamkeit auf Gott hin. Als Besucher möchte ich diesen freien Blick genießen und keinesfalls hinter den Plexiglasscheiben oder Stoffbahnen verschwinden. Ich möchte nicht, dass Gott dahinter verschwindet. Ich möchte seine Worte hören und mit ihm kommunizieren.

Zwei biblische Texte breiten ihre Äste aus. Sie wollen mich einladen doch hoch in die Baumwipfel zu klettern und Gottes Wort zu lauschen: „Wer auf Gottes Wegen geht, der ist wie ein Baum gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Was er macht gerät wohl.“ Dann führt ein anderer tragender Ast an diesem starken und lebendigen Baum hin zu Jesu Wort: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

Menschen und Bäume haben einiges gemeinsam. Beide wollen sie über den Dingen stehen und die Welt von oben besehen. Ja, ohne das Licht von oben, können sie nicht existieren. Das Licht ist für die Bäume lebensnotwendig und es ist für ihr Lebenskonzept systemrelevant. Bäume und Menschen wollen sich aufrecht halten und nicht auf den Boden fallen. Beide streben sie zum Himmel hinauf. Dazu brauchen Menschen und Bäume feste Wurzeln, einen festen Stand auf der Erde.  Der älteste vermutete Baum auf der Welt ist ein Nadelbaum! Die Fichte steht in Schweden und ist 9.500 Jahre alt! Die karge Landschaft und die niedrige Temperatur haben den Baum dazu veranlasst langsam zu wachsen und klein zu bleiben. Dennoch ist der oberirdische Teil dieses Baumes nur einige hundert Jahre alt. Das Wurzelsystem jedoch ist der eigentliche Greis. Aus ihr entstanden immer neue Stämme, wenn der alte abgestorben ist. So kommen wir zurück zu den Wurzeln.

Der Blick zum Kreuz – der klare Weg nach vorn – zu Gott – ohne trennendes Dazwischen ist für mich lebensnotwendig. Für mich und mein Lebenssystem bedeutet mein Glaube an Gott – Wurzeln schlagen und Flügel anlegen zugleich. Je nach Sturmstärke um mich herum und Lebenssituation kann ich mit meinen Füßen in die Erde wachsen und die Kraft aus der Tiefe in mir aufnehmen oder die Flügel des Glaubens anlegen und das was längst nicht mehr funktioniert, was tot da liegt oder nicht änderbar ist hinter mir lassen. Mein Glaube ist wie ein Baum … er speist sich aus den Quellen der biblischen Worte, aufrechter Menschen um mich herum und der Liebe zu Gott in mir. Denn auch das zeigt die Krise in diesen Tagen überdeutlich: Keiner von uns weiß, ob er am nächsten Tag wieder nach Hause kommt. Wir sind verletzliche und sterbliche Menschen. Am Donnerstag haben wir Flora eine alte Frau aus unserer Gemeinde zu Grabe getragen. Seit März wohnte sie mit anderen Menschen in einer Seniorenresidenz – genau zu dem Zeitpunkt als Besuche in den Pflegeeinrichtungen nicht mehr möglich waren. Ein einziges Mal bekommt ihr Schwiegersohn eine Ausnahmegenehmigung sie zu besuchen … Flora ist zwei mal gestürzt und nun bitten die Schwestern um einen Fernseher für Flora. Sie ist da ganz klar in ihrer Haltung: „Nimm den gleich wieder mit!“ Flora geht auf ihren 90. Geburtstag zu. Die Lebenszeit ist sehr kostbare Zeit geworden. Stunden … Tage… und sie entscheidet: Die möchte ich mit etwas Echtem auf dieser Welt verbringen, nicht mit technischem Ersatz, einer Fantasie- und Gedankenwelt … die nicht ihre ist und in diesen Tagen viel Angst verbreitet. Nicht mit trockenem längst abgestorbenem Gehölz. Mit Blick auf das Kreuz und die energetisch gut aufgestellten Skulpturen in der Christuskirche in Burgau möchte ich mit Floras Trauspruch diese Gedanken beschließen: „Diese setzen auf Wagen und jene auf Rosse, wir aber rufen an den Namen des Herrn, unseres Gottes. Sie sinken und fallen, wir aber stehen und bleiben.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

Es grüßt Sie

Pfarrerin Denise Scheel

Autor:

Denise Scheel aus Apolda-Buttstädt

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